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StartseiteTag für TagBlutvergießen in Gottes Namen oder Provokation22.07.2013

Blutvergießen in Gottes Namen oder Provokation

Der Religionssoziologen Rodney Stark blickt auf die Zeit der Kreuzzüge

In seinem Buch "Gottes Krieger - Die Kreuzzüge in neuem Licht" versucht Rodney Stark einen neuen Blick auf die Kreuzzüge zu werfen. Seine These: Der Islam habe die Kreuzzüge provoziert.

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

Papst Urban II. ruft am 27. November 1095 auf der Synode von Clermont zum Kreuzzug auf. (Stahlstich um 1800) (picture alliance / dpa / Diener)
Papst Urban II. ruft am 27. November 1095 auf der Synode von Clermont zum Kreuzzug auf. (Stahlstich um 1800) (picture alliance / dpa / Diener)
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"Die Kreuzüge entfalten noch heute Wirkung"

Das, was mit dem Ruf "Gott will es" als frommer Aufbruch begann, endete für das Abend- und Morgenland mit einer Tragödie, die auch heutige Generationen noch bewegt. Doch brachen die Ritter wirklich nur aus reiner Beutegier und Eroberungslust auf?

"In diesem Augenblick erklomm einer der Ritter die Stadtmauer. Bald danach flohen alle Verteidiger von den Mauern in die Stadt. Nachdem einmal eine Bresche geschlagen war, konnten die Kreuzfahrer nun über Sturmleitern in die Stadt einsteigen. Die Tore wurden geöffnet und mit dem Ruf 'Gott will es' stürzten die Christen in die Straßen Jerusalems. Und nun begann ein fürchterliches Gemetzel. Bis zu den Knöcheln wateten die Menschen im Blut. Die Kreuzfahrer nahmen Rache für drei Jahre Entbehrung. Nur töten war ihnen nicht genug. Männer, Frauen und Kinder wurden nicht einfach erschlagen. Einige zwang man, von den Belagerungstürmen herunterzuspringen, andere warf man zu den Fenstern hinaus, dass sie mit gebrochenem Genick liegen blieben."

Mit diesen Worten beschrieb der Schriftsteller und Theologe Johannes Lehmann vor rund 40 Jahren die Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer im Jahr 1099. Es ist eine durchaus gängige Darstellung der damaligen Ereignisse. Zusammen mit unzähligen anderer solcher Schilderungen hat sie in Europa das Bild der Kreuzzüge nachhaltig geprägt. Und so lautet denn auch die heute allgemein akzeptierte Version dieser "Urkatastrophe der Christenheit":

Die Kreuzfahrer – das waren die Blutvergießer Gottes, die mit dem Schwert in der Hand und einem Choral auf den Lippen mordend und raubend fremde Länder überfielen. Das waren Fromme, Abenteurer und Gesindel, Verführer und Verführte, die zwei Jahrhunderte lang einer Idee nachjagten, die nie Realität werden sollte. Sie ließen die erste außereuropäische Landnahme des Abendlandes zu einer Chronik von Gier und Raub, von Blut und Tränen werden.
Ein gewisser Konsens herrscht auch bei der moralischen Einordnung dieser rund 1000 Jahre zurückliegenden Ereignisse: Die Kreuzzüge rangieren im Bewusstsein vieler Europäer noch vor den Hexenverbrennungen und vor der Inquisition: Barbarische, habgierige und fanatische christliche Ritter, so der Tenor, plünderten fremde, friedliche Völker, um sie auf frühimperialistische Weise auszuplündern und zu kolonialisieren.

"Unsinn", sagt der amerikanische Religionssoziologe Rodney Stark und zeigt in seinem neuen Buch, dass die Geschichte auch ganz anders erzählt werden kann.

"So war es nicht. Die Kreuzzüge fanden nicht ohne vorhergehende Provokationen statt. Sie waren nicht die erste Runde des europäischen Kolonialismus. Sie wurden nicht wegen Land, Beute oder aus Bekehrungsabsichten geführt. Die Kreuzritter waren keine Barbaren, die die kultivierten Muslime schlecht behandelten. Sie glaubten ernsthaft, dass sie in Gottes Bataillonen dienten."

Rodney Stark setzt bei seiner Interpretation der Kreuzzüge beim Aufstieg des Islams und dem Beginn muslimischer Invasionen in christliche Gebiete an:

"Die Kreuzzüge wurden durch islamische Provokation ausgelöst, durch jahrhundertelange blutige Versuche, das Abendland zu kolonialisieren und immer wieder durch Überfälle auf christliche Pilger und Heilige Stätten zu provozieren."

Kaspar Elm, emeritierter Professor für mittelalterliche Geschichte an der Freien Universität Berlin, umreißt die Situation zu Beginn des 8. Jahrhunderts:

"Die morgenländische Christenheit ist unter dem Ansturm des Islams zusammengebrochen. Er ist in Spanien bis über die Pyrenäen hinweg vorgedrungen. 711 steht der Islam vor Konstantinopel. Der Mittelmeerraum mit den Inseln Sizilien, Sardinien, Korsika, das ist alles muslimisch geworden. Das ist die politische Situation einer Kirche und einer Christenheit, die ganz erheblich an Raum verloren hat."

Mit kräftigem Federstrich, detail- und kenntnisreich skizziert Stark zunächst die Eroberungsgeschichte großer Teile Europas, des Mittleren Ostens und Nordafrikas durch muslimische Invasoren. Er skizziert das Zusammentreffen der Kulturen, die Behandlung von Christen und Juden in den besetzten Ländern und die Massaker an den Pilgern im Heiligen Land. Er schildert den Aufbruch der Ritterheere, spart auch nicht die von Pöbelhaufen begangenen Pogrome an den Juden im Rheinland aus und nimmt die tradierten Beschreibungen unter die Lupe: etwa die extrem blutige Eroberung Jerusalems durch das Kreuzfahrerheer:

"Natürlich war es ein grausames und blutiges Zeitalter, aber man gewinnt nicht, weder moralisch noch historisch, wenn man in anachronistischer Manier die Genfer Konvention auf diese Zeit anwendet. Außerdem haben die Quellen übertrieben. Kein vernünftiger Mensch wird Raimund von Aguilers' Bericht, dass die Männer bis zu Knien und Zügeln in einem Meer von Blut ritten, wörtlich nehmen."

Denn mit diesem Bild wird nahezu wörtlich die Apokalypse des Johannes zitiert. Kaspar Elm:
"Die Quellen berichten sicher nicht zu Unrecht, dass die Kreuzfahrer, nachdem sie die Mauern überwunden hatten, direkt in die Stadt vorgestoßen sind, und zwar in den Tempelbezirk hinein, wohin sich ein Großteil der Bevölkerung zurückgezogen hatte. Dort soll in der Tat, so nehme ich das auch an, ein Blutbad stattgefunden haben, aber die Nachrichten, die wir darüber haben, sowohl von islamischer als auch von christlicher Seite, sind so maßlos übertreibend, dass man den Eindruck gewinnt, und der Eindruck ist nicht unberechtigt, dass die Darstellung aus bestimmten Gründen so übertreibend war."

Immer wieder bemüht sich Stark, Mythen zu entzaubern: etwa jenen, der sich um den berühmten Sultan Saladin rankt. Der hatte nach seiner Rückeroberung Jerusalems 1187 zahlreiche Gefangene freigelassen und sich so den Ruf als muslimischer Gentleman gesichert. Eine Ausnahme sagt Rodney Stark:

"Nach der Schlacht bei Hattin tat er persönlich mit, als einige gefangene Templer und Johanniter abgeschlachtet wurden, dann zog er sich zurück und beobachtete die Hinrichtung der anderen Christen. Er befahl, sie zu enthaupten, weil er sie lieber tot als in Gefangenschaft haben wollte. Mit ihm war eine Gruppe von Gelehrten, die alle baten, einen von ihnen töten zu dürfen. Sie zogen die Schwerter und schoben die Ärmel auf. Saladin saß erfreut auf seiner Tribüne und den Christen stand das blanke Entsetzen im Gesicht."

Die Glorifizierung Saladins ist ein modernes Konstrukt und sei, so betont auch Kaspar Elm, dem Zeitalter der Aufklärung geschuldet. In Deutschland vor allem natürlich Lessings Drama "Nathan der Weise":

"Lessing legt ja sehr großen Wert darauf, ihn als den Repräsentanten islamischer Toleranz darzustellen. Das ist sicherlich nicht ganz falsch, denn er hat bei der Eroberung Jerusalems ganz bewusst wohl auf Exzesse verzichtet. Aber seine eigentliche Bedeutung liegt vielmehr in seiner Fähigkeit, die islamische Welt zu einigen und in der islamischen Welt ein Gefühl der Solidarität zu erzeugen, das nicht zuletzt seinen Ausdruck darin findet, dass die Idee des Dschihad, des Heiligen Krieges, dem Kreuzzug gegenübergestellt wird."

Und noch eine Legende zerstört Stark, deren Kern der Islamwissenschaftler Akbar Ahmed an der Universität Washington so formuliert hat:
"Die Kreuzzüge sind eine Wunde in der arabischen Welt; sie schufen eine geschichtliche Erinnerung, die bis heute anhält: die Erinnerung an die lange Aggression seitens der Europäer."

Stark stellt klar, dass Feindseligkeiten auf muslimischer Seite wegen der Kreuzzüge erst um das Jahr 1900 aufgetaucht seien, und zwar als unmittelbare Reaktion auf den Niedergang des Osmanischen Reiches. Als Erklärung oder gar Rechtfertigung für Islamisten im Heiligen Krieg gegen den "gottlosen" Westen taugten die Kreuzzüge nicht.

Das Buch "Gottes Krieger - Die Kreuzzüge in neuem Licht" von Rodney Stark, übersetzt von Klaus Binder und Bernd Leineweber, ist im Verlag Haffmanns & Tolkemitt Berlin erschienen und kostet 22,95 Euro.

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