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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenBrüche und Umbrüche in den neuen Bundesländern04.12.2008

Brüche und Umbrüche in den neuen Bundesländern

Workshop des Innovationsverbundes Ostdeutschland an der TU Berlin

Auch zwanzig Jahre nach der Wende ist in den östlichen Bundesländer die Arbeitslosenquote doppelt so hoch wie in den alten Ländern und liegt das Bruttoinlandprodukt fast ein Drittel unter dem im Westen Deutschlands. Dieses in der Öffentlichkeit weit verbreitete Bild verdeckt jedoch die gesellschaftliche Wandlungsprozesse, die sich im Osten vollziehen. Der Innovationsverbund Ostdeutschlandforschung beobachtet diese Umbrüche. Barbara Leitner berichtet.

Von Barbara Leitner

Unmittelbar nach der Wende hieß es vor allem, Ostdeutschland müsse aufholen. (AP)
Unmittelbar nach der Wende hieß es vor allem, Ostdeutschland müsse aufholen. (AP)

"Die Innovation liegt vor allem darin, dass wir ein neue Verhältnis von Bürger, Staat und Markt finden müssen und sicher auch können. Der demografische Wandel zwingt dazu, dass man nachdenkt, was können Bürger jetzt Neues tun. Wo kann die Verwaltung plötzlich neue Prozesse einleiten, wo kann der Staat neue rechtliche Rahmenbedingungen zulassen, so dass ein neues Verhältnis gespannt wird."

Claudia Neu ist Soziologin und lehrt und forscht an der Universität Rostock sowie am Bundesforschungsinstitut für ländliche Räume in Braunschweig.

"Wenn man Ostdeutschland mit anderen schrumpfenden und alternden Regionen in Russland und auch in den USA in den Great Plains oder auch in Frankreich im Massif Central vergleicht, da sieht man, dass dort die Entwicklungen schon lange laufen. Der Blick ist bei uns durch den Blick auf Ostdeutschland und die Transformation verstellt gewesen. "

Unmittelbar nach der Wende hieß es vor allem, Ostdeutschland müsse aufholen und die Verhältnisse müssten jenen im Westen angeglichen werden. Doch der Nachbau allein funktionierte nicht. Vielmehr entwickelten sich einige Standorte mit innovativen Technologien, regenerativen Energien und auch der Landwirtschaft gerade deshalb erfolgreich und beispielgebend, weil eigene, neue Wege beschritten wurden. Statt sie nur als Glückfälle abzutun, schauen die Soziologen, welche Bedingungen konkret zu diesen Innovationen führten.

"Wenn ich solche Fälle begreifen will, muss ich suchen, die Logik solcher Entwicklungsprozesse untersuchen. Und die ist nicht rein ökonomisch. Die ist mit kulturellen Faktoren, mit sozialen und wirtschaftlichen verbunden. Also ich brauche Fallstudien, die komplex und interdisziplinär sind. Dieser Typus von Forschung ist in den Hochschulen und Forschungseinrichtungen nicht vorhanden. Also sagen wir, dass ist auch ein Feld, wo sich so etwas wie unser Netzwerk mit kleinen Instituten, sehr regionalorientiert stark einbringen können."

Michael Thomas vom Brandenburg-Berliner Institut für Sozialwissenschaftliche Studien, eines der Institute, das im Innovationsverbund Ostdeutschlandforschung diese neue Art von vernetzter Forschung betreibt. Für sie ist Ostdeutschland ein Beispiel für die Bewältigung von globalen gesellschaftlichen Umbruchsprozessen in Osteuropa und weltweit. Was die Soziologen dabei vor allem entdecken: neue Formen der Teilhabe und Gemeinschaftsbildung.

"Warum es zum Beispiel in Frankfurt zu einer Ansiedlung im Solarbereich kam, hängt zum Beispiel zusammen, dass es in der lokalen Verwaltung ein hoher Grad von Akteuren gab, die früher mit dieser Technologie verbunden war. Das heißt sie sind nicht selber mehr Nutznießer der Ansiedlung durch die Arbeitsplätze, aber sie haben das Bett für die Ansiedlung mit bereitet. Während es in Jena wieder etwas anders aussieht."

Gerade der hohe Problemlösungsdruck erzwingt in Ostdeutschland bis heute eine engere Zusammenarbeit von Wirtschaftsförderern, kommunalen Akteuren und auch Bürgern. Beispielsweise zahlen in einer Region im Süden von Sachsen-Anhalt Kleinunternehmer und Handwerker heute ihre Leistungen füreinander zu einem großen Teil mit einem Regiogeld. Sie verzichten auf Zins, vertrauen jenseits des kapitalistischen Marktes auf ihre Tauschbeziehungen und können gerade deshalb überleben.

"Ob das bestimmte Vernetzungen in Regionen sind, grenzüberschreitende Verbünde und so was ich gerne nenne so etwas wie eine neue regionale Gouvernance, meint, dass viele Akteure, folgend dem Modell des runden Tisches, in Kommunen zusammenfinden und dass alte Spaltungs- und Konfliktlinien, die wir in Westdeutschland finden, dass wir die in Ostdeutschland nicht so vorfinden."

Raj Kollmorgen, Juniorprofessor an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Für den Soziologen gibt es zwei Gründe, warum diese neuen Aushandlungsformen gerade in Ostdeutschland entstehen.

"Das eine ist, dass man mit einer solidarischen Vorerfahrung auch in solche Aushandlungsprozesse geht. Also mit einem bestimmten kulturellem Kapital, dass zum Teil noch zu DDR-Zeiten geformt wurden ist, wo genau diese klassischen Linien, die wir in Westdeutschland finden, nicht hatten und das wird als Gepäck auch nicht mitgeführt. Und das andere ist diese Umbruchs- und Krisen-Erfahrung. Und wenn man die macht, mittlerweile seit 12,15 fast 20 Jahren, dann geht man anders in diese Aushandlungsprozesse. Man wird bis zu einem gewissen Grade sensibler für neue Formen. Man wird offener. Und man hat dieses Krisenbewusstsein und weiß, wir müssen gemeinsam etwas Neues schaffen."

Von Innovation zu reden heißt für die Sozialwissenschaftler nicht zu übersehen, dass es auch in Ostdeutschland Gewinner- und Verliererregionen gibt.
Gerade in strukturell geschwächten Regionen des Ostens machen sich rechtsextreme Tendenzen breitet. Raj Kollmorgen sieht darin auch eine Form der Rebellion gegen die immer noch übliche Abwertung des Ostens durch den Westen:

"Man geht mit Missachtungsverhältnissen um und eine Form ist auch über gewaltförmig über rechtsextreme Taten und Organisationsformen sich wieder Anerkennung, alternative Anerkennung zu verschaffen. Und deswegen geht es auch nicht allein damit, dass wir demokratische Einstellungen propagieren, sondern man muss tatsächlich auch an den Entwicklungspotentialen dieser Regionen und dieser sozialen Gruppen arbeiten. Und unsere Erkenntnis ist, wenn es keine Poststation, keine Schule mehr gibt und auch kein Dorfladen mehr gibt, wo sich Leute treffen und Kommunikation im öffentlichen Raum stattfindet, da ist es sehr schwierig, daraus Engagement zu entwickeln. Dann entwickelt sich dort schon ein Klima aus gegenseitig sich abschwächenden Prozessen."

Erfolg aber - so hörte Claudia Neu bei ihren Studien in Mecklenburg-Vorpommern - messen die Bürger nicht nur an einer guten Infrastruktur, "blühenden Landschaften" und einer geringen Arbeitslosigkeit. Entscheidend ist für sie, durch bürgerschaftliches Engagement ihr Gemeindeleben gestalten zu können und dadurch das Leben lebenswert zu finden.

"Ich weiß eben aus einer Studie, dass es dort in den Gemeinden sehr gut läuft, in denen auch der Weg zur Verwaltung nicht weit ist, in denen man die Möglichkeiten kennt, man Fördermöglichkeiten beantragen kann, wo schnelle Wege sind, die da auch eine professionalisierte Unterstützung anbieten könnte, damit diese Struktur stärker und auch nachhaltiger werden."

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