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Das Menschenbild im Islam

Islamwissenschaftler Tahsin Görgün: Islamisten sind Randgruppen

Von Peter Leusch

Zu den Regeln des Zusammenlebens in einer globalisierten Welt gehört religiöse Toleranz.
Zu den Regeln des Zusammenlebens in einer globalisierten Welt gehört religiöse Toleranz. (AP Archiv)

Beim so genannten Kampf der Kulturen, bei der Auseinandersetzung über Freiheit und Menschenrechte zwischen Islam und Christentum, ist gelegentlich ein Blick in die Grundlagen der beiden Weltreligionen, in den Koran und in die Bibel, hilfreich. Beide Schriften sind keine logischen oder widerspruchsfreien Werke. Einer, der sich mit dem Koran und dem Menschenbild des Islam intensiv auseinandergesetzt hat, ist der Islamwissenschaftler Professor Tahsin Görgün von der Universität Frankfurt. Am Dienstag hielt er in Essen einen Vortrag über das Menschenbild des Islam. Peter Leusch hat mit ihm über den Koran gesprochen.

Als nun dein Herr sprach zu den Engeln:
Ich will erschaffen einen Menschen
Aus einer Masse von geformtem Lehm;
Wenn ich ihn nun gebildet habe,
Und eingehauchet ihm von meinem Geiste,
Dann fallet vor ihm hin, euch niederwerfend!


So heißt es in der 15. Sure des Korans. Nach islamischer Lehre hat Gott den Menschen nicht nur zum Herrn über die gesamte Schöpfung erhoben, er hat ihn - anders als in der Bibel - sogar über die Engel gestellt.

" Im Koran wird der Mensch als Stellvertreter Gottes auf der Erde bezeichnet. Insofern hat der Mensch bestimmte Eigenschaften, die er mit Gott teilt.

Wenn man denn nach den Gründen sucht, warum der Mensch - die Gattung Mensch - überhaupt über die anderen Wesen gestellt ist, dann findet man das nur aus einer Perspektive der Ethik, nämlich der Mensch ist im Gegensatz zur Engel- und zur Tierwelt verantwortlich für das, was er tut. Diese Verantwortung ist zugleich verbunden mit der Freiheit. "

Tahsin Görgün ist Islamwissenschaftler, der in Deutschland ebenso wie in der Türkei gelebt und studiert hat. Er trägt an den Koran und die klassischen Schriften des Islam ethische und existenzphilosophische Ideen heran, die der modernen westlichen Philosophie entlehnt sind. Gleichzeitig versucht er aber auch, dem Gehalt der islamischen Texte gerecht zu werden.

Immer wieder werden religiöse Schöpfungserzählungen herangezogen, um das Verhältnis der Geschlechter, die gesellschaftliche Unterdrückung der Frau als gottgegeben zu legitimieren. Man kennt dieses Vorurteil bezogen auf die Bibel: Gott habe Eva aus Adams Rippe geschaffen, die Frau sei also nur eine Nebenlinie des Mannes, eine Art Zweitprodukt.

Eine solche Rippengeschichte gibt es im Islam nicht, aber auch der Koran spiegelt die patriarchalische Welt seiner Entstehungszeit. Man müsse dabei jedoch, fordert Tahsin Görgün, den historischen Fortschritt des Koran anerkennen.

" Wenn man an die Zeit denkt, wo der Koran offenbart wurde, da hatten Frauen überhaupt keine Erbrechte, sie waren keine Person, kein Rechtssubjekt. Wenn man von da anfängt, kann man einfach sagen, dass das was im Koran steht, eine Revolution darstellt: die Frau ist genauso wie der Mann Rechtssubjekt, hat Eigentumsrechte. Aber was die Einzelheiten betrifft: es gibt im Koran eine Bestimmung, dass bei Kindern so eine Aufteilung des Erbes stattfinden soll, dass die weiblichen Kinder die Hälfte von dem der männlichen Kindern bekommen. Aber das ist eigentlich nicht so zu verstehen, dass es wortwörtlich gelten soll, sondern das mindeste, was man in dieser Hinsicht machen kann. Wenn man in der Aufteilung des Erbes die Kinder gleich stellt, verstößt man nicht gegen den Koran. "

Tahsin Görgün stellt den Koran in einen historischen Kontext. Er vergleicht dessen Aussagen mit den Auffassungen der damaligen Zeit und relativiert die Verbindlichkeit, dass Frauen nur ein halbes Erbe zustehe.

Eine solche historisch-kritische Lektüre hat sich seit der Aufklärung in Bezug auf die Bibel entwickelt und etabliert; im Falle des Koran steckt sie immer noch in den Anfängen. Religionswissenschaftler, die den Koran historisch kritisch lesen, werden in ihren Heimatländern heftig angefeindet.

Aber dass diese Herangehensweise möglich ist, dafür gibt es eindrucksvolle Belege aus der Geschichte des Islam. Ausgerechnet beim Thema der Menschenrechte, deren Entdeckung der Westen für sich reklamiert, liefert Tahsin Görgün ein unerwartetes Beispiel:

" Es gibt eine sehr starke Tradition, die überhaupt nicht bekannt ist in der islamischen Geschichte. Beginnend im 9. Jahrhundert nach Chr. wo ganz eindeutig davon gesprochen wird, dass die Menschen Rechte haben: ohne Unterschied des Geschlechts und des Glaubens. Die drei Grundrechte werden ohne Einschränkung genannt, nämlich das Recht auf Eigentum, das Recht auf Würde, und das Recht auf Freiheit - Gewissens und Glaubensfreiheit, wenn man die Rechte in dieser Form im Koran sucht, findet man sie natürlich nicht, aber die Tradition hat aus dem Koran, aus der Praxis heraus, diese Rechte entwickelt und auch durchgesetzt. "

Zu den Regeln des Zusammenlebens in einer globalisierten Welt gehört vor allem religiöse Toleranz. Nach den terroristischen Anschlägen von Muslimen in der jüngsten Vergangenheit steht der Islam unter Generalverdacht.

Im Koran findet man allerdings ebenso wie in der Bibel verschiedene, teilweise auch entgegengesetzte Aussagen, wie man Andersgläubigen begegnen soll

An manchen Stellen wird zum Kampf aufgerufen:

Ihr Gläubigen! Kämpft gegen diejenigen von den Ungläubigen, die euch nahe sind! Sie sollen merken, dass ihr hart sein könnt. (Sure 9)
Und wenn einer um Allahs willen kämpft, und er wird getötet - oder er siegt - werden wir ihm (im Jenseits) gewaltigen Lohn geben. (Sure 4)


Andere Stellen mahnen zur Toleranz:

Sprich: O ihr Ungläubigen,
ich diene nicht dem, dem ihr dienet,
und ihr seid nicht Diener dessen, dem ich diene.
...
Euch eure Religion und mir meine Religion. (Sure 109)


Tahsin Görgün: " Es ist wichtig festzustellen, dass der Koran die Muslime verpflichtet hat, die Andersgläubigen in ihrem Glauben als Glaubensgemeinschaft anzuerkennen. Diese Anerkennung ist eine Pflicht eines Muslims überhaupt. Dass bestimmte Menschen einen anderen Glauben haben, ist kein Grund für einen Muslim mit ihm sich auseinanderzusetzen, indem er Gewalt einsetzt.
Diese Anerkennung der Pluralität ist Bestandteil der islamischen Lebensführung: "La ikraha fi-din" - "In Sachen Religion gibt es keinen Zwang." "

Wenn die Botschaft des Koran friedlich ist, warum konnte es dann zu zahlreichen Terrorakten gekommen, die ausdrücklich im Namen des Islam verübt wurden? Tahsin Gürgün meint, dass sie nicht auf religiös-kulturelle, sondern auf politische Konflikte zurückzuführen seien. Und die Islamisten stellten Randgruppen dar, die ein Zerrbild des Islam abgäben.

" Wenn man nur über Randgruppen redet, hat man ein falsches Bild, das nicht die ganze Wirklichkeit wiedergibt. Es gibt eigentlich eine Entwicklung in der islamischen Welt, die man nur dann richtig verstehen kann, wenn man den Bruch mit der Tradition beobachtet. Und diese Gruppen sind, wenn man sie genau betrachtet, nicht Gruppen, die eine religiöse Erziehung genossen haben, sondern es sind meistens Menschen, die technologische Fächer studiert haben und nur den Koran und bestimmte Überlieferungen aus dem Propheten kennen, und einfach sich des Korans usw. bemächtigen. Das sind sozusagen Begleiterscheinungen der Modernisierung der islamischen Welt. "

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