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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDas Los des Teufels01.06.2009

Das Los des Teufels

Wie ein Tumor ein ganzes Ökosystem bedroht

Das letzte große Raubbeuteltier der Welt wird von einem seltsamen Tumor dahingerafft. Allein in den letzten zehn Jahren starben 60 Prozent aller Tasmanischen Teufel. Während sich die Krankheit langsam bis in die entlegensten Winkel Tasmaniens ausbreitet, versuchen australische Forscher händeringend zu verstehen, warum der Tumor wie ein Virus von Tier zu Tier springt und weshalb er vom Immunsystem der Tiere nicht erkannt wird. Gleichzeitig bereiten sie sich auf den Ernstfall vor, züchten gesunde Tiere in vorerst sicherer Entfernung auf dem Festland.

Von Monika Seynsche

Ein junges Weibchen ging den tasmanischen Wildtierforschern in die Falle. (Monika Seynsche)
Ein junges Weibchen ging den tasmanischen Wildtierforschern in die Falle. (Monika Seynsche)

szmtag

Ein lichter Eukalyptus-Wald im Südosten Tasmaniens. Der schmale Trampelpfad schlängelt sich an einem Hang entlang, vorbei an Totholz und querliegenden Ästen. Auf dem Boden liegen fingerförmige gelbe und braune Blätter. Es riecht nach ätherischen Ölen.

"We have a closed door which is a good sign. There is two more traps here, one has the door open and I think one has the door closed...."

Nick Mooney bückt sich zu einem hüftdicken Plastikzylinder hinunter. Vorsichtig öffnet er eine weiße Klappe.

"You see, how calm they are? Have a look!"

In der hintersten Ecke der Plastikfalle sitzt ein tasmanischer Teufel: schwarzes Fell mit einem weißen Querstreifen auf der Brust, die Statur ist die eines kleinen, stämmigen Hundes. Die Krallen vorgestreckt taxiert das Tier Mooney mit weit geöffneten schwarzen Augen und einer nach vorn gereckten Nase. Die Schnurrbarthaare zittern.

"She looks OK, which is nice."

Sie sehe gut aus, sagt Mooney und richtet sich erleichtert auf. Er reibt die Hände am Stoff seines blauen Overalls ab.

"Hier in den von der Krankheit befallenen Gebieten zu arbeiten, macht nicht viel Spaß. Manchmal öffnet man so eine Falle und da sitzt ein Teufel mit einem riesigen Tumor, der aussieht wie eine Pizza. Da ist es schön, hin und wieder ein gesundes Tier zu sehen."

Nick Mooney ist Wildtierbiologe beim Tasmanischen Umweltamt. Jeden Abend stellt er in den Hügeln nördlich von Hobart Fallen auf, um zu sehen, welche Tiere in dem Gebiet leben und wie es ihnen geht. Jeden gefangenen Teufel untersucht er und stattet ihn mit einem Chip aus, bevor er die Tiere wieder in die Freiheit entlässt. Vor zehn Jahren noch gingen ihm fast jede Nacht ein oder zwei Teufel in die Falle. Heute ist er froh, wenn er alle paar Tage einen sieht.

Etwa eine halbe Autostunde vom Wald entfernt hängt am Stadtrand von Hobart das Poster eines Tasmanischen Teufels an der Wand eines schmalen Büros.

"I am Hamish McCallum. I am professor for wildlife research at the University of Tasmania and I am also the senior scientist of the Save-the-devil-programme."

Professor für Wildtierforschung an der Universität von Tasmanien sei er, sagt Hamish McCallum, und der wissenschaftliche Leiter des Programms zur Rettung des Tasmanischen Teufels.

"Die Krankheit tauchte zum ersten Mal 1996 im Nordosten der Insel auf. Dort hat sie mittlerweile über 90 Prozent aller Teufel getötet. In ganz Tasmanien ist die Population um immerhin 60 Prozent eingebrochen. Und die Krankheit breitet sich immer weiter nach Westen aus."

Es ist eine seltsame Krebsart, die seit 13 Jahren das letzte große Raubbeuteltier der Welt dahinrafft. Wie ein Virus springt der Tumor von Tier zu Tier. Ist ein Teufel erst einmal erkrankt, stirbt er in der Regel innerhalb von sechs Monaten. Entweder verhungert er, weil sich die Tumoren im Gesicht so stark ausgebreitet haben, dass sie ihn beim Fressen behindern, oder er stirbt an den Metastasen. Überlebende gibt es bislang keine. Eben weil der Krebs so aggressiv ist und sich so schnell verbreitet, fürchtet Hamish McCallum, dass er innerhalb der nächsten Jahrzehnte alle noch verbliebenen Teufel auslöschen könnte. Der Tasmanische Teufel steht an der Spitze der Nahrungspyramide der Insel. Verschwindet er, hätte das Folgen für das gesamte Ökosystem. Die Zeit drängt.

Etwa 200 Kilometer nördlich von Hobart liegt Launceston, die zweitgrößte Stadt Tasmaniens und Heimat der staatlichen Tiergesundheits-Laboratorien. Ein großes, helles Labor. In einer Ecke sitzt eine ältere Dame mit rotgrauer Lockenmähne. Eigentlich sollte sie hier gar nicht sitzen, denn eigentlich ist die Zoologin und Krebsforscherin Anne-Maree Pearse schon lange im Ruhestand. Das war sie zumindest - bis die Teufel krank wurden.

"Mein Mann und ich waren gerade nach Launceston gezogen, als ich von der Krankheit hörte. Da ich viele Jahre mit Raubbeutlern gearbeitet hatte und reichlich Erfahrung in der Krebsforschung habe, rief ich hier an und sagte ihnen, dass sie mich brauchen."

Seitdem untersucht sie Krebszellen.

"Das erste, was wir gleich beim ersten Tier beobachteten, war, dass die Krebszellen zwar das Erbgut des Teufels enthielten. Aber die Chromosomen, also die Gebilde, in denen das Erbgut im Zellkern liegt, waren vollkommen durcheinandergeraten. Einige fehlten ganz, von anderen waren nur noch Teile da, und wieder andere sahen so aus als wären sie aus Bruchstücken der anderen zusammengesetzt."

Entsteht in einem Tier oder einem Menschen Krebs, sind dafür oft Veränderungen der Chromosomen verantwortlich. Das Erbgut der Tasmanischen Teufel ist auf 14 Chromosomenpaare verteilt. In den Krebszellen fanden die Forscher allerdings nur 13 Chromosomenpaare. Pearse:

"Aber richtig spannend wurde es, als wir uns die Krebszellen von verschiedenen Tieren anschauten, von Weibchen und Männchen. Dieses Chromosomendurcheinander war in allen Krebszellen identisch! Das ist seltsam, denn eine so komplexe Umordnung der Chromosomen muss das Ergebnis eines langen Prozesses sein, mit vielen Mutationen. So was entsteht nicht mehrfach spontan per Zufall. Und doch fanden wir bei jedem Tier das gleiche Chromosomenmuster."

Tasmanische Teufel pflegen einen recht gewalttätigen Lebensstil. Sie beißen sich bei der Paarung und sie beißen sich beim Streit um Nahrung. In der Regel beißen sie sich ins Gesicht, also genau dorthin, wo die ersten Tumore auftauchen. Der Krebsforscher Greg Woods von der Universität von Tasmanien in Hobart vermutet, dass die Tumore mit der Zeit bröcklig werden und Stückchen abfallen.

"Dabei gelangen einige Krebszellen auf die Zähne, und wenn der erste Teufel dann während der Paarung oder des Fressens einen Artgenossen beißt, injiziert er Krebszellen in das Tier. Dort wächst wieder ein Tumor im Gesicht und im Mund und wenn dieser Teufel dann ein drittes Tier beißt, gibt er wieder Krebszellen weiter, so dass sich die Krankheit durch die ganze Population verbreitet."

Ein ansteckender Krebs. Inzwischen vermuten die Forscher, dass er in einem einzigen Tier irgendwo im Nordosten Tasmaniens entstanden ist. Weltweit gibt es in der Natur nur zwei solche Krebsarten. Neben dem Gesichtstumor der tasmanischen Teufel ist das ein sexuell übertragbarer Tumor, der bei Hunden auftritt. Allerdings richtet dieser Tumor keinen großen Schaden an, denn das Immunsystem der Hunde erkennt den Tumor und stößt ihn ab. Bei den Teufeln aber reagiert das Immunsystem nicht auf den Eindringling. Woods:

"The tumor goes from devil to devil to devil unrecognized so it just sneakes in from one to another"

Warum kann der Tumor so unbehelligt von Teufel zu Teufel wandern? Um das herauszufinden hat Greg Woods' Kollegin Kathy Belov von der Universität Sydney Tasmanische Teufel aus dem Osten der Insel untersucht. Aus der Region also, in der die Krankheit bis heute am heftigsten wütet. Sie stieß auf eine Gruppe von Genen, die sich von Tier zu Tier kaum voneinander unterscheiden: den Haupthistokompatibilitätskomplex, oder kurz MHC. MHC-Gene sorgen dafür, dass jede Zelle mit bestimmten Eiweißen markiert wird. Sie zeigen dem Immunsystem an, dass die Zelle zum eigenen Körper gehört. Körperfremde Zellen dagegen tragen andere Eiweiße und können so vom Immunsystem erkannt und bekämpft werden. Bei den Teufeln aber funktioniert genau dieses System nicht. Belov:

"Die Teufel sind sich so ähnlich und dem Tumor so ähnlich, dass sie ihn nicht als etwas Fremdes erkennen und abstoßen können."

Vor allem die MHC-Gene sind von Teufel zu Teufel fast identisch. Dadurch ähneln sich alle Teufel- und Tumorzellen so sehr, dass das Immunsystem die Krebszellen für Teile des eigenen Körpers hält. Kathy Belov:

"Als wir uns nun Tiere aus dem im Moment noch verschonten Nordwesten Tasmaniens ansahen, entdeckten wir auf einmal Variationen in den MHC-Genen. Es wäre also möglich, dass einige dieser Tiere den Tumor als etwas Fremdes erkennen und so dem Tumor widerstehen können. Bislang haben wir allerdings noch kein solches Tier gefunden."

Niemand weiß, wann und warum die Tasmanischen Teufel ihre genetische Vielfalt verloren haben. Ist das vor vielen Jahrtausenden geschehen, etwa als Tasmanien durch den steigenden Meeresspiegel vom australischen Festland getrennt wurde? Dann haben die Tiere wahrscheinlich schon des öfteren solche Epidemien überlebt. Oder haben die Europäer etwas damit zu tun, die vor etwa 200 Jahren nach Tasmanien kamen und Teufel im großen Stil töteten? Die Antwort auf diese Frage ist wichtig, um die Überlebenschancen der Art einschätzen zu können.

Im Wald bei Hobart hat der Biologe Nick Mooney den kleinen Teufel aus seiner Falle geholt und tastet ihn vorsichtig ab.

"Yeah she is a female see here? Here is the pouch."

Ein Weibchen, sagt er und deutet auf den Beutel des Tieres.

"Sehen Sie, wie ölig der Beutel innen drin ist? Das ist ganz typisch für diese Phase. Ich würde schätzen, dass sie sich vor etwa einer Woche gepaart hat. Die Schwangerschaft dauert nur 18 bis 20 Tage, so dass die Jungen bei der Geburt winzig sind, gerade mal so groß wie ein Reiskorn. Das Öl im Beutel bedeckt die Kleinen dann und verhindert, dass sie austrocknen."

Nick Mooney injiziert einen kleinen Chip unter die Haut des Tieres, um es später wiedererkennen zu können. Vermutlich, sagt er, sei es die Tochter eines Teufelweibchens, das vor etwa einem Jahr in seiner Falle gelandet war. Das Muttertier hatte damals schon Tumoren im Gesicht. Das Junge dagegen ist gesund. Zumindest eine teuflische Eigenart hat der Krebs nicht: Er überträgt sich nicht auf die Nachkommen.

"Wenn alles gut verläuft, wird sie in etwa zwei Wochen die Jungen zur Welt bringen. Die verbringen dann rund vier Monate im Beutel, bevor die Mutter sie in ihrem Bau zurücklässt, wenn sie auf Futtersuche geht. Nach weiteren fünf bis sechs Monaten trennen sich die Kleinen von der Mutter und leben allein."

Der Krebs verbreitet sich zur Zeit nur langsam nach Westen. Das könnte daran liegen, dass die für die Immunabwehr wichtigen Gene in den westlichen Populationen vielfältiger sind. Ob darin eine Chance liegt, kann noch niemand sagen. Lange hatten die Forscher kein Tier gefunden, dessen Immunsystem den Tumor bekämpft. Dann, vor zwei Jahren kam Hoffnung auf, als ein auf den Namen Cedric getauftes Tier genau das tat. Doch jetzt ist auch Cedric an Krebs erkrankt. Die ganze Situation wird von Jahr zu Jahr vertrackter: Denn es häufen sich die Hinweise, dass der Krebs selbst sich verändert. Mittlerweile sind zwölf Varianten bekannt. Selbst wenn man also ein Tier finden würde, das gegen eine Variante resistent ist, könnte es immer noch an einer der anderen sterben.

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Während die einen erst langsam verstehen, was das überhaupt für eine Krankheit ist, versuchen die anderen händeringend, die noch lebenden Teufel vor dem Aussterben zu bewahren. Einer von ihnen ist Hamish McCallum von der Universität von Tasmanien.

"In erster Linie versuchen wir, gesunde Tiere in Sicherheit zu bringen, zum Beispiel in große Freilandgehege und eventuell später auch auf Inseln vor der Küste Tasmaniens. Außerdem denken wir darüber nach, Zäune aufzustellen, um die noch gesunden Populationen auf Tasmanien zu schützen. Und wir bringen sie in Zoos und Wildparks unter, um sie dort züchten. Wir versuchen also, die noch verbliebenen Tiere von der Krankheit zu trennen."

Die meisten Tiere auf Tasmanien sind nachtaktiv und werden dementsprechend oft von Autos angefahren. Wer über die Insel fährt, kann ihre Kadaver überall am Straßenrand sehen. Für den Tasmanischen Teufel sind sie eine willkommene Nahrungsquelle. Mit ihrem starken Gebiss können sie selbst ein kleines Känguru mit Haut und Knochen verspeisen. Und damit kommt ihnen eine wichtige Aufgabe als Hygienepolizei zu. Denn von Kadavern gehen Krankheiten aus. Je schneller sie verschwinden, desto besser für alle.

"These girls are approaching the one year of age mark..."

Eine Tierpflegerin führt eine Besuchergruppe zum Teufelgehege im Zoo von Sydney. Hinter einer Glasscheibe streiten sich vier kleine Teufel um ein totes Hühnchen. Taronga Zoo ist einer von 18 Zoos auf dem australischen Festland, in denen für den Ernstfall Tasmanische Teufel gezüchtet werden. Verantwortlich für das Züchtungsprogramm in Sydney ist der Kurator Paul Andrew.

"Der Krebs ist ja deshalb übertragbar, weil sich die Tiere so ähnlich sind. Deswegen versuchen wir für unser Zuchtprogramm Tiere aus allen Ecken Tasmaniens zu bekommen, um möglichst viel von der genetischen Vielfalt, die noch übrig ist, zu erhalten. Sonst kommt in zehn Jahren ein anderer Krebs und hat leichtes Spiel mit einem noch ärmeren Genpool."

Das Ziel lautet 95/50: 95 Prozent der genetischen Vielfalt über 50 Jahre hinweg retten. Andrew:

"We estimate it costs in the order of 10.000 dollars a year per devil - so 160 spaces is costing our regional zoos one and a half million a year."

Zehntausend australische Dollar pro Jahr verschlinge das Programm - pro Teufel. Die zurzeit 160 Tiere auf dem Festland kosteten die Zoos also rund eineinhalb Millionen Dollar im Jahr. Dabei sei allen Beteiligten klar, dass es nicht darum gehe, einfach die Art im Zoo zu erhalten, sagt Paul Andrew. Das dürfe nur ein Schritt sein, auf dem Weg, sie wieder in die Wildnis zu entlassen. Nick Mooney:

"We will look at her face now. Yeah that is another one... she is starting to loose her patience with me now."

Im Wald bei Hobart verliert das Teufelweibchen langsam die Geduld mit Nick Mooney. Ihr Blutdruck steigt und lässt die Haut ihrer Ohren einen dunkelroten Ton annehmen. Sie schnaubt hörbar, als der Biologe ihr Maul begutachtet.

"Sie hat noch kleine scharfe Zähne, also ist sie erst ein Jahr alt, etwas jünger als ich gedacht hatte. In einer gesunden Population wäre es sehr ungewöhnlich, in diesem Alter schon trächtig zu sein. Aber hier in den von der Krankheit befallenen Gebieten beobachten wir immer öfter sehr junge Mütter. Dadurch kompensieren sie die Verluste durch den Krebs ein wenig. Dieses Tier hier ist in einer sehr guten Verfassung, nur eben ein bisschen klein."

In gesunden Populationen würden Teufel erst mit zwei bis drei Jahren anfangen, Nachkommen zu zeugen, erzählt Nick Mooney.

"Wir haben zurzeit ein Überangebot an Nahrung. Etwa zwei Drittel aller Teufel sind aus der Region verschwunden, aber das Nahrungsangebot ist immer noch dasselbe. Das heißt, die übriggebliebenen Tiere können viel schneller wachsen und früher geschlechtsreif werden. Mit dieser Strategie reagieren viele Arten auf Druck."

Aber genau diese Ausweichstrategie der Tiere macht die Sache nach Paul Andrews Ansicht kompliziert. Denn er sucht den richtigen Zeitpunkt, seine im Zoo gezüchteten gesunden Tiere wieder auf Tasmanien aussetzen zu können. Andrew:

"Das wird nicht einfach werden, denn dadurch, dass die Teufel früher geschlechtsreif werden und Nachkommen zeugen, bevor der Krebs sie tötet, könnte sich die Krankheit in der Population halten. Würde der Krebs dagegen alle Teufel auslöschen, würde er mit dem letzten Teufel ja auch selbst verschwinden. So aber reduziert die Krankheit zwar die Zahl der Teufel, stirbt aber nicht selbst aus. Das müssen wir berücksichtigen."

Denn, fügt er hinzu, es ergebe ja keinen Sinn, gesunde Tiere auf Tasmanien auszusetzen, solange der Krebs dort noch wütet. Und selbst wenn die Krankheit irgendwann dazu übergehen sollte, nicht nur erwachsene Tiere sondern alle Teufel zu befallen - nach Nick Mooneys Ansicht ist Tasmanien viel zu groß und unüberschaubar, um mit hundertprozentiger Sicherheit sagen zu können, dass der letzte Teufel tot ist und damit der Krebs ausgerottet.

"Sie würden nie wissen, ob die Art wirklich ausgestorben ist. Denken Sie nur daran, dass dort draußen immer noch Leute nach dem vermutlich in den 30er Jahren ausgestorbenen Tasmanischen Tiger suchen. Mit dem Teufel würden wir in genau die gleiche Situation kommen."

Es wird nicht leicht werden, die Teufel auf Tasmanien zu retten. Deshalb fangen die Forscher langsam an, über Alternativen nachzudenken. Eine Alternative wäre das australische Festland. Dort haben Tasmanische Teufel bis vor etwa 2000 Jahren gelebt. Heute gibt es keine wilden Teufel mehr auf dem Festland, aber eben auch keinen Krebs. Man könnte Zootiere also hier aussetzen, ohne Sorge haben zu müssen, dass sie von wilden Artgenossen angesteckt werden. Allerdings sind die Teufel auf dem Festland vor 2000 Jahren vermutlich von Dingos ausgerottet worden. Und die sind in Australien bis heute weit verbreitet. Bevor man also Teufel auf dem Festland aussetzt, müsste man die Dingos unter Kontrolle bringen. Und es gibt noch ein weiteres Problem, sagt der Wildtierforscher Hamish McCallum von der Universität von Tasmanien: europäische Füchse.

"Nirgendwo auf der Erde sind in den vergangenen 300 Jahren so viele Säugetierarten ausgestorben wie auf dem australischen Festland. Wir haben mehr als ein Viertel unserer Säugetiere verloren. Die meisten von ihnen waren kleine bodenbewohnende Pflanzenfresser. Mit der allergrößten Wahrscheinlichkeit sind sie verschwunden, weil sie von eingeschleppten Raubtieren wie dem europäischen Rotfuchs und entlaufenen Hauskatzen gejagt wurden."

Füchse und Tasmanische Teufel sind direkte Konkurrenten und besetzen die gleiche ökologische Nische. Ist die eine Art weit verbreitet, kann die andere kaum Fuß fassen. Auf dem australischen Festland konnten sich die Füchse vermutlich deshalb ausbreiten, weil es keine Teufel gab. Wollte man die Teufel jetzt wieder dort aussetzen, hätten sie also nur eine Chance, wenn es vorher gelänge, die Füchse zurückzudrängen.

"What I do, is just put her quietly here. There she goes."

Auf Tasmanien gibt es bislang nur sehr, sehr wenige Rotfüchse. Warum, ist nicht letztendlich geklärt. Es hat immer wieder Versuche gegeben, Füchse auf der Insel anzusiedeln. Zuerst von ahnungslosen britischen Siedlern, die am Ende der Welt ihre Heimat nachbilden wollten. Später von Hobby-Jägern, die tasmanische Umweltschützer ärgern wollten. Durchgesetzt haben sich die Füchse nie. Nick Mooney ist überzeugt davon, dass dafür die Tasmanischen Teufel gesorgt hatten.

"Es wäre sehr schwer für einen Fuchs, seine Jungen aufzuziehen, während überall Teufel herumlaufen. Tasmanische Teufel sind extrem neugierig, kein Fuchsbau wäre vor ihnen sicher. Sie würden sich über die Nahrungsreste und über die Jungfüchse hermachen. Und Teufel sind stärker als Füchse, sie wären also im Zweifelsfall überlegen. Aber diese Krankheit verändert die Machtverhältnisse."

Der Biologe vom tasmanischen Umweltamt fürchtet, dass der Gesichtstumor die Tasmanischen Teufel so sehr dezimiert, dass die Füchse Gelegenheit bekommen sich auszubreiten - mit gravierenden Folgen für das gesamte Ökosystem der Insel.

"Oh, somebody is home. Right I see who is home."

Ein paar Meter entfernt von dem Teufelweibchen im Wald bei Hobart liegt eine weitere Falle mit geschlossener Klappe.

"Yep, we have a quoll. This is an eastern quoll."

In den hintersten Winkel der weißen Röhre hat sich ein hellbraunes Fellknäuel mit weißen Punkten verkrochen und starrt den Forscher mit großen braunen Augen an. Kaum größer als ein Kaninchen, mit einer spitzen Schnauze, kurzen, krallenbehafteten Beinen und einem langen Schwanz: ein Tüpfelbeutelmarder.

"Das ist ein kleiner Fleischfresser. Die Tiere ernähren sich zu ungefähr 90 Prozent von Insekten und zu zehn Prozent fressen sie Wirbeltiere"

"I'll check this one."

Nick Mooney zieht sich weiße Plastikhandschuhe an, bevor er den Tüpfelbeutelmarder aus seiner Falle befreit. Die Tiere dieser Art sind die nächsten lebenden Verwandten des Tasmanischen Teufels, und niemand weiß, ob die Krankheit in der Lage ist, Artgrenzen zu überspringen. Mooney:

"A young female see the pouch is not yet fully formed ...that is the pouch in there ... just get my fingertip in."

Ein junges Weibchen sei es, erzählt er, mit einem noch nicht voll ausgebildeten Beutel.

Kaum hat Nick Mooney das Tier auf den Boden gesetzt, ist es in Windeseile hinter dem nächsten Baum verschwunden.

"Auf dem australischen Festland haben Millionen von Tüpfelbeutelmardern gelebt - bis die Füchse kamen und sie innerhalb kurzer Zeit ausstarben. Eines der Probleme: Füchsen gefällt es in der Regel genau dort am besten, wo auch Tüpfelbeutelmarder gern leben. Generell werden die Arten die größten Schwierigkeiten bekommen, die etwa diese Größe haben und ein ähnliches Habitat wie Füchse oder Katzen brauchen. Außerdem die Arten, die mit den eingeschleppten Raubtieren um Futter konkurrieren und von ihnen gejagt werden. Wenn Sie also die Liste der möglichen Risiken durchgehen, steht der Tüpfelbeutelmarder ganz oben."

Tüpfelbeutelmarder leben heute nur noch auf Tasmanien. Falls der Rotfuchs die Insel übernimmt, wären die Tüpfelbeutelmarder allerdings nicht die einzigen Leidtragenden.

"There is about five species that we would expect to be in very serious trouble if the situation gets out of hand."

Sollte die Situation außer Kontrolle geraten, wären fünf Arten in ganz besonders großen Schwierigkeiten. Arten, die auf dem Festland schon vom Fuchs ausgerottet wurden und nur auf Tasmanien überlebt haben.

"Bürstenkänguru, das sich von Pilzen ernährt, der Tasmanische Langnasenbeutler - ein kleiner Insektenfresser, der Rotbauchfilander - ein kleines känguruartiges Tier und das flugunfähige Tasmanische Pfuhlhuhn. Und von diesen Arten hängen wieder andere Arten ab, die durch den Verlust sehr selten würden und unter Umständen ebenfalls aussterben könnten."

Eine Kettenreaktion mit unabsehbaren Folgen. Um sie zu verhindern, legen die Biologen vom Tasmanischen Umweltamt zurzeit Tausende von vergifteten Ködern aus. Mooney:

"Wir verwenden als Gift Natriumfluoracetat. Die meisten einheimischen Tiere sind vergleichsweise unempfindlich gegen dieses Gift, da es natürlicherweise in einigen australischen Pflanzen vorkommt. Aber eingeschleppte Arten wie der Rotfuchs haben dem Gift nichts entgegenzusetzen. Ein Fuchs stirbt schon, wenn er einen einzigen Köder frisst. Ein Tasmanischer Teufel dagegen müsste 30 Köder fressen, bevor er stirbt. Wir haben mit diesem Gift also einen sehr großen Sicherheitsspielraum."

Die Forscher versuchen, die ökologische Nische des Tasmanischen Teufels frei zu halten. So lange, bis der Krebs besiegt ist, und die Teufel selbst ihren Platz an der Spitze der Nahrungspyramide Tasmaniens wieder einnehmen können. Gelingt ihnen das nicht, werden zahlreiche einzigartige Arten für immer verschwinden. Nick Mooney:

"Die Risiken sind spektakulär. Wenn wir die Rotfüchse jetzt nicht loswerden, ist das für immer. Ich bin überzeugt davon, dass Füchse einen größeren Einfluss auf die tasmanischen Säugetiere haben könnten, als die letzte Eiszeit."

Es ist Paarungszeit bei den Tasmanischen Teufeln.

Etwas abseits vom Wald ist ein Teufelmännchen ganz und gar nicht begeistert, als Nick Mooney sich vorsichtig nähert.

"Das ist ein Erkennungsruf. Der ist wahrscheinlich an mich gerichtet: Wer zur Hölle bist du? Und da schreit das Weibchen, um das Männchen von sich fernzuhalten."

Es sind brutale - teuflische - Kämpfe. Am Schluss wird das Männchen das Weibchen seiner Wahl mit einem Biss in den Nacken unterwerfen. Mooney:

"See, she has been bitten on the back."

Ein Biss, der den Teufeln zum Verhängnis werden könnte.

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