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StartseiteCorsoDas Bier von unten16.09.2013

Das Bier von unten

Die Craft-Beer-Bewegung auf dem Vormarsch

Immer mehr deutsche Bierliebhaber brauen ihr Bier lieber selbst. Die sogenannte Craft-Beer-Szene erfährt einen massiven Zuwachs. Die Bewegung ist in den USA entstanden und existiert dort bereits seit 30 Jahren. Die Brauer nutzen naturbelassene und oftmals exotische Zutaten für ihre Biere.

Von Monika Hebbinghaus

Selbstgebrautes Bier als Reaktion auf die geschmacklosen Industriebiere (picture alliance / dpa /Peter Endig)
Selbstgebrautes Bier als Reaktion auf die geschmacklosen Industriebiere (picture alliance / dpa /Peter Endig)
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Pils mit Melonengeschmack

"Das ist ein Bier, was ich mit Chili gebraut hab. Und dann habe ich noch ein Experiment gemacht und es noch mit Aprikosen vergoren. Aprikosen mit in den Tank rein und gucken, was passiert."

Johannes Heidenpeter mag Experimente. Vielleicht macht ihm das Brauen deshalb so viel Spaß. Er probiert verschiedene Malz- und Hopfensorten aus, nimmt mal Korianderkörner hinzu, Orangenschalen oder eben Chili - für den scharfen Abgang. Mit dem deutschen Reinheitsgebot hat das nicht mehr viel zu tun. Aber was heißt schon "rein" bei Industriebier?

"Beim Hopfen wird einfach Hopfenextrakt, der industriell hergestellt wird, benutzt und mit Kunststoff irgendwelche Gerbstoffe rausgefiltert. Das sind eigentlich Sachen, die ich eigentlich untragbar finde. Das ist meiner Meinung nach große Lobbyarbeit und totaler Beschiss."

Mikro-Brauer setzen auf naturbelassene Zutaten, verzichten auf Filter- und Konservierungsstoffe und verwenden ungewöhnliche Hopfenarten. Was dabei raus kommt, ist ein Geschmackserlebnis, das schon mal das Leben verändern kann. Bei Heidenpeter war es ein English Porter, das ihn vom Künstler zum Brauer werden ließ.

"Das hat mich so begeistert, dass ich dann im Internet geguckt habe, und überhaupt erst mal darauf gekommen bin, dass man Bier selber brauen kann. Und eine Woche später habe ich mein erstes Bier in der Küche gebraut und dann nicht mehr losgelassen. Und ich jetzt gerade erst an dem Punkt bin, wo ich das langsam realisiere, ups, ich habe jetzt 'ne Brauerei aufgemacht."

Seine Braukessel stehen im Keller der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg. Der Weg des Quereinsteigers ist typisch für die Craft-Beer-Szene, die sich vor rund 30 Jahren in den USA entwickelt hat, als Reaktion auf die geschmacklosen Industriebiere der Großbrauereien. Viele begannen damals in ihrer heimischen Küche IPA zu brauen, India Pale Ale, ein Bier, dass die Mikro-Brauer Szene bis heute dominiert.

"Ich glaube, das hat auch damit was zu tun, dass IPA und Pale Ale ohne Kühlung hergestellt werden können, und dass da durch die verschiedenen Hopfensorten eine Riesen geschmackliche Vielfalt machbar ist, was sonst eben nicht ist."

Auch Alexander Himburg braut in seinem Braukunstkeller im hessischen Michelstadt im IPA-Stil. Dieses helle Starkbier wurde im 19. Jahrhundert in England entwickelt, um die lange Seereise in die indischen Kronkolonien zu überstehen. Im American IPA sorgen amerikanische Hopfensorten für ein fruchtiges Aroma. Himburg hat als Erster die neue deutsche Hopfenzüchtung Mandarina Bavaria eingebraut.

"Der ist entstanden durch die Kreuzung von zwei bereits bestehenden Sorten, und dabei ist zufälligerweise ein toller fruchtiger Geschmack entstanden, der in Richtung Mandarine geht."

Dieses Bier könnte sogar Frauen schmecken - auch wenn die hier auf dem Braufest Berlin stark in der Unterzahl sind.

"Ich habe jetzt India Pale Ale und Espresso am Fass. Das ist ein obergärig, sehr kräftig gehopftes Bier, wobei meins im Mittelmaß ist - ich versuch den nicht zu kräftig zu hopfen, sonst trinkt’s in Österreich keiner."

"Bierzauberei" nennt Günther Thömmes seine Mikro-Brauerei. Er war der Erste in Österreich, der sich getraut hat, obergäriges Bier zu brauen. Und er wagt auch Experimente: Espresso Ale oder Safranbier zum Beispiel.

"Es hat über zwei Jahre gedauert, bis der Knoten aufging, und jetzt, seit über einem Jahr komme ich mit der Produktion überhaupt nicht mehr nach. Und deswegen gehe ich jetzt Fremdbrauen, als Kuckucksbrauer, Gypsy Brewer, Wanderbrauer - es gibt verschiedene Definitionen."

Ein Wanderbrauer mietet sich in eine größere Brauerei ein, die noch freie Kapazitäten hat - in der Craft-Beer-Szene der klassische Weg, um sein eigenes Bier zu entwickeln, ohne zu viel zu riskieren. Er hat auch keine Angst, dass sich die Großen der Branche etwas abschauen könnten.

"Ich bin sicher, dass die nur darauf warten, dass das Marketing sagt, so, jetzt ist die Zielgruppe groß genug, und dann sagen, jetzt gehen wir los, und machen das in Massen, aber zum halben Preis oder noch weniger. Aber die werden Probleme kriegen damit. Weil denen das Wichtigste fehlt, was beim Craft Beer für die Kunden wichtig ist, und das ist Authentizität."

Die Mikro-Brauer bleiben gelassen. Weil sie wissen, für das Bier von unten gibt’s derzeit nur einen Weg - nach oben.

"Was sich jetzt die letzten sechs Monate getan hat, das ja schierer Wahnsinn eigentlich. Auch die Bier-Qualität ist sehr deutlich gestiegen. Jetzt müssen’s nur noch die Konsumenten mitkriegen. Und bei denen ist es erfahrungsgemäß auch so, wenn einer mal ein Pale Ale oder ein IPA getrunken hat, dann gibt’s keinen Weg mehr zurück zu normalem Bier."

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