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StartseiteFirmenporträtEdles Material für das Grundgesetz23.09.2016

Büttenpapier Edles Material für das Grundgesetz

Handgeschriebene Briefe werden schon lange durch Emails verdrängt. Schwere Zeiten für die Papierindustrie. Das gilt auch für die Hersteller von Büttenpapier, etwa die Firma Renker in der Eifel. Auf ihren Produkten wurden schon viele historische Verträge und Dokumente unterzeichnet.

Von Dieter Wulff

Ein Gemisch aus Zellstoff und Wasser ist am Donnerstag (15.03.2012) in der Büttenpapierfabrik in Gmund (Oberbayern) zu sehen. (dpa/picture-alliance/Marc Müller)
Das Herstellungsverfahren für Büttenpapier braucht Zeit. (dpa/picture-alliance/Marc Müller)
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Kunstlandkarte Deutschlands Abdrücke auf Büttenpapier von Gullys und Müll

"Im Fall von Zerkall, diesem kleinen idyllischen Tälchen, da gab es zwei Mühlen, die hießen dann die obere und die untere Mühle. Die Erste ist im 16. Jahrhundert, ich glaube, 1512 erstmals amtlich erwähnt", erklärt Felix Renker, der heutige Besitzer.

Sein Urgroßvater Gustav Renker, der aus der Schweiz in die Eifel gekommen war, hatte die damals bereits zur Papierherstellung genutzte Mühle 1905 mit einer klaren Geschäftsidee gekauft. Das damals fast ausschließlich von Hand geschöpfte Büttenpapier sollte nun auch industriell hergestellt werden.

Produktion mit Langsiebverfahren

Heute wird Papier fast ausschließlich im sogenannten Langsiebverfahren produziert. Das zweite Prinzip, die Rundsiebmaschine, entstand ursprünglich, um auch sehr dickes Papier herstellen zu können. Damit aber, erkannte Gustav Renker, kann man auch Büttenpapier produzieren, das man zuallererst an seinem ganz besonderen Rand erkennt, beschreibt der Ur-Enkel:

"Der Büttenrand fasert weich aus, und wenn man das Blatt gegen das Licht hält, sieht man auch, dass das Blatt zum Rand hin heller wird, das heißt, es wird dünner. Dieser Büttenrand kann nachher niemals angebracht werden."

In ganz Europa gibt es für solche Büttenpapiere nur noch sechs Hersteller. In Deutschland bietet außer Renker nur noch die niedersächsische Hahnemühle diese speziellen Produkte. Um zu erklären, wie das Papier entsteht, führt der Chef in die obere Etage der alten Backsteinfabrik.

Eine Badewanne fürs Büttenpapier

Hier, im sogenannten Holländersaal, benannt nach einem Holländer, der diese Methode erfand, stehen mehrere ovale Behälter, die wie riesige, gekachelte Badewannen aussehen. Firmenchef-Renker erklärt:

"In dieser Badewanne sitzt ein Rad, vergleichbar vielleicht mit einem Schaufelraddampfer, da sind Messer drin angebracht in dieser Messerwalze die dreht sich und treibt dadurch diesen Stoff in dieser Badewanne herum."

Die im Wasser gelösten weißen Baumwollfasern, alles Reste aus der Textilindustrie, werden in kleinste Streifen gehäckselt. Die Mischung fließt dann eine Etage weiter nach unten, wo in einer großen Halle unter ohrenbetäubendem Lärm die eigentliche Papierherstellung stattfindet. Auf einer Länge von fünfunddreißig Metern formt, presst und trocknet eine Maschine, die schon heute in jedem Technikmuseum als Highlight durchgehen könnte. Am Ende werden die Bögen einzeln entnommen. Felix Renker beschreibt:

"Für diese beiden Paletten ist die Maschine glaube ich zweieinhalb Stunden gefahren. Das sind um die vier-fünfhundert Kilo Papier."

Langsames Herstellungsverfahren

Eine moderne Papierfabrik könnte mit einer Maschine in der gleichen Zeit circa 250 Tonnen produzieren, etwas das Fünfhundertfache. Aber eben kein Büttenpapier, betont Renker: "Es ist ein sehr gemächliches Herstellungsverfahren."

In der dann folgenden Sortierung wird jede Vor- und Rückseite von einer Mitarbeiterin akribisch kontrolliert: "Da an der Seite ist etwas, was normalerweise nicht da hingehört. Das ist etwas geknickt und das darf da nicht drin sein".

Trotz all dem war auch hier die Krise der Papierindustrie massiv spürbar. Vor 50 Jahren hatte die Firma noch über zweihundert Mitarbeiter, heute sind es noch etwa dreißig.

Im Privatbereich wird Büttenpapier manchmal noch bei Hochzeits- oder Geburtsanzeigen genutzt. Wichtiger ist für die Firma heute der Kunstmarkt, denn bei vielen Kupfersiebdrucken oder Lithografien müssen bis zu sechzehn verschiedene Farben aufgebracht werden. Das ist in dieser Qualität nur mit Büttenpapier möglich. Daher drucken viele auch international bekannte Künstler auf diesem Papier aus der Eifel, meint Felix Renker sichtlich stolz:

"In Deutschland ist Horst Jansen bekannt, natürlich auch Baselitz, international hat Jasper Johns in den USA auf unseren Papieren drucken lassen."

Die Liebe der Diplomatie fürs Bütten

Und neben der Kunst lebt der Büttenpapier Hersteller auch von der hohen Diplomatie und dem Völkerrecht: "Dort sind über viele Jahrzehnte teilweise sogar auf einem bestimmten Papiertyp, den wir sogar Dokument Bütten nennen, dann eben sehr viele internationale Verträge auf unserem Papier gedruckt und unterschrieben worden."

Die Vorliebe der Diplomatie fürs Bütten hat nicht nur mit eleganter Optik zu tun. Büttenpapiere, sagt Firmenchef Renker, seien auch schwerer zu fälschen, und sie altern kaum. Mindestens hundert Jahre Altersbeständigkeit auf das Papier sind garantiert, beteuert der Ur-Enkel des Firmengründers.

Wichtige Vertragswerke auf Büttenpapier

Damit dürften wichtige Verträge wie der deutsch-französische Freundschaftsvertrag oder der Einigungsvertrag auf der sicheren Seite sein. Bei Renker ist man stolz darauf, dass beide Vertragswerke auf Renker-Bütten niedergeschrieben sind. Genauso: das Grundgesetz. Felix Renker erklärt:

"Das Originalexemplar liegt im Panzerschrank des Bundestagspräsidenten und das zweite Exemplar liegt im Bundesarchiv in Koblenz."

Und nur zu ganz, ganz seltenen Anlässen, werden diese so wertvollen Dokumente tatsächlich benutzt: "Nach unserer Kenntnis wird das Original des Grundgesetzes dann von Herrn Lammert aus dem Schrank genommen, wenn es darum geht, den Bundespräsidenten oder die Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler zu vereidigen. Die legen dann die Hand auf dieses Originalexemplar. Wer sonst noch vom Bundespräsidenten vereidigt wird, muss sich mit der Faksimileausgabe begnügen, die aber immerhin auch von 1949 stammt."

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