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"CCS ist in Deutschland letztlich an politischen Problemen gescheitert"

Umweltexperte kritisiert Parteien für das Nichtumsetzen der CO2-Speicherung in Deutschland

Dirk Müller im Gespräch mit Hubertus Barth

Das Prinzip der CO2-Injektion in schematischer Darstellung
Das Prinzip der CO2-Injektion in schematischer Darstellung (GFZ Potsdam)

Von Anfang an hätte es ein "starkes Nein" zur CCS-Technologie aus Reihen aller Parteien gegeben, sagt Hubertus Barth. Der Umwelt- und Energieexperte des Instituts deutschen Wirtschaft bemängelt, dass man in Deutschland die Option verspielt habe, eine international einsetzbare Technik zur CO2-Speicherung weiterentwickelt zu haben.

Dirk Müller: CCS steht für Carbon Capture and Storage, zu Deutsch Kohlendioxid-Abscheidung und Lagerung. Bei dieser Technik werden die Treibhausgase also nicht wie üblich in die Atmosphäre entlassen, sondern für die unterirdische Speicherung weiterbehandelt. In vielen Bundesländern, so üblich hierzulande, gibt es massiven Widerstand gegen entsprechende Standorte für Stein- und Braunkohlekraftwerke eben unter der Erde. Gegner der CCS-Technik befürchten, dass das CO2 austreten könnte und damit auch beispielsweise das Trinkwasser versalzen könnte. Jetzt hat Peter Altmaier klargemacht, dass diese Technologie keine Zukunft hat in Deutschland.
Darüber sprechen wollen wir nun mit Hubertus Barth, Umwelt- und Energieexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Guten Tag!

Hubertus Barth: Schönen guten Tag!

Müller: Herr Barth, ist das der nächste Todesstoß für eine innovative Energiegewinnung?

Barth: Es ist wahrscheinlich nicht der Todesstoß, es ist mehr die Feststellung, dass ein langes Siechen jetzt dem Ende entgegengeht. Das ganze Thema CCS und wie es in Deutschland gehandhabt wurde, ist ja eigentlich sehr traurig. CCS ist eine technologische Option, um Treibhausgasemissionen zu reduzieren, eine Option, die auf einem globalen Maßstab auch angewendet werden muss, wenn man sich anguckt, welche Bedeutung die Kohle international tatsächlich hat, die notwendig ist - das ist auch in dem Beitrag angesprochen worden -, um auch Industrieprozesse CO2-ärmer oder fast CO2-frei gestalten zu können. Dass wir es in Deutschland nicht geschafft haben, hier Technologie voranzubringen, zu erproben - es ging ja die ganze Zeit, die ganzen Diskussionen der letzten Jahre nur um zwei Kraftwerke, an denen die Technologie tatsächlich in ihrer gesamten Kette erprobt werden sollte -, dass wir das nicht hinkriegen, ist eigentlich ein Trauerspiel. Und dass der Bundesumweltminister das jetzt sozusagen feststellt, dass es Widerstände gibt, ist zwar von der Sache her richtig, aber es wäre natürlich wünschenswert gewesen, hier ein stärkeres Werben auch für die Technologie und Aufklärung, was die Risiken angeht, zu hören.

Müller: Hat die Politik damit Milliardenoptionen verspielt?

Barth: Die Politik hat vor allem, glaube ich, eine Option verspielt, den Klimaschutz voranzubringen und eine Technologie zu entwickeln, die hier tatsächlich international eingesetzt werden kann. Es geht bei CCS gar nicht so sehr ausschließlich um die Frage, ob wir das in Deutschland anwenden oder nicht, sondern darum, ob wir einen Beitrag dazu leisten, eine Technik zu entwickeln, die international einen Beitrag leisten kann.

Müller: Wir haben in dem Beitrag von Andreas Baum, unserem Korrespondenten, ja auch gehört, dass es offenbar viele Signale auch aus der Wirtschaft, vonseiten der Industrie gegeben haben soll, die da sagen, es lohnt sich nicht, ist nicht attraktiv genug. Teilen Sie das?

Barth: CCS ist eine Technik, die im Augenblick sich nicht lohnen würde, die natürlich sich nur dann lohnt, wenn die Klimaanstrengungen so weiter vorgenommen werden sollen in der Zukunft, wie das bisher aber von der Politik gefordert ist, und die sich in Zukunft daher rechnen kann. Klimaschutz wird teurer. Es wird immer teurer, die zusätzliche Tonne CO2 zu vermeiden, und irgendwann wäre dann auch CCS etwas, was sich lohnt, gerade wenn wir über Kohle sprechen. Das ist ja das, woran es ausprobiert werden sollte, wo wir sehr hohe CO2-Konzentrationen an einzelnen Stellen haben. Es ist eine Technologie mit einer sehr günstigen Ressource, gerade Braunkohle hier ist ja relativ günstig zu produzieren, die dann entsprechend günstig genutzt werden könnte, wenn wir CCS einsetzen und die Kosten entsprechend sich so gestalten. Aber um all das herauszufinden, ob sich das rechnet, ob das technisch immer funktioniert, ob wir tatsächlich von diesen immer wieder diskutierten Risiken auch etwas feststellen, oder ob die nur diskutiert sind, dafür hätte man eine Art von Technologieentwicklung gebraucht, und um nichts anderes ging es eigentlich bei den Dingen, die hier geplant waren und die jetzt vor dem Scheitern stehen.

Müller: Und jetzt losgelöst von der Entscheidung beziehungsweise von der Ankündigung Peter Altmaiers heute - Sie plädieren nach wie vor dafür, diese unterirdische CO2-Speicherung auszuprobieren, weiterzuentwickeln, auch um neben dem Klimaaspekt weltweit vielleicht Marktführer zu werden?

Barth: Es wird sicherlich international weiter Anstrengungen im Hinblick auf CCS geben. Einzelne Komponenten, die Abscheidung, der Transport, die Speicherung, werden ja auch schon genutzt. Wir haben ja auch heute schon unterirdische CO2-Speicher oder eine Verpressung von CO2 unter die Erde, beispielsweise im Rahmen der Ölförderung oder im Rahmen der Gasförderung. Also vieles davon gibt es, die Technologie wird hier weitergehen. Aber diejenigen, die in Deutschland auch entsprechende technologische Beiträge leisten können, um damit dann hinterher auch mit den Anlagen Geld zu verdienen, die müssen das jetzt anderswo probieren.

Müller: Demnach wird die Koalition immer mehr zum Energietechnologiekiller?

Barth: CCS ist in Deutschland gescheitert und ist letztlich an politischen Problemen gescheitert, quer durch eine Reihe von Parteien. Das ist in der Koalition, aber natürlich auch ganz besonders in der Opposition zu sehen. Aus den Umweltverbänden kam in aller Regel wenig Zustimmung für CCS, aber auch in den Koalitionsparteien, da wo sie regional theoretisch hätten betroffen sein können, gab es von Anfang an ein starkes Nein - aus Sorge vor einem möglichen Streit mit der Bevölkerung vor Ort.

Müller: Die Umweltverbände, Herr Barth, haben ja auch ganz klar gesagt "nein", wegen der möglichen Gefahren. Versalzung von Trinkwasser ist ja ein Stichwort. Wie groß sind die Risiken?

Barth: Die Risiken hängen davon ab, erstens wie es technisch gemacht wird, zweitens wie die geologischen Voraussetzungen sind. Wenn ich mir angucke, dass Erdgas über lange, lange Zeit in bestimmten geologischen Strukturen bleibt und dann angezapft und rausgeholt wird, frage ich mich, warum es nicht gelingen soll, da auch CO2 entsprechend für eine ausreichend lange Zeit mitzuspeichern. Es gibt Risiken, über die muss man dann ernsthaft diskutieren, und man muss Wege finden zu eruieren, wie groß die wirklich sind, ob sie sich vermeiden lassen, ob es dann tatsächlich noch wirtschaftlich ist oder nicht. Aber Fakt ist, dass wir uns da jetzt schon weigern, dieses überhaupt erst in Angriff zu nehmen und überhaupt erst mal festzustellen, ob wir entsprechende Möglichkeiten haben. Das ist dann auch unter Umweltgesichtspunkten - und es gibt durchaus ja auch Stimmen aus der Umweltbewegung, wo es dann heißt, CCS muss international einen Beitrag leisten - eher kontraproduktiv zu sehen.

Müller: Bei uns heute Mittag im Deutschlandfunk Hubertus Barth, Umwelt- und Energieexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören.

Barth: Sehr gerne - schönen Tag!

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