Forschung aktuell / Archiv /

 

Bröckelnde Stützen

Forscher befürchten ein Auseinanderbrechen des grönländischen Eispanzers

Von Monika Seynsche

Grönland vom Satelliten aus betrachtet.
Grönland vom Satelliten aus betrachtet. (Nasa)

Glaziologie. - In den heutigen Klimamodellen spielen die großen Eisschilde Grönlands und der Antarktis nur die passiven Mitspieler, die sich nicht verändern und keinen Einfluss auf das Klima der Zukunft nehmen werden. Doch den Wissenschaftlern schwant, dass das nicht stimmen kann. Daher werden jetzt auf dem grönländischen Eisschild kontinuierliche Messungen rund ums Jahr vorgenommen, um seine verborgene Dynamik zu entdecken.

"”I don’t mean to be alarmist or anything, it is just something that some of my colleagues are beginning to think about and something that has not been included in our models.”"

Er wolle keine Panik verbreiten, sagt José Rial, es sei einfach etwas, über das man beginne nachzudenken und was bisher noch in keinem Klimamodell berücksichtigt werde. Der Geophysiker von der Universität von North Carolina sitzt in einem roten Zelt mitten im Schnee, 70 Kilometer nordöstlich von Ilulissat und belauscht das Eis, das hier etwa einen Kilometer dick ist. Rund um die Forschungsstation hat er Seismometer aufgestellt, die immer wieder Erschütterungen wahrnehmen. Rial:


"”Das scheinen genau die Momente zu sein, in denen Risse und Spalten entstehen, sich also große Eisblöcke vom Eispanzer lösen. Das passiert innerhalb von 20 Minuten, also sehr schnell.""

Das Grönländische Eis ist in der Mitte der Insel über drei Kilometer dick. Zu den Rändern hin wird es dünner. Und genau dieser Gürtel dünneren Eises ist es, in dem José Rials Geräte immer mehr Risse und Spalten entdecken. Rial:

"Dieser Eisgürtel ähnelt dem Strebewerk in einer gotischen Kathedrale, das die schweren Wände des Hauptgewölbes stützt. Der Gürtel aus dünnerem Eis stützt das schwere Eisschild in der Mitte. Wenn er instabil wird und in den Ozean stürzt, ist der ganze Eispanzer gefährdet und könnte auseinander brechen."

Sollte das geschehen, wären die Folgen für den Meeresspiegelanstieg und das globale Klima unabsehbar. Noch ist das nur eine Theorie. Was sie so beunruhigend macht, ist die Tatsache, dass Grönland jetzt schon wesentlich deutlicher auf den Klimawandel reagiert, als die Forscher noch vor zehn Jahren gedacht hätten. Jedes Jahr gehen etwa 150 Kubikkilometer Eis verloren, es gibt immer mehr Beben, Spalten und Risse und das Eis bewegt sich schneller.

Warum es schneller fließt, versucht Ginny Catania von der Universität von Texas herauszufinden. Etwa fünfzig Meter von José Rials zugigem Arbeitsplatz entfernt haben sie und ihre Kollegen ihre gelben Iglu-Zelte aufgeschlagen. Sie durchleuchten den Eispanzer mit Radargeräten und spüren dem Schmelzwasser nach, das sich jeden Sommer nach der Schneeschmelze in großen Seen auf der Eisoberfläche sammelt. Catania:

"Die Seen füllen sich während des Sommers, bis sie überlaufen und das Wasser talwärts fließt. Irgendwann erreicht es dann Gletscherspalten, in denen es bis zum Fuß des Eises gelangen kann. Wir gehen davon aus, dass das Wasser dort unten einen dünnen Film zwischen Fels und Eis bildet, auf dem der Eispanzer rutscht. Jedenfalls bewegt sich das Eis im Sommer viel schneller als im Winter."

Nicht überall auf dem Eispanzer schmilzt im Sommer der Schnee - nur in jenem Gürtel dünnen Eises, der auch José Rial Sorgen bereitet. Jedes Jahr gibt es dort mehr Beben, mehr Risse und Spalten – und damit mehr Möglichkeiten für das Schmelzwasser zum Fuß des Eises zu gelangen. Und je schneller sich das Eis auf diesem Gleitmittel bewegt, desto mehr Risse und Spalten gibt es wiederum.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Forschung Aktuell

Ebola-ImpfstoffDer Wettlauf gegen das Virus

Eine Probandin bekommt einen möglichen Ebola-Impfstoff injiziert

Einen Impfstoff gegen Ebola hätte es längst geben können. Wissenschaftler haben schon vor Jahren vielversprechende Mittel entwickelt. Aber die Zulassungsstudien dauern Jahre und sind sehr teuer - deshalb wurden sie nicht durchgeführt. Das will die Weltgesundheitsorganisation jetzt im Eilverfahren nachholen.

Ebola-Symposium: Wie gut ist Deutschland auf eine Epidemie vorbereitet?

Gewässerökologie: Plastiknanopartikel schaden Süßwasserorganismen