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"Da kommen Menschen an ihre absoluten physischen und psychischen Grenzen"

Mein Klassiker: Ulrike Folkerts über "Verlockung" von János Székely

Von Hartwig Tegeler

Ulrike Folkerts als Kommissarin Lena Odenthal im ARD-Tatort "Schatten der Angst".
Ulrike Folkerts als Kommissarin Lena Odenthal im ARD-Tatort "Schatten der Angst". (AP/SWR)

Auf den 800 Seiten starken Roman "Verlockung" von János Székely ist Ulrike Folkerts zufällig gestoßen. Die "Tatort"-Kommissarin war von der Lektüre begeistert. "Ich habe selten einen Roman gelesen, der mich so reinzieht und der mir wie ein Film die Bilder vor Augen führt und dieses Thema Armut in einer Art und Weise beschreibt, die mich fasziniert hat", sagt sie.

"Mein Leben begann wie ein Kriminalschmöker: Man wollte mich ermorden. Glücklicherweise wurde dieser Plan fünf Monate vor meiner Geburt gefasst, uns so hat er mich kaum sonderlich erschüttert."

"Ja, guten Tag, mein Name ist Ulrike Folkerts. Ich bin Schauspielerin, und mein Klassiker, den ich heute vorstellen möchte, ist ein dickes Buch von 800 Seiten und heißt 'Verlockung' von János Székely."

"'Bé-é-éla!' erklang die Stimme meiner Mutter. Ich stand auf, spukte in hohem Bogen aus. […] Es gab Augenblicke in meiner Kindheit, da ich für eine gute warme Mahlzeit zu allem fähig gewesen wäre."

"Es ist wirklich eine lustige Geschichte, weil ich war in den Ferien in einem gemieteten Appartement und hatte mein Buch ausgelesen, das war ein Mankell-Roman, und habe da in dem Regal gestöbert, was lese ich denn jetzt mal, was könnte ich denn mal weiterlesen. Ich hatte kein zweites Buch dabei. Und habe 'Verlockung' rausgefischt. Und eigentlich bin ich nicht diejenige, die so gerne dicke Bücher liest, und dieses Buch hat 800 Seiten gehabt, na ja, dachte ich, ob das jetzt das Richtige ist. Aber ich habe angefangen und konnte nicht mehr aufhören."

"Ja, in diesem Jahr war ich durchaus nicht das einzige Kind, das keine Schuhe hatten. Aber die anderen gingen im Winter einfach nicht zum Unterricht. […] Dass ich diese Wanderungen lebend […] überstanden habe, […] verdanke ich […] in erster Linie der ungarischen Presse. Nicht dass sich die […] übermäßig mit dem Schicksal armer Jungen befasst hätte, […] aber sie ermöglichte es mir, Morgen für Morgen meine Füße in Zeitungspapier zu verpacken, und Zeitungspapier wärmt ausgezeichnet, einerlei, was darauf gedruckt ist."

"Das Buch, das ist eine ganz einfache Geschichte. Es geht um einen Jungen, der in großer Armut aufwächst, und dessen Leben wir begleiten. Und ich habe selten einen Roman gelesen, der mich so reinzieht und der mir wie ein Film die Bilder vor Augen führt und dieses Thema Armut in einer Art und Weise beschreibt, die mich fasziniert hat. Weil, da kommen Menschen an ihre absoluten physischen und psychischen Grenzen. Aber die haben so einen starken Überlebenswillen und begegnen immer wieder auch Menschen, die ihnen ein Stück weiterhelfen. Und es gibt immer für jedes Problem doch wieder eine Lösung."

"'Gelobt sei Jesus Christus, der den armen Kindern zu Weihnachten Schuhe bringt', betete ich laut. […] Wir […] wandten dabei […] keinen Blick von den Geschenken. […] Plötzlich stockte mir der Atem: Die Alte überreichte Demeter die Schuhe. Meine Schuhe! […] 'Du hast nichts bekommen', sagte sie zu mir, und aus ihrer Stimme klang Schadenfreude."

"Ich hatte ganz viele Gedanken zu dieser Debatte über Armut in Deutschland, die wir heute führen. Und wie Armut aussieht. Ich war einfach erschrocken, was Armut früher gewesen ist und wie das ausgesehen hat. Und wie allein vor allem auch Kinder. Ich werde es weiter empfehlen, das weiß ich. Ich weiß nicht, ob ich es in zehn Jahren wieder heraus krame und wieder lesen werde. Es könnte sein, es ist eigentlich ein bisschen, wie einen Film noch einmal anschauen wollen."

"Barfuß watete ich durch den Schnee in unseren Schlafraum. […] Ich verfluchte meine Mutter. […] Ich war so leer wie eine Uhr, aus der man das Räderwerk entfernt hat."

"Dann fängt man ja an, das wie einen Schatz mit in das Leben zu nehmen. Meine Freude war dann, das weiter zu verschenken. Und jetzt mit den Leuten, die es nach mir lesen, zu kommunizieren über das Buch."


János Székely: Verlockung
Aus dem Ungarischen von Ita Szen-Iványi
Verlag SchirmerGraf München 2005

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