• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 10:10 Uhr Sprechstunde
StartseiteKultur heute"Can we talk about this?"28.10.2011

"Can we talk about this?"

Britisches Bewegungstheater thematisiert religiöse Intoleranz

Das neue Stück des britischen DV8 "Physical Theatres" thematisiert die Intoleranz von Muslimen gegenüber der westlichen Gesellschaft. Regisseur Lloyd Newson bleibt mit seiner Inszenierung jedoch einseitig und weit hinter der aktuellen Debatte zurück.

Von Eberhard Spreng

Die Darstellung muslimischer Intoleranz bleibt im Stück "Can we talk about that?" einseitig. (AP)
Die Darstellung muslimischer Intoleranz bleibt im Stück "Can we talk about that?" einseitig. (AP)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Religion ist immer ein Hemmschuh"
Gefahr für die Gesellschaft

Muslime mögen keine Homosexuellen. Diese Erkenntnis hatte das DV8 Physical Theatre bei Recherchen für seine letzte Produktion gemacht. Die Toleranz ist gleich Null, wie außerdem Meinungsforscher in Großbritannien feststellten: Religiös fundierte Intoleranz wird konstatiert. Und jetzt fragt sich Lloyd Newson, ob die Toleranz in der westlichen Welt mit seinem postkolonialen Schuldbewusstsein und seiner Sorge vor Rassismus und der Islamophobie nicht einen blinden Fleck hat: Dass man also nicht sehen will, wie der Islam innerhalb des Multikulturalismus Toleranzräume einklagt, selbst aber nicht gewährt. Mit großem Eifer führt das Ensemble hierfür diverse Beispiele auf: Die zahlreichen Ermordeten, Künstler und Journalisten etwas, die in der islamischen Welt den Todesfatwas zum Opfer fielen, sind auf Porträts abgebildet, die die hübsch gruppierten Akteure vor ihrem Bauch halten und eins nach dem anderen zu Boden schweben lassen wie fallendes Herbstlaub.

Selten sind wie hier statische Bilder zu sehen. In der Regel bleiben die Tänzer in diesem Körpertheater in ständiger Bewegung, in einem permanenten Ausweichen und in etwas mechanischer Gestik. Wie die Körper ist der gesprochene Text Teil der Choreografie, rhythmisches Geschehen, wobei sich Körper und Sprache nicht unbedingt gegenseitig erhellen und gelegentlich nur als platte Analogie zueinander finden. Etwa wenn das Attentat auf den holländischen Filmemacher Theo von Gogh nacherzählt wird. Dabei wird einer Tänzerin, die kurz zuvor die islamkritische Politikerin Ayaan Hirsi Ali darstellte, in Anlehnung an Van Goghs Film "Submission" mit Wachsstift Linien auf den Köper gemalt und schließlich ein Kreuz, mit dem der Tatort gemeint ist, an dem der Islamist Mohammed Bouyeri van Gogh erschoss. Diverse Ereignisse aus der interkulturellen Kampfzone werden in diesem dokumentarischen Tanztheater in Erinnerung gerufen. Sie basieren auch auf zahlreichen Interviews, die DV8 geführt hat. Die spezielle britische Situation mit seinem großen Bevölkerungsanteil von pakistanischen Immigranten ist spürbar. DV8 erregt sich dabei darüber, dass der britische Staat 85 Scharia-Gerichte duldet. Eine zentrale These ist also: Die Multikulturelle Gesellschaft ist bestenfalls politisch verordnet, eine administrierte "Political Correctness", die den westlichen Werten widerspricht und mit gesellschaftlicher Wirklichkeit nichts zu tun hat. Zwei Monitore leisten mit Fernsehbildern ihren Beitrag zur Debatte, zu der auch milde Selbstkritik der hohen Politik gehört:

"We even tolerated these communities behaving in ways that run completely counter to our values. So when a white person holds objectionable views, racist views for instance, we rightly condemn them, but when equally unacceptable views or practices come from someone who is not white we have been to cautious, frankly eves fearful, to stand up to them."

Leider hat sich DV8 in seiner Dokumentation die Positionen der islamischen Gegenseite geschenkt. Schade, denn das hätte den übrigens religionsübergreifenden Kern des Problems besser kenntlich gemacht: Es gibt eben die vor allem islamische Bemühung, den religiösen Kern vor jeglichem westlichen Diskursgeschehen zu schützen. Also so etwas wie das Heilige, das über jeder Form der Reflexion, Relativierung, Diskussion und Bewertung zu stehen habe. Deshalb ist der gegenwärtige Islam in einem grundsätzlichen Konflikt mit dem westliche Projekt der Aufklärung. Und die titelgebende Frage "Can we talk about this?" müsste ehrlicherweise leider verneint werden. Dass aber im Schutze dieses Unberührbaren ein politischer Islam mit militanter Intoleranz in das Leben der Menschen nicht nur in westlichen Gesellschaften eingreift, ist in erster Linie ein Problem der Muslime selbst. All das klammert der bekennende Homosexuelle Lloyd Newson aus und fällt damit hinter den bereits erreichten Stand der Debatte zurück. Übrigens sind fundamentalistische Übergriffe in die Toleranzräume der westlichen Welt längst keine islamische Besonderheit mehr, wie französische Radikalkatholiken in diesen Wochen mit diversen Attacken auf die Meinungs- und Kunstfreiheit bewiesen haben.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk