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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Christian Gerlach/Götz Aly: Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden"06.05.2002

Christian Gerlach/Götz Aly: Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden"

Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. 2002, 481 Seiten, 35 Euro

Volker Ullrich

Die Deutschen sind in der Tat Zauberer. Sie brachten das Wunder fertig, dass jeder anständige Mensch ehrlich und voller Sehnsucht hoffend auf die Russen wartet, die Bolschewiki, die wahrhaft als Befreier kommen. Auch ich erwarte die Russen so.

Sandor Marai notierte das in seinem Tagebuch, nachdem deutsche Truppen im März 1944 Ungarn besetzt hatten. Der konservative und großbürgerliche Schriftsteller musste mit ansehen, wie deutscher und ungarischer Antisemitismus zueinander fanden und wie diese Allianz noch kurz vor der deutschen Niederlage die Ermordung von über 400.000 ungarischen Juden organisierte. Davon handelt der Band "Das letzte Kapitel - Der Mord an den ungarischen Juden", den Christian Gerlach und Götz Aly bei der Deutschen Verlagsanstalt herausgebracht haben. Unser Rezensent ist Volker Ullrich.

Im Herbst 1943 war die Ermordung der europäischen Juden bereits weitgehend abgeschlossen. Nur in Ungarn, dem mit dem "Dritten Reich" seit November 1940 verbündeten Staat der Madjaren, war die rund 700.000 Menschen zählende jüdische Minderheit noch vor dem Zugriff von Himmlers Schergen bewahrt geblieben. Doch ein halbes Jahr später, am 19. März 1944, besetzte die deutsche Wehrmacht das Land. Ihr folgten acht Einsatzkommandos von Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst, darunter die Vernichtungsspezialisten des Reichssicherheitshauptamtes mit Adolf Eichmann an der Spitze. In nur acht Wochen, von Mitte Mai bis zum Stop der Deportationen am 9. Juli 1944, wurden 430.000 ungarische Juden nach Auschwitz-Birkenau transportiert; die meisten wurden sofort nach ihrer Ankunft ins Gas geschickt. Etwa ein Viertel der Deportierten wurde zur Zwangarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie ausgesondert, wo wiederum viele ihr Leben verloren.

Dieses letzte Kapitel in der Geschichte der Judenvernichtung haben nun Christian Gerlach und Götz Aly akribisch erforscht. Beide Historiker sind bereits mit wichtigen Büchern hervorgetreten – Götz Aly 1995 mit einer Studie über die "Endlösung", in der er dem Zusammenhang zwischen den Umsiedlungsplänen in Osteuropa und dem Mord an den Juden nachging; Christian Gerlach 1999 mit seinem voluminösen Werk "Kalkulierte Morde", in dem er die verheerenden Konsequenzen der deutschen Besatzungsherrschaft in Weißrussland zwischen 1941 und 1944 untersuchte. Das neue Buch vereinigt die Vorzüge ihrer früheren Arbeiten: Es beruht auf gründlichen Quellenstudien in den einschlägigen internationalen Archiven. Nur in Budapest blieben den Autoren einige Aktenbestände verschlossen, in denen es um die Enteignung jüdischer Vermögen geht – ein Zeichen dafür, wie politisch brisant dieser Komplex auch in Ungarn immer noch ist. Die Darstellung besticht durch ein Höchstmaß an Präzision und Nüchternheit, was angesichts der bedrückenden Thematik besonders hervorzuheben ist. Vor allem aber gelingt es Aly und Gerlach, die komplexen Zusammenhänge aufzudecken, die den Mord an den ungarischen Juden überhaupt erst möglich gemacht haben.

Die Autoren weisen nach, dass dieses Verbrechen sich nicht nach einem detaillierten Plan, sondern in einem "interaktiven Prozess" vollzog, bei dem vielfältige Interessen und Instanzen auf deutscher wie auf ungarischer Seite zusammenwirkten. Maßgeblich für den deutschen Einmarsch im Frühjahr 1944 war die Absicht, Ungarn daran zu hindern, einen Separatfrieden mit den Westalliierten zu schließen. Zugleich wollte man die wirtschaftlichen Ressourcen des Landes verstärkt für die deutsche Kriegswirtschaft nutzbar machen, unter anderem durch die Mobilisierung von Arbeitskräften für die Rüstungsproduktion. In diesem Zusammenhang wurde auch die so genannte "Judenfrage" akut. Die Besetzung Ungarns eröffnete nicht nur die Möglichkeit, jüdische Zwangsarbeiter zu rekrutieren, sie gab auch Gelegenheit, die noch weitgehend unversehrte jüdische Bevölkerung Ungarns entscheidend zu dezimieren – ein Ziel, das Hitler und die SS-Führung niemals aus dem Auge verloren hatten. Militärisch-politische, wirtschaftliche und ideologische Motive waren, wie gezeigt wird, aufs engste miteinander verflochten.

Christian Gerlach und Götz Aly machen aber auch deutlich: Ohne die Mitwirkung der ungarischen Regierung, Verwaltung, Polizei und großer Teile der Bevölkerung hätten die deutschen Besatzer das Vernichtungsprogramm nicht ins Werk setzen können, schon gar nicht in der kurzen Frist von nur wenigen Wochen. In Ungarn hatte sich unter dem autoritären Regime des Reichsverwesers Miklós von Horthy seit 1920 ein scharfer Antisemitismus entwickelt. In den Jahren 1938 bis 1941 wurden mehrere Gesetze erlassen, welche die Rechte der jüdischen Minderheit in Ungarn stark einschränkten. "Nach dem deutschen Einmarsch" – so betonen die Autoren – "bedurfte es nur noch eines leichten Anstoßes, um die schmale Kluft zu überbrücken, die zwischen der ungarischen Judenpolitik und der deutschen lag."

Eindringlich werden die einzelnen Schritte der Ausgrenzung und Vernichtung der ungarischen Juden geschildert: Am Anfang stand die Zwangskennzeichnung durch den gelben Stern. Unmittelbar darauf folgte die improvisierte Einrichtung von Ghettos und Lagern, in denen die Juden zusammengepfercht wurden. Von hier aus wurden sie zu den Deportationszügen getrieben und in Güterwaggons, oft ohne Verpflegung, ohne Wasser, unter unmenschlichen Bedingungen nach Auschwitz verbracht. Auf allen Ebenen der Verfolgung arbeiteten die deutschen Stellen und die ungarischen Behörden reibungslos und effektiv zusammen, mit "entspannter Routine", wie es heißt. Massiver Widerstand regte sich nirgendwo in der ungarischen Gesellschaft. Im Gegenteil, nicht wenige Ungarn nutzten die Chance, um sich an dem Vermögen ihrer jüdischen Nachbarn zu bereichern oder sich ihre Wohnungen anzueignen. Nicht zu Unrecht sprechen Aly und Gerlach deshalb von einem "arbeitsteiligen Massenraubmord", dessen Beute sich viele teilten.

In ihrem Schlusskapitel, überschrieben "Zweihunderttausend Odysseen", gehen die Autoren dem Schicksal der ungarischen Juden nach, die als Zwangsarbeiter über das ganze Deutsche Reich und die besetzten Gebiete verteilt wurden. Viele von ihnen wurden bei der Verlagerung von Rüstungsfabriken in unterirdische Stollen oder beim Wiederaufbau zerstörter Anlagen eingesetzt. Die Arbeitsbedingungen waren extrem hart; Prügel und Schikanen durch SS-Wachmänner an der Tagesordnung. Dennoch legen die Verfasser Wert auf die Feststellung, dass es Abweichungen von der Norm gab, auch während der Todesmärsche in den letzten Kriegswochen. Insgesamt erlebten zwei Drittel der jüdischen Zwangsarbeiter aus Ungarn das Kriegsende – eine Zahl, die höher liegt als bisher angenommen.

Das Buch von Christian Gerlach und Götz Aly ist ein bedeutender Beitrag zur Holocaust-Forschung, und zwar vor allem aus zwei Gründen: Zum einen wird am Beispiel Ungarns exemplarisch dargelegt, dass der Mord an den Juden nicht monokausal, also aus einer einzigen Ursache, etwa dem Antisemitismus, erklärt werden kann. Vielmehr mussten verschiedene Faktoren und Antriebskräfte zusammenkommen, damit das kaum Vorstellbare Wirklichkeit werden konnte. Zum anderen verweist das Werk auf die Notwendigkeit, dem Thema der Kollaboration in den von den Deutschen besetzten Ländern mehr Aufmerksamkeit zu schenken als bisher. Damit wird die deutsche Schuld an dem monströsen Verbrechen in keiner Weise gemindert, wohl aber das Gesamtbild vollständiger und historisch genauer.

Volker Ullrich über den Band "Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden", den Christian Gerlach und Götz Aly bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart herausgebracht haben. 481 Seiten, 35 EUR. Über den eingangs zitierten ungarischen Schriftsteller Sandor Marai ist bei Piper in München eine lesenswerte Biographie erschienen. "Sandor Marai - Ein Leben in Bildern" ist das Werk überschrieben, und Ernö Zeltner ist sein Verfasser.

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