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StartseiteComputer und KommunikationSieben Schurken und ein Guter12.04.2014

DatenschutzSieben Schurken und ein Guter

Seit 14 Jahren verleiht der Verein "digitalcourage" den Big-Brother-Award, einen Negativpreis für besonders schlechten Umgang mit persönlichen Daten. In diesem Jahr konnten die Organisatoren endlich einmal eine Ehrung für vorbildliches Verhalten vergeben, neben sieben Auszeichnungen für Verfehlungen.

Von Wolfgang Noelke

Ein Kind sitzt vor einem Fernseher (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Manche ins Wohnzimmer schauenden Bildschirme funken Daten an den Hersteller des Geräts (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Weiterführende Informationen:

Vorratsdatenspeicherung - "Wir brauchen ein rechtsstaatlich klares Verfahren"  (Deutschlandfunk, Interview. 09.04.2014)

Internet-Kriminalität - "Das BSI muss besser ausgestattet werden" (Deutschlandfunk, Interview, 04.04.2014)

"Der Preis geht an den Mann, der eine globale Großinquisition aufgedeckt hat, an Edward Snowden."

Snowden sei inzwischen ein Symbol zivilcouragierten Winderstands, so Laudator Prof. Dr. Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung". Er sei ein Winzligs-David, der gegen einen Super-Goliath aufgestanden sei: Es wäre grober Undank der deutschen Bundesregierung, zu behaupten, man könne auf Snowdens Aussage verzichten. Das Gegenteil sei der Fall:

"Snowden ist ein zentrales Beweismittel, das weiß jeder. Stattdessen tut die Bundesregierung so, als sei Snowden und nicht die USA der Schädiger. Wie soll, wie muss Deutschland mit Snowden umgehen? In einem Wort: Vor allem dankbar! Snowden hat Schutz und Hilfe verdient. Er ist ein klassischer Flüchtling."

Sieben neue "Datenkraken"

Zu dem, aus Sicht des Vereins "guten Preisträger", gesellen sich sieben neue "Datenkraken", die sich den Negativ-Preis verdienten. Allen voran das Bundeskanzleramt, wegen unterlassener Abwehr- und Schutzmaßnahmen gegen die "Digitalspionage", die dem Amt unterstellte Geheimdienste gemeinsam mit der NSA praktizieren. Zum Nachteil von Bürgern und Wirtschaft gleichermaßen, so Laudator Rolf Gössner von der Liga für Menschenrechte:

Preisverleihung beim Big Brother Award (Wolfgang Noelke )Preisverleihung beim Big Brother Award (Wolfgang Noelke )

"Diese enge Kooperation und intensive Datenübermittlungspraxis, basiert auch auf Geheimverträgen mit den Westalliierten. Diese räumen den Vertragspartnern Sonderrechte ein, die weite Handlungsfelder eröffnen und stark in die Grundrechte der Bundesbürger eingreifen - ohne jede parlamentarisch-demokratische Beteiligung oder Kontrolle. Und sie beschränken die Souveränität Deutschlands bis heute."

Ein weiterer Preisträger, ein Dienstleister der Bundesregierung, nennt sich "Computer Sciences Corporation", CSC, und soll nach Recherchen des Vereins "digitalcourage" nicht nur DE-Mail und den elektronischen Personalausweis mitentwickelt haben, sondern der in den USA angesiedelte Mutterkonzern organisiert angeblich auch Entführungen und CIA-Folterflüge. Ein BigBrotherAward auch für die junge Branche Fernbusunternehmen. Die Berliner "MeinFernbus GmbH" verlangte noch vor einem Monat zum Fahrschein ein gültiges Ausweisdokument. Onlinebucher müssen auch jetzt noch überflüssige Daten angeben, die das Busunternehmen ungefragt weitergibt, moniert Laudator Peter Wedde:

"Würde das von der "MeinFernbus GmbH" vorgeschriebene Kontrollverfahren Schule machen, könnte dies der Anfang vom Ende des anonymen Reisens, des anonymen Fernreisens sein."

Fleißige Wort-Verharmloser 

Diese Anonymität ist beim Autofahren wohl schon längst passé. In modernen Autos speichern nicht nur Bordcomputer und Navi alle Wege, auch die Airbagsteuerung speichert das Fahrverhalten und kann von der Polizei beschlagnahmt werden. Dafür gibt's den BigBrother ebenso, wie für die ins Wohnzimmer schauenden Bildschirme der Firma LG, die nicht nur die Einschalt- sondern auch die Einschlafquote zur Firmenzentrale nach Korea funken und was sie sonst noch im Wohnzimmer ahnungsloser Fernsehzuschauer entdecken. Natürlich nur als "Metadaten". Auch die mit einem BigBrother bedachten sogenannten Qualitätskontrollen von Callcenter-Gesprächen bei RWE seien angeblich - "nur" - Metadaten. Weil sogenannte Metadaten wesentlich mehr verraten, als den Überwachten lieb ist, wurde dieser Begriff mit dem "Neusprech Award" geehrt. Doch die Überwacher sind im Wort-Verharmlosen fleißig. Metadaten heißen neuerdings "Verbindungsdaten", sagt Laudator Prof. Martin Haase:

"Das Synonym "Verbindungsdaten" macht nicht im Ansatz klar, wie umfangreich und aussagekräftig eben solche Metadaten sind. Aber auch "Verbindungsdaten" reicht jetzt schon nicht mehr als Verschleierung von "Metadaten". Jetzt spricht man auch von "Rahmendaten". Das ist offensichtlich das neue Ersatzwort."

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