Kultur heute / Archiv /

 

Bundesrepublikanisches Familienepos

Oskar Roehler hat seinen Roman "Herkunft" verfilmt

Von Josef Schnelle

Regisseur Oskar Roehler verarbeitet in seinen Filmen oft Autobiografisches (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Regisseur Oskar Roehler verarbeitet in seinen Filmen oft Autobiografisches (Deutschlandradio - Bettina Straub)

In seinem neuen Spielfilm "Quellen des Lebens" verarbeitet Oskar Roehler nicht nur die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch seine eigene Biografie. Dies wird dem Film im Laufe der Handlung zum Verhängnis.

Der Filmemacher Oskar Roehler hat das alles erduldet. Eltern, die ihn herumschoben wie eine wenig geliebte Verfügungsmasse, am Rande ihrer Pläne zur Selbstverwirklichung. Das alte Westberlin mit seiner hermetisch abgeschlossenen Stimmung voller Dünkel und Selbstgerechtigkeit. Den Aufbruch zu neuen Ufern in der Wendezeit natürlich auch, und die deutsche Nachkriegsinnerlichkeit, die von der Nazizeit nicht lassen konnte, sich aber schwer tat eine eigene Identität zu finden. Seine Mutter war die berühmte Schriftstellerin Gisela Elsner, der er mit seinem Film "Die Unberührbare" 2000 ein Denkmal setzte. Sein Vater war ein bedeutender Lektor und guter Geist der deutschen Nachkriegsliteratur.

Über solche Lebensleistungen wird das persönliche Leben der Heroen des öffentlichen Lebens schnell vergessen. Die Geschichte Oskar Roehlers ist eine Opfergeschichte. Auf dem Altar der Selbstverwirklichung seiner Eltern, deren Ikonografie die frühe Bundesrepublik widerspiegelt, blieb er immer nur Ballast und Hindernis: Davon handeln alle seine Filme. Als glückliche Fügung dürften allein seine Großeltern gelten, mit deren Wiederaufstieg als Produzenten von Gartenzwergen der Film beginnt:

"Mitte der Fünfzigerjahre liefen die ersten Gartenzwerge vom Band. Der Jubel hielt allerdings nur kurz an. Die Nachfrage in den ersten Monaten war sehr zögerlich. Sie mussten auf Halde gelagert werden. In ihrem Musikantendasein erstarrt grinsten sie höhnisch auf ihn herab."

Vorher geht’s noch hart zu. Als zerrissener Kriegsheimkehrer, der die Welt nicht wiedererkennt und seine Frau auch nicht, stopft sich Jürgen Vogel ein Aluminiumgebiss ins Maul, bevor er ins heimische Haus wieder einziehen kann. In der ersten halben Stunde ist der Film ganz bei sich. Es ist wahr, echt und berührend, wenn der Kriegsheimkehrer erst einmal auf der Parkbank vor dem Haus übernachten muss, bevor dieser Fremde aus dem Krieg doch noch wieder ins Haus darf. Sein ältester Sohn hilft ihm dabei.

Doch die Erzählung dieses Films, der die ganze Zeit der Bundesrepublik umfasst, beginnt erst wirklich Fahrt aufzunehmen, wenn die nächste Generation die Bühne betritt. Moritz Bleibtreu und Lavinia Wilson spielen das dysfunktionale Elternpaar des Icherzählers, das von der Gruppe 47 bis zur Studentenbewegung die weitere erzählerische Führung dieser großen Saga übernimmt. Von Anfang an geht das gehörig schief. Klaus Freytag muss um seine Liebe kämpfen und hat schon verloren.

"Das hier ist kein Spaß und heute ist auch nicht Fasching. Das machst Du nie wieder. Das ist das letzte Mal, sonst bin ich weg. Hast Du das verstanden? Ob Du das verstanden hast?"

Weiter geht’s mit dem Resultat der Schwangerschaft, dem kleinen Robert, der sich zu den konservativen aber zuverlässigen Großeltern flüchtet und dort sogar in dem Nachbarmädchen seine große Liebe findet. Nach einer überzeugenden ersten Hälfte verliert Roehler bei diesem Film nach seinem Erfolgsroman "Herkunft" immer mehr das Gefühl für Timing und Bedeutung der Vorgänge, die er beschreibt. Der Film wird immer atemloser, hakt Episoden von Roehlers Autobiografie ab, als sei das die allerletzte Gelegenheit, seine Geschichte zu erzählen. Er changiert zwischen den Genres, verirrt sich einmal sogar in den Pennälerfilm der 60er-Jahre und ist am Ende ein dünner Aufguss der filmischen Zutaten der jüngeren Zeitgeschichte.

Ausnehmen von dieser Kritik muss man ausdrücklich die Hauptdarstellerin Lavinia Wilson, die als Gisela Ellers, dieser schrecklichen Mutterfigur mit ihren komischen Perücken, den Film prägt. Genauer noch als Hannelore Elsner in ihrer Paraderolle 2000, versteht es Lavinia Wilson letzte Nuancen aus ihrer Figur herauszuarbeiten, auch die Paranoia, die Gisela Elsner 1992 zu ihrem Selbstmord trieb.

"Ich werde vom Verfassungsschutz beobachtet. Schon Jahre lang. Die sitzen überall. Die waren sogar schon bei mir in der Wohnung. Die haben das ganze Hintergebäude gemietet, um mich zu beobachten. Abends, da sind die Wohnungen immer dunkel. Daran seh‘ ich es. Da steh‘n sie dann und beobachten mich. Die feigen Schweine. Weil ich Kommunistin bin."



Mehr bei deutschlandradio.de

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

"Kohlhaas am Gorki-TheaterLacht kaputt, was euch kaputtmacht

Das Maxim Gorki Theater, aufgenommen am 29.10.2012 in Berlin. (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)

Yael Ronen inszeniert ihr neues Stück "Das Kohlhaas-Prinzip" nach Kleist am Maxim-Gorki-Theater in Berlin als Politkabarett. Ein lustig buntes Sittenbild mit Schauspielern in einer revoluzzenden Jungmännerpose, wie es so nur dort zu sehen ist.

Salzburger PfingstfestspieleLeiser und Caurier deuten Glucks "Iphigénie en Tauride"

Die italienische Mezzo-Sopranistin Cecilia Bartoli (AFP / Dieter Nagl)

Mittlerweile ist man ja wirklich enttäuscht, wenn Cecilia Bartoli beim pfingstlichen Klassikfest an der Salzach nicht irgendetwas völlig Neues und Schräges wagt. Diesmal Glucks "Iphigénie en Tauride". Dabei zieht sie ihre singuläre Koloraturen-Show ab, ob es nun zur Rolle passt oder nicht. Trotzdem toll – ebenso wie die Inszenierung. Der fehlt es allerdings an Mythos.

Regisseur Oliver FrIjic in MünchenBeleidigend, erschütternd – unerhört intensiv

Das Gebäude vom Marstall spiegelt sich in den Glasscheiben vom Nachbargebäude am 28.02.2014 in München (Bayern). (picture alliance / dpa / Rene Ruprecht)

In seinem Projekt "Balkan macht frei" setzt sich der junge bosnische Regisseur Oliver Frljic auf erschütternd intensive Art mit deutscher Politik und historischer Verantwortung auseinander. So krass, dass das Publikum beleidigt geht und sogar in das Geschehen auf der Bühne eingreift.

 

Kultur

Eurovision Song Contest"Schicksalsschlag für Deutschland"

Die Sängerin Ann Sophie während des Eurovision Song Contests in Wien. (dpa/Julian Stratenschulte)

Schweden gewinnt den Eurovision Song Contest, für die deutsche Kandidatin Ann Sophie gab es null Punkte. "Ein schwaches Lied, aber ihr Auftritt hatte durchaus Schmiss", sagte der Literaturkritiker Rainer Moritz im Deutschlandfunk. Die Null-Nummer sei aber auch der Kanzlerin zu verdanken.

Aktionstag gegen TTIP"Der Schutz von Kultur und Medien ist nicht verhandelbar"

Die Generalsekretärin der Autorenvereinigung PEN, Regula Venske (picture alliance / dpa)

Mit einem Aktionstag gegen das Freihandelsabkommen TTIP haben die deutschen Kulturverbände ihre Forderung nach einem ausdrücklichen Schutz von Medien und Urheberrecht bekräftigt. Das sei auch nicht verhandelbar, sagte die Generalsekretärin des PEN-Zentrums Deutschland, Regula Venske, im DLF.

"Das Kongo-Tribunal" von Milo Rau"Meines Erachtens ist das ein Wirtschaftskrieg"

Der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau (dpa / picture alliance / TASS / Novoderezhkin Anton)

Ein Tribunal zum Kongo-Krieg als Film und Live-Performance - in seinem aktuellen Projekt fragt der Schweizer Regisseur Milo Rau: "Was sind die Anlässe für diesen Krieg, der einfach nicht aufhören will seit 20 Jahren?" Er versteht sich dabei als "Arrangeur eines politischen Meetings, eines Tribunals in der Tradition des Vietnam-Tribunals, vielleicht sogar des Nürnberger Tribunals".