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StartseiteKultur heute"Bibliotheken sind unverzichtbar"03.06.2008

"Bibliotheken sind unverzichtbar"

Büchereidirektor Michael Knoche: Trend geht zur Öffnung rund um die Uhr

Großzügige Öffnungszeiten seien für die Bibliotheken in Deutschland ein Muss, meint der Direktor der Anna Amalia Bibliothek, Michael Knoche. Dringend notwendig sei aber auch eine Aufstockung der Etats, denn die Bildungseinrichtungen hätten "ein riesiges finanzielles Problem".

Die wiedereröffnete Anna Amalia Bibliothek in Weimar. (AP)
Die wiedereröffnete Anna Amalia Bibliothek in Weimar. (AP)

Beatrix Novy: Dieses Jahr tagen die deutschen Bibliothekare in Mannheim. Und ihre Welt ist seit dem letzten Mal nicht unkomplizierter geworden. Um den Fortbestand des Buches auch in der digitalisierten Welt braucht man sich eigentlich keine Sorgen zu machen. Das Lesen von Gedrucktem überdauert bisher alle Untergangspropheten. Aber die Bedingungen für dieses Lesen sind nicht überall gleich günstig. Eine Frustration zum Beispiel: die täglich wechselnden Öffnungszeiten samt Schließtagen in öffentlichen Bibliotheken. Das hat schon manchen vergrault, der vergebens davorstand. Auch dazu hat uns Michael Knoche etwas gesagt. Er ist Direktor der abgebrannten und letztes Jahr wieder feierlich eröffneten Anna Amalia Bibliothek in Weimar und heute unser Gesprächspartner zum Bibliothekarstag.

Michael Knoche: Die Bibliotheken haben insgesamt in den letzten Jahren viele Sparbeiträge leisten müssen, um die öffentlichen Haushalte mit sanieren zu helfen. Aber sie haben auch erkannt, dass großzügige Öffnungszeiten eigentlich die Bedingung sind, ohne die gar nichts anderes läuft. Das heißt, es gibt schon sehr viele 24-Stunden-Bibliotheken in Deutschland, zum Beispiel die Universitätsbibliothek Konstanz oder Bielefeld. Die haben rund um die Uhr geöffnet. Und das ist der Trend auf jeden Fall bei den wissenschaftlichen Bibliotheken und die öffentlichen Bibliotheken ziehen allmählich nach.

Novy: Wie schaffen Sie das personell?

Knoche: Dafür werden oft in den Universitäten dann Sondermittel freigemacht. Und es hängt auch immer ein bisschen ab von den räumlichen Gegebenheiten der jeweiligen Bibliothek, ob mit wenig Personal eine lange Öffnungszeit garantiert werden kann. Deshalb kommt es darauf an, Bibliotheken klug zu bauen.

Novy: Nun hat sich ja die Sache mit dem Personal weitgehend dadurch sowieso geändert, dass heute Kataloge digital sind und ohne dies auch noch online. Das ist sicher ein Thema bei Ihnen auf dem Bibliothekartag, wie es damit weitergeht mit dem Internet und ins Internet hinein. Wie sehen Sie das?

Knoche: Richtig. Das Internet ist für die Bibliotheken natürlich das zentrale Austausch- und Arbeits- und Kommunikationsmedium. Und sie sind dabei, die Kataloge, die sie betreiben, immer informativer zu machen. Wir haben aber ein Strukturproblem, möchte ich auch hinzufügen bei den Katalogen in Deutschland. Aufgrund der Länderhoheit haben ursprünglich fast alle Bundesländer selber dafür gesorgt, dass es nur in ihrem Land einen Verbundkatalog gibt mehrerer Bibliotheken. Und heute ist das etwas zusammengewachsen. Aber bis wir einen nationalen Bibliothekskatalog in Deutschland haben, ist noch ein weiter Weg.

Novy: Bundespräsident Horst Köhler hat letztes Jahr bei der Wiedereröffnung der Anna-Amalia-Bibliothek ja sehr für die Bibliotheken und für mehr öffentliche Bibliotheken geworben. Gleichzeitig ist letztes Jahr ein Enquetekommission zu dem Schluss gekommen, dass es ein Bibliotheksgesetz geben sollte, und zwar deshalb, damit es Gemeinden nicht mehr freigestellt ist, eine Bibliothek als Kultureinrichtung zu führen, sondern dass sie verpflichtet sind, eine Bildungseinrichtung Bibliothek zu haben.


Knoche: Bibliotheken gehören einfach in den Bildungsbereich. Sie sind unverzichtbar für die Bildung der Kinder und Jugendlichen, aber auch für das lebenslange Lernen der Erwachsenen. Deshalb brauchen die öffentlichen Bibliotheken eine Absicherung durch Bibliotheksgesetze. Und glücklicherweise ist Thüringen jetzt das erste Bundesland, das ein solches Gesetz auf den Weg bringen wird. Die Bibliotheken haben natürlich immer noch ein riesiges finanzielles Problem. Wenn Sie sich vorstellen, wenn zwei Millionen Studierende und Wissenschaftler an den Hochschulen in Deutschland auf Bibliotheken angewiesen sind wie auf ihr tägliches Brot und wie wenig sich die Etats der Bibliotheken in den letzten Jahren entwickelt haben, können Sie sich vorstellen, welcher Belastung, welchem Benutzungsdruck diese Einrichtungen ausgesetzt sind.

Und Deutschland könnte als Wissenschaftsstandort auch weiter sein, wenn es erkennen würde, welch großen Beitrag die Bibliotheken dazu leisten könnten. Ich möchte auch noch ein anderes Beispiel nennen, das mir persönlich besondere Sorge macht. Durch den Bibliotheksbrand in Weimar sind wir ja mit den Problemen der Erhaltung der kulturellen Überlieferung ganz hautnah konfrontiert worden. Und mich bekümmert es etwas, dass es in Deutschland auch dafür keine wirkliche Strategie gibt, die sicherstellt, dass die historischen Buchbestände in den Bibliotheken und Archiven dauerhaft erhalten werden können.

Novy: Zum Bibliothekarstag, der in Mannheim beginnt, war das Michael Knoche, Direktor der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar.

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