Kultur heute / Archiv /

Das Mädchen und der Vatermörder

"Töte mich" - exentrisches Roadmovie von Emily Atef

Von Josef Schnelle

Szene aus dem Film "Töte mich" von Emily Atef
Szene aus dem Film "Töte mich" von Emily Atef (Niko-Film)

Ein Gewaltverbrecher und ein 15-jähriges Mädchen werden in "Töte mich" zu einer verschworenen Schicksalsgemeinschaft. Und eine Sache steht am Ende fest: Etwas besseres als den Tod finden sie überall.

Zugegeben – ein bisschen konstruiert ist die Story schon. Ein lebensmüdes 15-jähriges Mädchen trifft auf einem abgelegenen Bauernhof auf einen Ausbrecher, einen stadtbekannten Vatermörder. Adele steht am Abgrund. Doch sie schafft es nicht sich alleine hinunter zu stürzen. Mit dieser Szene beginnt der Film. Das ist auch das Plakatmotiv. Die halbwüchsige Adele arbeitet auf dem Bauernhof ihrer Eltern. Es ist ein schweres Leben. Wenn sie eine Kuh aus den Augen verloren hat muss sie gleich noch einmal hinaus und sie suchen. Über Gefühle wird in dieser Familie nicht geredet, auch nicht darüber dass der ältere Bruder kürzlich umgekommen ist. Doch dann geschieht etwas:

"Warum sind die Polizisten da?" – " Im Gefängnis hats gebrannt. Da ist einer ausgebrochen." – "Warum war er im Gefängnis?" – "Er hat wohl seinen Vater totgeschlagen."

Wenig später spürt Adele den heißen Atem des Ausbrechers Timo, der zu allem bereit scheint. Er ist wie ein Tier auf der Flucht. Den Mund hält er ihr zu und verschleppt sie in die finstersten Winkel des Anwesens. Doch er ist auch eigenartig hilflos - dem Wohlwollen Adeles ausgeliefert. In seiner Schulter steckt ein großer Glassplitter und all die Posen des skrupellosen Gewalttäters wollen ihm auch nicht mehr so recht gelingen. Der virile ungewaschene Mann mit dem Dreitagebart ist der pubertären Kraft des Mädchens Adele kaum gewachsen. Sie schlägt ihm einen prekären Deal vor:

"Ich hol das raus und morgen bring ich Dich in die nächste Stadt, wo unsere Milch immer hingebracht wird. Da gibt’s Laster mit denen du weiter fahren kannst. Fernverkehr. Aber dafür musst Du auch was für mich tun. Wenn wir da sind. Wenn Du sicher bist. Dann musst Du mich von einem Abhang stoßen. Ich hab versucht zu springen. Aber ich schaff das nicht allein. Ich brauch nur einen Schubs."

So geht die Geschichte los. Aber sie bleibt natürlich nicht so. Timo will nach Marseille. Ein Roadmovie durch Wälder und Einöden beginnt, bei dem die beiden Protagonisten sich seelisch immer näher kommen. Adele begreift, dass Timo nicht einfach nur ein Mörder ist. Und Timo versteht nach und nach was hinter Adeles seltsamem Todeswunsch steckt. Mehr und mehr werden die beiden - stets verfolgt von ihren Polizeijägern, die immer im Ungewissen zu operieren scheinen - zu einer verschworenen Schicksalsgemeinschaft. Im Wald kläfft manchmal weit weg ein Hund. Über dem Gebirgsmassiv sind ferne Hubschrauberrotoren zu hören. Adele verliert ihr Ziel nicht aus den Augen, aber sie fügt sich auch zunehmend fasziniert in die Rolle einer zuverlässigen Gefährtin auf der Flucht.

"Da war ein Bild von uns in der Zeitung. Ich glaube sie wissen, dass wir in Frankreich sind."

Bald ist die Ausgangsgeschichte ganz vergessen, gelingt es doch Emily Atef ihre beiden Charaktere mit großem Stilwillen in einem luftleeren und gesellschaftsfernen archaischen Raum zu verorten. Emily Atef verzichtet auch auf jegliche erotischen Untertöne, was vielleicht nicht sehr glaubwürdig ist, der Geschichte aber einen zusätzlichen Zug ins Abstrakte verleiht. "Du musst mehr trinken" raunt der vermeintliche Gewaltverbrecher dem Mädchen fürsorglich ins Ohr und sorgt dafür, dass sie stets wettergerecht gekleidet ist. Adele hilft Timo andererseits sogar dabei, seinem Stiefbruder im schicken Appartement in Marseille ein bisschen Geld abzupressen. Und am Ende gehen die beiden gemeinsam in eine ungewisse Zukunft, ohne ihre jeweiligen Vorhaben am Anfang der Geschichte tatsächlich zu Ende geführt zu haben. In das Meeresrauschen am Hafen von Marseille mischen sich ein paar Gitarrenriffs, ganz so als habe die Lebensreise dieser beiden gerade erst begonnen. Aus dem anfänglichen Auftrag "Töte mich" wird ein lebensbejahendes "Etwas besseres als den Tod finden wir überall."

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kultur heute

BallettErfolgreicher Auftakt der Reihe "Dutch Doubles"

Der dänische Choreograf Hans van Manen bei einer Gala anlässlich seines 80. Geburtstages im Jahr 2012.

Für Hans van Manens Reihe "Dutch Doubles" bringt das Holländische Nationalballett vier Choreografen mit vier Vertretern anderer Künste zusammen: zum Beispiel die Fotografin Rineke Dijkstra oder den Designern Viktor und Rolf. Kritikerin Wiebke Hüster zeigt sich von dem Tanzabend in Amsterdam, an dem der Teil "Dances With Harp" gezeigt wurde, begeistert.

KriegsdramaFlucht aus dem Getto

Zeitzeuge Yoram Fridman und Hauptdarsteller Andrzej Tkacz posieren bei einem Fototermin für den Film "Lauf Junge lauf".

Der Film "Lauf Junge Lauf" erzählt die wahre Geschichte von Yoram Friedman, der als neunjähriger jüdischer Junge aus dem Warschauer Getto flieht und sich quer durch Polen schlagen muss. In der Verfilmung des Regisseurs Pepe Danquart ist dessen sorgfältiger Blick als Dokumentarfilmer zu erkennen.

Filmfestival goEastPlattform für osteuropäische Autorenfilme

Blick in einen Kinosaal in Mainz

Auf dem Festival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden, dem goEast, wurde die Krise in der Ukraine thematisiert, aber nicht in den Filmen. In Beiträgen des Spielfilm-Wettbewerbs ging es zum Beispiel um Rebellion in anderen Kontexten, und auch die Filmkunst kam nicht zu kurz.

 

Kultur

BallettErfolgreicher Auftakt der Reihe "Dutch Doubles"

Der dänische Choreograf Hans van Manen bei einer Gala anlässlich seines 80. Geburtstages im Jahr 2012.

Für Hans van Manens Reihe "Dutch Doubles" bringt das Holländische Nationalballett vier Choreografen mit vier Vertretern anderer Künste zusammen: zum Beispiel die Fotografin Rineke Dijkstra oder den Designern Viktor und Rolf. Kritikerin Wiebke Hüster zeigt sich von dem Tanzabend in Amsterdam, an dem der Teil "Dances With Harp" gezeigt wurde, begeistert.

Filmfestival goEastPlattform für osteuropäische Autorenfilme

Blick in einen Kinosaal in Mainz

Auf dem Festival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden, dem goEast, wurde die Krise in der Ukraine thematisiert, aber nicht in den Filmen. In Beiträgen des Spielfilm-Wettbewerbs ging es zum Beispiel um Rebellion in anderen Kontexten, und auch die Filmkunst kam nicht zu kurz.

PlattenlädenDie Nische im Markt bleibt

Der Plattenladen Long Player in der Graefestraße in Berlin Kreuzberg, aufgenommen am 24.05.2013.

Am "Recordstore Day" bieten rund 3000 Plattenläden weltweit besondere Schallplatten an, die nur an diesem Tag zu haben sind. Vor zehn Jahren steckten die Geschäfte noch in der Krise, ausgelöst vom MP3-Boom. Heute holen sich Vinyl-Liebhaber im Netz Anregungen und kaufen sich dann erst recht die echte Schallplatte.