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StartseiteKultur heuteDas Antlitz des deutschen Kinos03.07.2008

Das Antlitz des deutschen Kinos

Michael Althens und Hans Helmut Prinzlers Filmgeschichte "Auge in Auge"

Vom Küssen, Telefonieren, Rauchen und den Augen der Männer handelt die kleine Filmgeschichte von Michael Althen und Hans Helmut Prinzler, "Auge in Auge". Mit ein bisschen Nostalgie und ganz vielen schnellen Schnitten ist die Dokumentation über den deutschen Kinofilm rasante Collage sowie elegische Hommage, kurz: eine Liebeserklärung an das deutsche Kino.

Von Josef Schnelle

Das Berliner Kino Babylon in den zwanziger Jahren. (Architekturmuseum der TU Berlin)
Das Berliner Kino Babylon in den zwanziger Jahren. (Architekturmuseum der TU Berlin)

"Das deutsche Kino. Was ist das eigentlich? Es ist eine widerspenstige Haarlocke, ein bisschen Puderstaub und eine Rose im Meeresschau. Es ist ein Boot unter Wasser und ein Schiff auf dem Trockenen. Es ist die Kunst, Krawatten zu binden, und die, ein Halstuch zu schwingen. Es ist ein Götterbote auf Rollschuhen und es sind zwei Engel im Kabrio."

Eine sanfte Erzählerstimme zählt Filmszenen auf. Filmszenen aus dem deutschen Kino. Im Kinosaal kann man sie auch sehen, aber auch die Tonspur allein lässt die Montage schon ahnen. Und das Vergnügen, das die kurzweilige Reise durch über hundert Jahre deutsche Filmgeschichte mit Ausschnitten aus rund 250 Filmen verkörpert.

Man lernt etwas über das Küssen, das Telefonieren, das Rauchen und die Augen der Männer. So etwas kann man nur zusammen schneiden, wenn man aus dem Vollen schöpft wie der langjährige Leiter der Deutschen Kinemathek Hans Helmut Prinzler und der Filmkritiker der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Michael Althen, dem übrigens die sanfte Erzählerstimme gehört.

"Auge in Auge" ist aber mehr als eine Geschichtslektion. Prominente Paten stellen ihre Lieblingsfilme vor, im Kino. Hinter Ihnen werden Szenen der Filme auf die Leinwand projiziert. Bildgestalter Michael Ballhaus zählt dazu, auch die Regisseure Wim Wenders und Tom Tykwer und der bekannteste deutsche Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase und Hans Zischler, der nicht nur Schauspieler ist, sondern auch Kinophilosoph.

Wie diese Filmemacher zum Reden gebracht werden und sich mühelos auf den Plauderton des Films einstellen, also anderes erzählen, als in den üblichen Interviews, das verrät einen hohen Standard der Gesprächskultur der Filmemacher. So beschreibt der Filmregisseur Christian Petzold zum Beispiel seinen Lieblingsfilm "Unter den Brücken" von Helmut Käutner.

"Ich würde sagen, das ist ein Desertionsfilm. Ich glaube, zur selben Zeit ist 'Kolberg' gedreht worden - auch 1944. Der Film geht auf das Schlachtfeld, versucht noch einmal alles zu verdichten: Deutschland, Männerkörper. Der Film 'Unter den Brücken' haut wirklich ab, und dass der überhaupt nicht gedreht worden ist, um irgendwas für Deutschland zu tun - das ist deswegen auch ein Desertionsfilm, und das ist mir ungeheuer sympathisch an diesem Film."

Der Film "Auge in Auge" demonstriert etwas, was es in Deutschland zu wenig gibt, vielleicht auch gar nicht, die Cinephilie, die leidenschaftliche Liebe zum Kino, die - so sagt es jedenfalls Susan Sonntag - allererst den Autorenfilm hervorgebracht hat.

Kino gibt es nicht ohne die schwärmerische Liebe zum Film und zu seinen Verführungskünsten. Da werden ziemlich alte Filme plötzlich ganz jung, und wer ein Herz hat, versteht, dass das Kino immer erotisch, meist sehr persönlich und manchmal philosophisch ist. Und ziemlich oft extrem lustig; etwa wenn in rasantem Zusammenschnitt der Abgesang auf das Telefonieren präsentiert wird.

"Telefon - Ich bin nicht da. - Ich bin dann mal weg. - Ich bin tot."

Die Sinnlichkeit und der überraschende Spaßfaktor dieses Films, der aus einem staubtrockenen TV-Projekt für zehn Filme zur deutschen Filmgeschichte hervorgegangen ist, ist eine schöne Überraschung dieses Kinosommers, die ganz sicher auch Lust auf mehr derartiger filmischer Feuilletons zur Kinogeschichte macht.

Im deutschen Fernsehen ist Kino längst zum Warentest und Schmuckthema ohne Tiefe und Eigensinn zusammengeschnurrt. Dabei hat Michael Althen schon einmal für einen ganz ähnlich strukturierten Film für den WDR 1996 einen Adolf-Grimme-Preis bekommen - "Das Kino bittet zu Tisch - Essen im Film". Kinogeschichte ist lebendig und kein bisschen langweilig. Auf die Zubereitung kommt es an.

Hans Helmut Prinzler und Michael Althen haben jedenfalls einen Stil gefunden, von dem man noch ganz viel hören und sehen möchte. Fröhliche Filmwissenschaft eben. Und wo es eine deutsche Filmgeschichte gibt, kann es ja noch mehrere geben und eine französische und eine amerikanische dazu. Mindestens.

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