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StartseiteBüchermarktDas Paradies ist anderswo07.03.2004

Das Paradies ist anderswo

Vargas Llosa zeichnet zwei tragische Schicksale

Der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa gehört zu jenen Autoren, auf deren nächstes Buch man immer mit Ungeduld wartet und fragt: "Was hat er sich diesmal vorgenommen?" Er schreibt nicht wie so manche Schriftsteller an der einen Geschichte unendlich fort, sondern überrascht jedes Mal von neuem mit einem ganz anderen Stoff und Thema: in seinem grandiosen ersten Roman <em> Die Stadt und die Hunde</em>, der vor über 40 Jahren erschien, schildert er schonungslos sein Internatserlebnis in der Kadettenanstalt in Lima, das harsche lateinamerikanische Gegenstück zu Robert Musils <em>Törless</em>.

Hans-Jürgen Schmitt

Mario Vargas Llosa, "Das Paradies ist anderswo", Coverausschnitt
Mario Vargas Llosa, "Das Paradies ist anderswo", Coverausschnitt

Dieser Erstling wie fast alle anderen Romane spielen in der Hauptstadt Perus, in den Anden, im peruanischen Urwald, am Amazonas und sehr viel seltener in anderen lateinamerikanischen Regionen wie Der Krieg am Ende der Welt, der in Brasilien aus religiösem Fanatismus entbrennt oder der Diktatorenroman Das Fest des Ziegenbocks, Vargas Llosas vorletztes Buch, auf Santo Domingo in Szene gesetzt. Es sind nie Romane und Erzählungen, die aus reiner Phantasie entstanden, vielmehr spannend erzählte realistische Geschichten, "wohl dokumentierte Fiktion", wie sie der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo einmal nannte.

Unverkennbar jeweils die Handschrift des kenntnisreichen und immer leidenschaftlich engagierten Autors Vargas Llosa, der uns neue Romanwelten eröffnet und zugleich unser Wissen bereichert.

Ein Novum ist der jetzt erschienene Roman Das Paradies ist anderswo. Nicht nur, weil er in seinen wesentlichen Teilen diesmal nicht in Lateinamerika, sondern in Frankreich und auf Tahiti spielt. Auch die beiden Hauptakteure, - und da beginnt die eigentlich Überraschung-, sind Europäer und historische Gestalten mit ganz realen Lebensgeschichten: die eine Flora Tristan, 1803 bei Paris geboren, stammt allerdings von einem peruanischen Vater ab, der als Diplomat des spanischen Königs, sich in Frankreich niedergelassen hatte; er kam aus Arequipa, der Geburtstadt Vargas Llosas, und zählte zum reichsten Familienclan Perus; das peruanische Geschlecht der Tristan soll -Legende ja oder nein- auf den mexikanischen Aztekenkönig Moctezuma II. zurückgehen, denn eine seiner Töchter heiratete einen spanischen Offizier aus der Umgebung Hernán Cortéz’!

Ein Unglück allerdings, dass Flora Tristans Vater starb, als sie vier Jahre alt war, dieser nur eine Scheinehe eingegangen war und so die Familie aller Reichtümer verlustig ging und in bitterer Armut leben musste. Aber Flora, das illegitime Kind, hat sich eines Tages nach Peru aufgemacht, in der Hoffnung, den mächtigen Bruder ihres Vaters Pio de Tristan, zu erweichen. Das Buch, das sie über diese Reise geschrieben hat: Meine Reise nach Peru. Fahrten einer Paria, hat sie in Frankreich berühmt, in Peru verhasst gemacht ob ihrer schonungslosen Schilderungen der politischen und sozialen Verhältnisse.

Sie berichtet von der Seereise mit 19 Männern an Bord, lernt auf den Kapverden entsetzt das Gesicht der Sklaverei kennen, wird dann zwar zunächst herzlich von ihrem Onkel Pio aufgenommen, der aber eiskalt wird, als sie ihn auf ein mögliches Erbe anspricht. Weil ihre Kritik der peruanischen Oligarchie nicht passte, ließ man ihr Buch mit einer Strohpuppe, die Flora darstellen sollte, öffentlich verbrennen; gleiches geschah übrigens mit Vargas Llosas Internatsroman; der wurde in Lima von den Kadetten verbrannt.
Das alles ist auch schon Roman, und man versteht, wie sehr sich Vargas Llosa zu dieser romantisch-revolutionären Gestalt Flora Tristan hingezogen fühlt. Die Passagen über Floras Peru-Aufenthalt sind freilich bei Vargas Llosa dort, wo Flora Aufstände hautnah miterlebt, zu detail- und Anekdoten -verliebt berichtet. Da sollte man sich auch den jetzt vom Inselverlag neu aufgelegten Reisebericht Flora Tristans vornehmen.

Die zweite Hauptgestalt des Romans ist kein geringerer als der Maler und Graphiker Paul Gauguin, geboren 1848 in Paris als Sohn von Flora Tristans Tochter Aline. Dessen späte Neigungen zur Malerei wurden erst über die Jahre auf Tahiti fruchtbar. Manets nackte "Olympia", die von einem pechschwarzen Südsee-Mann, der ihr einen Blumenstrauß offeriert, betrachtet wird, soll die Initialzündung für den Maler in Gaugin gewesen sein.

Man kann Vargas Llosas Faszination für zwei so bizarre Leben nachvollziehen. Beider zeitlich weit auseinander liegende Viten werden abwechselnd in 22 Kapiteln beleuchtet.
Flora Tristan, ausgelöst durch ihr Ehedrama, das ihr Leben zu einem Abenteuerroman macht, wird im Frankreich, in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts zur Frühsozialistin und Feministin mit Kampfschriften wie Die Arbeiterunion, Spaziergänge in London, ihrem anklagenden Bericht über die sozialen Verhältnisse in England; auf der Flucht vor ihrem Mann erlitt sie in London Knechtschaft und moralische Erniedrigung als Dienstbotin bei einer Familie. Bundesrepublikanische Frauenverlage hatten in den achtziger Jahren mit der Publikation von Flora Tristans Schriften ein marginales Interesse wachgerufen.

Flora Tristan ist sich bewusst, dass Dreiviertel der Arbeiter Analphabeten sind, Kampfschriften ihnen nicht weiterhelfen; darum tritt sie im Frühjahr 1844, im Jahr ihres Todes, eine sechsmonatige Agitations- und Vortragsreise nach Südfrankreich an:

"Man hat viel über die Arbeiter geredet, in Parlamenten, auf Kanzeln, in Versammlungen. Aber niemand hat versucht, mit ihnen zu reden. Ich werde es tun. Ich werde sie in ihren Werkstätten, ihren Wohnungen, ihren Wirtshäusern aufsuchen. Und dort, im Angesicht ihres Elends, werde ich ihnen Tränen über ihr Schicksal entlocken und sie gegen ihren Willen zwingen, aus dem schrecklichen Elend zu fliehen, das sie entwürdigt und umbringt. Und dich werde sie dazu bringen, dass sie sich mit uns Frauen, verbünden. Und dass sie kämpfen."

Du hattest es getan, Florita. Trotz der Kugel nahe an deinem Herzen, trotz deiner Beschwerden, deiner Erschöpfungen und dieses ominösen, namelosen Übels, das deine Kräfte untergrub...


So nähert sich der Erzähler Vargas Llosa dem tragischen Schicksal einer kämpferischen Frau. Und Paul Gauguin? Der hatte bis zu seinem 35. Lebensjahr nie einen Pinsel in der Hand gehalten, war bis dahin Börsenmakler und beschließt nach Tahiti zu gehen, um dort Maler zu werden, den Wilden sich nahe zu fühlen und der bürgerlichen Welt Frankreichs Ade zu sagen. Wenn das keine Viten für Romanvorlagen sind.

Vargas Llosa hatte schon in früheren Romanen wie in Lob der Stiefmutter mit dem Engläner Francis Bacon oder in den Geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto mit Bildbeschreibungen Gustav Klimts bewiesen, dass er auch eine Sprache hat, Künstlerleben und Kunstwerke sich romanhaft anzuverwandeln; im Südsee –Gauguin findet er eine weitere attraktive Herausforderung:

Vom Leben des Bohemiens und Künstlers zum Leben des Primitiven, des Heiden und Wilden. Ein großer Fortschritt, Paul. Jetzt war Sexualität für dich nicht eine raffinierte Form geistiger Dekadenz wie für so viele europäische Künstler, sondern eine Quelle der Energie und der Gesundheit, eine Form, dich zu erneuern, die Bereitschaft, den Elan und den Willen zu stärken, ein besserer Künstler zu sein, ein besseres Leben zu führen. Denn in der Welt, in die du nun endlich Eingang fandest, war das Leben eine fortlaufende Schöpfung.

Er hatte alles das durchleben müssen, um ein Bild wie "Pape moe" schaffen zu können. Es waren keine Retuschen nötig. Auf dem Gemälde war die Photographie von Charles Spitz zu flimmerndem, vibrierendem Leben erwacht; der Androgyne und die Natur waren nicht unabhängig von einander, sie verschmolzen zu einer neuen Form pantheistischen Lebens; Wasser, Blätter, Blüten, Zweige und Steine glühten wie von innen, und die menschliche Gestalt besaß etwas Hieratisches, Elementares. Die Haut, die Muskeln, das schwarze Haar, die kräftigen, sicher auf den moosbedeckten Felsen ruhenden Füße ließen Respekt, Ehrfurcht, Liebe für diese Wesen einer anderen Zivilisation erkennen, die obwohl von Europäern kolonisiert, tief verborgen in den Wäldern die uralte Reinheit bewahrte.


Während der Gauguin-Romanteil dessen letzte zehn Jahre umspannt, in die hinein durch Rückblenden sein Leben farbig aufgefächert wird, focusiert Vargas Llosa Flora Tristans Leben in die letzte Reise nach Südfrankreich, in die wenigen Monate vor ihrem Tod. Verheißungsvoll beginnt der Roman im April 1844:

Um vier Uhr morgens schlug sie die Augen auf und dachte: "Heute fängst du an, die Welt zu verändern, Florita." Die Aussicht, ihren Plan in Angriff zu nehmen und den Mechanismus in Gang zu setzen, der die Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen und die Menschheit verwandeln würde, erdrückte sie nicht. Sie fühlte sich ruhig, spürte Kraft genug, um den Hindernissen zu trotzen, die sich ihr in den Weg stellen würden. Wie damals in Saint-Germain, vor zehn Jahren, bei der ersten Versammlung der Saintsimonisten, als Prosper Enfantin zugehört hatte, der das Messias- Paar beschrieb, das dereinst die Welt erlösen sollte, und sie sich bei den Worten das energische Versprechen gab: ’Du wirst die Messias-Frau sein.’ Arme Saintsimonsisten mit ihren irrationalen Hierarchien, ihrer fanatischen Liebe zur Wissenschaft und ihrer Vorstellung, man müsse die Regierung nur den Industriellen überlassen und die Gesellschaft wie die Unternehmen verwalten, um den Fortschritt zu verwirklichen! Du hattest sie weit hinter dir gelassen, Andalusierin.

Vargas Llosa geht diesmal nicht auf Distanz wie sich hier schon zeigt, er erzählt seine beiden Figuren partienweise kommentierend aus der zweiten allwissenden, immer mitfühlenden Person des sie anredenden DU. Flora Tristan ist nicht fanatisch besessen von ihrer Mission, wie der "Ratgeber" im Roman Der Krieg am Ende der Welt, sie ist die Leidende, körperlich und seelisch, der unendlich viel Hindernisse in den Weg gestellt sind.

Sie muss eine exotische Schönheit gewesen sein, die man wegen ihres langen dichten schwarzen Haares in Paris "Andalusierin" genannt hatte. Ihr geheimnisvoller Reiz hat die Männer verführt; im Roman muss sie sich einer Handvoll Anträge erwehren, weil sie im Dienst ihrer "Großen Sache" allein sein will.

Als Ehefrau bekommt sie freilich der unansehnlichen Graveur André-Francois Chazal, der die 17jährige, die sich in seiner Werkstatt im Zeichnen ausbilden lassen wollte, mit Hilfe von Floras Mutter zur Ehe zwang. Das Ehedrama war vorprogrammiert, und wir sind mitten im Lebensroman und im Roman von Vargas Llosa: Nach der Trennung von Chazal verfolgt dieser sie 15 Jahre lang, bedroht sie, erhält das Sorgerecht über die Kinder zugesprochen, die Tochter wird vom Vater sexuell missbraucht. Und immer entscheiden die Gerichte gegen Flora Tristan; da sie ihren Ehemann verlassen hat, steht das Gesetz gegen sie. Einige dieser Zusammenstöße mit dem Ehemann schildert Vargas Llosa, wie sie in Dokumenten überliefert wurden und jenseits des Romans romanhaftes Genrebild wurden.

Ihre Mutter weigerte sich, sie bei sich aufzunehmen und warf ihr vor, sich wie eine Geisteskranke aufzuführen. Schlimmer noch, sie verriet André Chazal ihr Versteck in einem schäbigen kleinen Hotel in der Rue Servandoni im Quartier Latin, wohin Flora mit Aline und Ernest-Camille geflohen war. Eines Morgens, als sie das Hotel verließ, trat
André Chazal, den sie seit vier Jahren nicht gesehen hatte, mit Alkoholdunst, glasigen Augen und einem Mund voll Zorn und Vorwürfen in den Weg. Sie rannte los, gefolgt von Chazal, der sie vor dem Eingang der Juristischen Fakultät der Sorbonne einholte. Er stürzte auf sie und schlug sie.

Flora verteidigte sich so gut sie konnte und versuchte, die Schläge mit ihrer Tasche abzufangen, während Ernest-Camille die Hände über den Kopf presste und wie am Spieß schrie. Eine Gruppe von Studenten trennte sie. Chazal brüllte, diese Frau sei seine rechtmäßige Ehefrau und niemand habe das Recht, sich in einen Ehestreit einzumischen. Die künftigen Anwälte reagierten unschlüssig: ’Stimmt das, Madame?’ Als sie zugab, dass sie mit diesem Herrn verheiratet war, zogen sich die jungen Leute mit betrübten Gesichtern zurück. ’Wenn es ihr Ehemann ist, können wir sie nicht verteidigen, Madame.’Ihr seid noch größere Schweinehunde als dieser Schweinehund’, schrie Flora, während André Chazal sie mit Gewalt zum Polizeirevier der Place Saint-Sulpice schleppte. Dort wurde sie registriert und vom Kommissar verwarnt: Sie dürfe ihr Hotel nicht verlassen. Bald werde sie eine richterliche Vorladung erhalten. André Chazal beschwichtigt, entfernte sich mit dem kleinen Ernest-Camille in den Armen, der schrie und weinte.

Stunden später war Flora mit der sechsjährigen Aline abermals auf der Flucht. Dank der aus Peru eingetroffenen Francs und Piaster irrte sie fast sechs Monate durch das Landesinnere, stets so fern wie möglich von Paris, das sie mied wie die Pest.


Traurige Ironie der Geschichte: die französische Justiz, die zu Unrecht diesen Namen trug, gewährte Flora erst "Schutz", nachdem ihr Ehemann sie auf offener Straße niedergeschossen hatte:

Du sahest ihn näherkommen, und du wusstest, was geschehen würde. Doch ein Anflug von Würde oder von Stolz hinderte dich daran, loszurennen. Du gingst weiter mit hocherhobenem Kopf. Drei Meter von dir entfernt, hob André Chazal eine der beiden Pistolen, die er in den Händen hielt, und schoss. Die Kugel, die dir durch eine Achsel in den Körper drang und in deiner Brust stecken blieb, warf dich zu Boden.

Als Chazel sich anschickte, mit der zweiten Pistole zu schießen, und auf dich zielte, gelang es dir, aufzustehen und in einen nahen Laden zu flüchten. Dort wurdest du ohnmächtig. Später erfuhrst du, dass Chazal, dieser Schwächling, nicht mehr dazu gekommen war, mit der zweiten Pistole zu schießen und sich widerstandslos der Polizei ergeben hatte. Jetzt büßte er die zwanzig Jahre Zwangsarbeit ab, zu denen man ihn verurteilt hatte. Du hattest dich von ihm befreit, Florita für immer...Nur dass Chazal dir als Erinnerung die Kugel hinterlassen hatte, die dich jeden Augenblick, wenn sie sich ein winziges Stück auf dein Herz zu bewegte, töten konnte.


Aus Flora Tristan deprimierender Situation, ihrer Unterdrückung und Rechtlosigkeit hat sie für sich und die Frau in der Gesellschaft den Begriff der Sklavin" oder der "Paria" "der Ausgestoßenen", als Synonym gesetzt: Sie hat Frauen als "Sklaven" bezeichnet, deren "Körper man verkauft und deren Herzen man erstickt". Und sie hat verstanden, dass das Frankreich des 19.Jahrhunderts hinsichtlich der Frauen wie der Arbeiter wiederum weit entfernt war von den Losungen der Französischen Revolution. Nicht zufällig sind die besten Passagen des Romans – und darin erweisen sich einmal mehr Vargas Llosas Stärke und Leidenschaft als Erzähler – jene Schilderungen über Flora Tristans Aufklärungsversuche in Südfrankreich, wo sie den Arbeitern ihre soziale Lage deutlich zu machen, sie zu Kämpfern zu gewinnen sucht.

Ihre schlimmste Erfahrung machte sie in der Weberei eines ehemaligen Arbeiters, Monsieur Cherpin, der jetzt einer der reichsten Kapitalisten der Region war und seine einstigen Brüder ausbeutete...er empfing sie ...ohne die Verachtung zu verhehlen, die ihm, einem Sieger, eine kleine Frau einflößte, die sich der sinnlosen Erlösung der Menschheit verschrieben hatte.

"Sind Sie sicher, dass Sie da hinuntersteigen möchten?’...Sie werden es bereuen. Ich warne Sie." "Wir reden später darüber Monsieur Cherpin."

Achtzig arme Teufel hockten zusammengedrängt an drei dichten Reihen von Webstühlen in einer stickigen Höhle, wo man aufgrund der niedrigen Decke weder stehen noch sich in der Enge behaupten konnte. Ein Rattenloch. Sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Der Gluthauch des Ofens, der Pestgestank und der ohrenbetäubende Lärm der gleichzeitig arbeitenden achtzig Webstühle machte sie schwindeln. Es gelang ihr nur mit Mühe, sich mit Fragen an die halbnackten, schmutzigen, ausgemergelten, über die Webstühle gekrümmten Gestalten zu wenden, von denen viele sie schwer verstanden, weil sie nur den burgundischen Dialekt sprachen. Eine Welt aus Gespenstern, aus lebenden Toten. Sie arbeiteten von fünf Uhr morgens bis neun Uhr abends und verdienten zwei Francs täglich die Männer, achtzig Centimes die Frauen und fünfzig die Kinder unter vierzehn Jahren. Sie kehrte schweißgebadet an die Oberwelt zurück, mit Druck in den Schläfen und rasendem Herzen, und spürte deutlich die Kälte des unbequemen Gastes in ihrer Brust.


Flora Tristan versucht Haltung zu bewahren, als der Besitzer ihr vorhält, er habe sie ja gewarnt. Der Kapitalist, das wird sie überall hier zu spüren bekommen, ist immer in der Rolle des mildtätigen Arbeitgebenden; und so fragt Flora erfolglos:

"Halten Sie, der einmal als Weber angefangen hat, es etwa für gerecht, Ihre Mitmenschen unter derartigen Bedingungen arbeiten zu lassen? Ihre Werkstatt ist schlimmer als jeder Viehstall, den ich gesehen habe."
"Es muss wohl gerecht sein, wenn sich hier jeden Morgen Dutzende von Männern und Frauen drängen und mich anflehen, ihnen Arbeit zu geben", brüstete sich Monsieur Cherpin.


Vor allem Flora Tristans Versuche, Versammlungen abzuhalten, die Arbeiter durch Vorträge zu agitieren, erregten den Argwohn der Behörden; sie wird bei der Polizei denunziert; in Lyon bespitzelt; man dringt in ihr Hotelzimmer ein, beschlagnahmt ihre Papiere. Die Lyoner Zeitung "Le Censeur" setzt im Umlauf, sie sei eine Geheimagentin der Regierung, mit dem Auftrag die Arbeiter zu kastrieren, da sie den Pazifismus predige. Der Erzähler fragt:

Sie meinten deine revolutionären Ideen, mit denen sie nicht übereinstimmten, ließen sich am besten erledigen, indem sie dich als Spionin diffamierten. Oder war ihr Hass darauf zurückzuführen, dass du eine Frau warst? Sie fanden es unerträglich, dass eine Frau dieses Werk der Befreiung betrieb, das Männersache war. Und eine solche Niedertracht wurde von Leuten begangen, die sich Fortschrittler, Republikaner, Revolutionäre nannten...

Vargas Llosa erzählt bewegend die Geschichte einer freien Frau nach, einer Revolutionärin, die er auf der ganzen Linie gescheitert sieht. Es sind diese "Mühen der Ebene" wie Brecht sie nannte, die Vargas Llosa mit seiner Heldin durchlebt und die dem Roman gewissermaßen das Salz in der Suppe geben.

Wenn die Gaugin-Partien hier in unserer Vorstellung zu kurz kommen, dann nicht weil dessen Leben weniger sinnlich dargestellt wäre, sondern weil die Geschichte Gauguins, der gar nicht Maler werden wollte, uns heute nicht mehr so fremd ist, wie das weithin vergessene Leben Flora Tristans, die immer im Widerspruch zur Welt stand, Gauguin seine Welt aber schließlich fand und als Maler erfand. Die Geburt von Gauguins Kunst – Vargas Llosa hat sie immer wieder beschrieben und interpretiert wie in der folgenden Szene:

Im Gedächtnis bewahrtest du deutlich das trotz seiner Jahre anziehende Gesicht...auch die Vorstellung des Bildes, das du malen wolltest. Kein schöner Hexer, der zugleich ein mahu war. Ein kokettes vornehmes Wesen mit kleinen Blumen in seinem glatten, langen, weiblichen Haar, eingehüllt in einen großen roten, über seinem Rücken wallenden Umhang, mit einem Blatt in der rechten Hand, das seine geheimen Kennzeichen der Pflanzenwelt verrät – Liebestränke, Heilsude, Gifte, Zaubermittel -, und hinter ihm, wie immer auf deinen Bildern zwei in die Vegetation eingebettete Frauen – real oder vielmehr phantastisch, in mysteriösen männlichen Kapuzen mit mönchischen, mittelalterlichen Anklängen-, die ihn beobachten, fasziniert und erschrocken durch sein geheimnisvolles, zweideutiges Gebaren und seine schamlose Freiheit.

Flora Tristan und Paul Gaugin-: Die duale Erzählstruktur, die Vargas Llosa für etliche seiner Romane erfolgreich angewandt hat, führt hier nicht noch einmal zu einer geheimnisvollen Wechselbeziehung beider Protagonisten- allein schon aus Gründen der natürlichen Zeitdifferenzen: Die Großmutter Tristan ist ja schon vier Jahre tot als ihr Enkel Paul Gauguin geboren wird.

Warum dann ein Doppelroman, der keine integrative Erzählstruktur schafft und Passagen weise an seiner materiellen Fülle leidet- Vargas Llosa packt in seine Vor- und Rückblendtechnik einfach zuviel Lebensstoff -? Was jedoch diesmal in Vargas Llosas Konzeption die beiden zu Roman-"Helden" avancierten verbindet, ist etwas Mythisch-Metaphysisches: die Sehnsucht nach einer je anderen Welt ist Imptus beider Leben, jene nicht genau zu fassende schicksalhafte Lebensmacht, die Vargas Llosa in einem Satz Paul Valérys als Motto dem Roman voranstellt: "Was wären demnach wir ohne den Beistand dessen, was nicht ist?"

Für dieses irreale Lebensmoment haben sich beide geopfert – wie es der Romantitel andeutet: Das Paradies ist anderswo. Gauguin ging bis zur geistigen und körperlichen Selbstzerstörung, um seine Kunst zu schaffen. Seine Bilder kann man im Louvre und anderen Museen der Welt sehen. Sie finden sich unendlich oft auf Postkarten und zieren die häuslichen Kalender. Flora Tristan, diese bewegende Frauengestalt, ist Opfer ihrer revolutionären Idee, die kein gesellschaftliches Echo fand. Es ist Vargas Llosas Verdienst, mit seinem Roman vor allem ihre tragische Geschichte dem Vergessen entrissen zu haben.

Mario Vargas Llosa
Das Paradies ist anderswo
Suhrkamp, 493 S., EUR 24,90

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