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StartseitePISAplusBildung ist nach wie vor ein Privileg01.03.2014

BrasilienBildung ist nach wie vor ein Privileg

Ein besseres und vor allem gerechteres Bildungswesen - das war eine der zentralen Forderungen der Brasilianer, die im Sommer 2013 auf den Straßen protestierten. Eine gute Ausbildung bleibt das Privileg der weißen Mittel- und Oberschicht. Vorbereitungskurse, Stipendien und Quotenregelungen sollen das ändern.

Von Anne Herrberg

Weiterführende Information

Schwerpunkthema: Was ist aus den Bildungsprotesten in Brasilien geworden? (Deutschlandfunk, PISAplus, 01.03.2014)

Missmanagement und soziale Ungerechtigkeit (Deutschlandfunk, Hintergrund, 08.10.2013)

Montagabend an der staatlichen Universität von Rio de Janeiro. Rund 60 Jugendliche warten hier darauf, dass der "Pre Vestibular Social" losgeht – ein Vorbereitungskurs, ohne den wohl keiner von ihnen den Eignungstest an die staatliche Universität schaffen könnte. Der 17-jährige Rodrigo Moraes ist dunkelhäutig, wie die meisten hier und wohnt in einer Favela im Norden der Stadt:

"Der Zugang zu den öffentlichen Unis ist eben nicht für alle offen, es gibt eine große Hürde für die, die wenig Geld haben und deswegen auf einer öffentlichen Schule waren. Die Ausbildung dort ist einfach zu schlecht und so kommt eins zum anderen"

Keine Ausbildung, kein gut bezahlter Job, kein Geld für die Bildung der Kinder - Rodrigo will der erste in seiner Familien sein, der diesen Kreislauf durchbricht. Sein Traum: Ingenieurswesen zu studieren – seine Chance: der Pre Vestibular Social. In den letzten zehn Jahren sind immer mehr sogenannte "soziale" Vorbereitungskurse entstanden, die gratis sind. Wie dieser hier an der staatlichen Universität von Rio - Lehrer César Milmann, der mit umgerechnet ca 1000 Euro Monatslohn mehr recht als schlecht ans Monatsende kommt, arbeitet hier trotzdem ehrenamtlich.

"Wir wollen anderes sein als die privaten Kurse, die von unserer Bildungsmisere auch noch profitieren, in dem sie viel Geld mit den Kursen verdienen. Wir wollen die Schüler nicht nur durch die Prüfung bringen sondern ihnen auch das Studieren beibringen, das Interesse an Bildung und kritischem Denken, das braucht unsere Gesellschaft"

César, Vollbart, Rundbrille, selbst Arbeiterkind, gibt heute Philosophieunterricht, er spricht über die Agora und das alte Griechenland. Viele gähnen, andere gehen zwischendurch raus, Rodrigo und sein Nebensitzer Neto aber lauschen gebannt.

"Ich mag den Lehrer, er ist lustig und erklärt die Dinge in unserer Sprache, das macht es einfacher, zu verstehen"

Ungleiche Bildungschancen

Fast die Hälfte der Teilnehmer des letzten Jahrgangs hat den Eignungstest geschafft - das heißt aber noch nichts. Denn über die Aufnahme an eine öffentliche Universität entscheidet letztlich auch die Note - es gibt aber auch eine spezielle Quotenregelung. Eine Antwort der Regierung auf die ungleichen Bildungschancen, je nach Hautfarbe und Einkommen.

Roberta Ceuss sitzt über Bücher gebeugt im Unicafé - die 25-Jährige verdankt ihren Studienplatz dieser offiziellen Quote - 50 Prozent aller Studienplätze sind für Kinder sozial schwacher Familien reserviert, viele von ihnen sind Farbige wie Roberta.

"Aus Angst vor Diskriminierung wollte ich mich erst nicht für die Quote bewerben.Denn es gibt einen versteckten Rassismus in Brasilien. Es gibt nach wie vor viele Vorurteile. Aber auch wir machen den Eignungstest. Nur erfolgt die Auswahl mit der Quote dann innerhalb einer Gruppe von Jugendlichen, die vergleichbare Voraussetzungen haben."

Bis 2016 soll explizit deren Anteil an den öffentlichen Universitäten versechsfacht werden, auf insgesamt 56.000 – eine kleine Revolution, die auch Kritik nach sich zog.

"Ich bin gegen die Rassequote, aber für die soziale Quote. Denn in meinem Jahrgang war eine Farbige, die sehr wohl Geld hatte, aber sich durch die Quote einen Vorteil verschafft hat. Stattdessen blieb vielleicht ein weißes, aber armes Kind außen vor."

Roberta untersucht das ambivalente Thema derzeit in ihrer Abschlussarbeit - an einer der besten Jura-Fakultäten des Landes. Die Quote habe dazu beigetragen, dass staatliche Universitäten heute mehr als früher sowohl die ethnische als auch soziale Vielfalt der brasilianischen Bevölkerung widerspiegeln - doch das Grundproblem sei damit noch lange nicht gelöst:

"Bildung ist nach wie vor ein Privileg, weil die Basis fehlt: Gute öffentliche Schulen und eine Reform, die das Bildungssystems an unsere sozialen Wirklichkeiten anpasst. Wir lernen mehr über europäische Geschichte als über unsere eigene. Aber nur Brasilien sich selbst akzeptiert wie es ist, können wir ein Bildungswesen aufbauen, das zur Entwicklung der Gesellschaft beiträgt."

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