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StartseiteForschung aktuell"Das ist eine Dosis, die innerhalb von ein paar Stunden tödlich ist"28.03.2011

"Das ist eine Dosis, die innerhalb von ein paar Stunden tödlich ist"

Hoher Strahlungsaustritt am AKW Fukushima festgestellt

Beunruhigende Nachrichten aus dem Kernkraftwerk Fukushima reißen nicht ab. In den Blöcken 1 bis 3 wurde stark kontaminiertes Wasser entdeckt. In Block 2 wurden am Wochenende zudem Radioaktivitätswerte von über einem Sievert pro Stunde gemessen.

Wissenschaftsjournalist Ralf Krauter im Gespräch mit Monika Seynsche

"Vermutlich hat diese partielle Kernschmelze bereits begonnen." (picture alliance / dpa)
"Vermutlich hat diese partielle Kernschmelze bereits begonnen." (picture alliance / dpa)

Monika Seynsche: Normalerweise ist so ein Abend einer Wahlsendung - gerade wenn es so eine wichtig ist wie in Baden-Württemberg - kaum Platz noch für andere Nachrichten. Aber auch hier setzt die Katastrophe in Japan neue Maßstäbe. Die Liste beunruhigender Nachrichten aus Fukushima riss auch gestern Abend nicht fest. Mein Kollege Ralf Krauter verfolgt die Situation für uns. Herr Krauter, was ist denn aus Ihrer Sicht die brisanteste Entwicklung der letzten Tage?

Ralf Krauter: Frau Seynsche, es gab zwei aus meiner Sicht. Erstens: Man hat im Keller der Turbinenhäuser der havarierten Blöcke 1 bis 3 in Fukushima stark kontaminiertes Wasser gefunden. In Block 2 wurden am Wochenende Radioaktivitätswerte von über einem Sievert pro Stunde gemessen und bestätigt. Das ist eine Dosis, die innerhalb von ein paar Stunden tödlich ist. Deshalb kann man dort derzeit niemanden länger als 15 Minuten hinschicken, um zum Beispiel Strippen zu ziehen. Genau die wären aber nötig, um endlich die regulären Kühlsysteme in den Reaktoren wieder ans Laufen zu bekommen, um die überhitzten Reaktorkerne zu kühlen und vor allem endlich mal zu stabilisieren. Deshalb wird es jetzt drauf ankommen, dieses Strahlende Wasser aus den Turbinenhallen irgendwohin zu pumpen, wo es eben weniger stört und die Rettungsaktionen nicht behindert. Entsprechende Anstrengungen laufen seit gestern in Block 1 zum Beispiel. Brisante Entwicklung Nummer zwei kam heute Mittag rein. Da wurde gemeldet, dass erstmals stark radioaktives Wasser auch in einem Kanal außerhalb des Gebäudes von Block 2 gefunden wurde. Das ist nicht das erste Mal seit Beginn der Katastrophe, dass auch außerhalb eines Reaktorgebäudes so eine hohe Strahlung, auch hier ein Sievert pro Stunde, gemessen wurde. Und die spannende Frage ist natürlich: Könnte sich diese strahlende Suppe dort auch irgendwie ins ungefähr 60 Meter entfernte Meer ihren Weg bahnen oder vielleicht ins Grundwasser gelangen? Vermutlich ist das nur eine Frage der Zeit, muss man befürchten. Und 1,5 Kilometer von der Drainageleitung der Kraftwerke entfernt wurde gestern auch bereits eine 1000-fach erhöhte Jod-Aktivität im Meerwasser gefunden. Das ist gelinde gesagt alarmierend und möglicherweise besteht da eben ein Zusammenhang.

Seynsche: Jetzt kommt ja seit einigen Tagen diese Meldung, auch die offizielle Meldung, dass es eine partielle Kernschmelze wirklich gegeben hat. Wir haben das schon seit Tagen vermutet. Ist das wirklich etwas neues?

Krauter: Naja, der Regierungssprecher Edano hat es heute offiziell in Japan verkündet und eingeräumt, dass dem wohl so sei. Neu ist es nicht, Experten sagen, schon seit mindestens zehn Tagen. Vermutlich hat diese partielle Kernschmelze bereits begonnen, weil die überhitzten Brennstäbe eben anfangen, sich allmählich zu zersetzen. Was Edano jetzt gezwungen hat, das öffentlich zuzugeben, ist einfach: Er hatte keine andere Wahl. Denn diese extremen Strahlungswerte aus den Turbinenhallen, die ich gerade erwähnte, lassen sich eben wirklich nur dadurch erklären, dass da partiell geschmolzene Brennstäbe in den Reaktorkernen in Kontakt mit diesem Wasser kam.

Seynsche: Die Betreiberfirma Tepco meldet ja jetzt auch, dass sie Messungen von unabhängigen Stellen machen lassen. Wie kann man das einschätzen? Traut diese Firma ihren eigenen Messungen nicht mehr?

Krauter: Offenbar nicht. Und zwar aus gutem Grund. Denn Tepco hatte am Wochenende einen regelrechten PR-Gau, muss man sagen. Die haben sich zwei peinliche Pannen geleistet: Einmal wurden Messwerte falsch abgelesen oder interpretiert und Strahlungswerte veröffentlicht, die um Faktor 100 zu hoch waren über dem, was real war. Nach ein paar Stunden hat man es gemerkt und zurückgerudert, dementiert. Es gab noch eine weitere Meldung, wonach große Mengen eines radioaktiven Jod-Isotops gemessen wurden, das eigentlich nur dann entstehen kann, wenn die Kettenreaktion in den Reaktoren wieder ans Laufen gekommen wäre. Auch das hat Fachleute zunächst natürlich total alarmiert, weil damit rechnet man eigentlich nicht. Das entpuppte sich aber zum Glück auch in diesem Fall als Ente. Also ich würde sagen, vertrauensbildende Maßnahmen vonseiten eines Kraftwerksbetreibers sehen anders aus. Und Regierungssprecher Edano, den wir ja schon erwähnt haben, hat in diesem Zusammenhang dann auch von Informationspannen gesprochen, die völlig inakzeptabel sind. Und das sind für japanische Verhältnisse schon sehr deutliche Worte.

Seynsche: Es hat eine partielle Kernschmelze gegeben. Was lässt sich denn jetzt wirklich noch tun, um eine komplette Kernschmelze zu vermeiden?

Krauter: Naja, es wird eben darauf ankommen, das Fortschreiten dieser partiellen Kernschmelze zu stoppen. Möglicherweise ist das schon gelungen, durch die improvisierten Kühlmaßnahmen mit Wasserwerfern und Meerwasserspülungen. Man weiß es aber nicht sicher. Das Spannende ist: Fachleute schätzen: Erst wenn die Brennstäbe wirklich zu 80 Prozent zerstört wären, erst dann könnte wirklich das Schlimmste eintreten, nämlich die komplette Kernschmelze. Das würde dann bedeuten, dass die glühend heißen Reste nach unten fallen, auf den Boden des Reaktordruckbehälters. Dort könnte es dann entweder schnell zu einer Dampfexplosion kommen oder zu einem allmählichen Druckanstieg im Druckbehälter, der den irgendwann platzen lässt. Beides ist unangenehm, konnten haufenweise strahlenden Stoff in die Umwelt blasen. Hinzu käme dann eben noch diese 1000 Grad heiße strahlende Suppe, die sich ihren Weg durch den Reaktorboden ins Grundwasser fressen könnte. Beides birgt das Potenzial zum Supergau, den man seit zweieinhalb Wochen verzweifelt zu verhindern sucht. Und ob man letztlich Erfolg hat, wird davon abhängen, ob man die Kühlaggregate endlich wieder ans Laufen bringt, um das alles unter Kontrolle zu bringen. Und die arbeiten daran werden jetzt eben durch das verstrahlte Wasser in den Turbinenhallen verzögert. Also eine prekäre Situation mit ungewissem Ausgang.

Seynsche: Vielen Dank. Mein Kollege Ralf Krauter war das.

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