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David gegen Goliath

Wie Bürger das Berliner Stromnetz von Vattenfall übernehmen wollen

Hartmut Gaßner im Gespräch mit Benjamin Hammer

Eine Milliarde Euro könnte das Berliner Stromnetz am Ende kosten.
Eine Milliarde Euro könnte das Berliner Stromnetz am Ende kosten. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Die Nutzungsrechte am Berliner Stromnetz liegen derzeit in der Hand des schwedischen Stromgiganten Vattenfall, sie sollen in zwei Jahren aber neu vergeben werden. Dabei will auch eine Bürgergruppe mitmischen: Die Genossenschaft BürgerEnergie Berlin sammelt Geld für den Rückkauf des Netzes.

Benjamin Hammer: Es kommt häufig vor, dass sich Bürger zusammentun, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, dass sie Geld sammeln zum Beispiel für einen Spielplatz. Bei dem Projekt, über das wir gleich sprechen, geht es aber nicht um Spielplätze; es geht gleich um das gesamte Berliner Stromnetz. Noch gehören die Nutzungsrechte des Netzes dem schwedischen Stromgiganten Vattenfall, in rund zwei Jahren sollen die aber verkauft werden, und dann will die Genossenschaft mit dem Namen BürgerEnergie Berlin zum Zug kommen und Vattenfall das Netz wegschnappen. Eine Gruppe von Bürgern gegen einen der größten Stromkonzerne Europas, das klingt nach David gegen Goliath. Aber der David wird ernst genommen in Berlin, das zeigt sich in dieser Minute im Umweltausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Der berät sich über die Zukunft des Berliner Stromnetzes und am Tisch sitzt nicht nur der Chef des Stromriesen Vattenfall, dort ist auch Hartmut Gaßner, er sitzt im Aufsichtsrat von BürgerEnergie Berlin. Mit ihm habe ich vor der Sendung gesprochen und ihn gefragt, wie viel so ein Berliner Stromnetz eigentlich kostet.

Hartmut Gaßner: Die Schätzungen, bezogen auf die Kosten des Netzes, gehen noch stark auseinander. Wir gehen momentan davon aus, dass es Kosten sein werden, die sich durchaus auf eine Milliarde anhäufen können.

Hammer: Eine Milliarde Euro, das ist eine Menge Geld. Stellt sich die Frage: Warum wollen Sie das Netz in die Hand der Bürger bringen?

Gaßner: Ich glaube, dass die vielen Privatisierungen öffentlicher Einrichtungen in den letzten Jahren gezeigt haben, dass hier Probleme aufgetreten sind, die in Zukunft abgestellt werden müssen. Die Bürgergesellschaft will Netze in der eigenen Hand haben. Es geht darum, die Verantwortung für grundlegende öffentliche Einrichtungen nicht mehr in der privaten Hand zu haben, die Bürger wollen Einfluss haben auf wesentliche Investitionsentscheidungen.

Hammer: Jetzt erklären Sie uns doch vielleicht noch einmal, wie das ganze funktioniert. Es gibt Stromerzeuger, es gibt die Verbraucher und dann eben die Netze. Was kann man mit denen denn anstellen?

Gaßner: Die Netze sind ganz bedeutend, um die dezentrale Energiestruktur, die wir wünschen, zu unterstützen und zu fördern. Dezentrale Energiestruktur heißt, wir werden in Zukunft viel Solarstrom haben von vielen Dächern, wir werden viele Blockheizkraftwerke in Mehrfamilienhäusern haben. Diese dezentralen Energieerzeugungen, die nicht mehr von den großen Kohle- und Atomkraftwerken herkommen, die müssen intelligent zusammengeführt werden, hier muss ein vernünftiges Netzlastmanagement stattfinden.

Hammer: Wenn wir uns jetzt Ihren Konkurrenten Vattenfall anschauen, dann setzt der auch auf Biomasse, Wasserkraft, Windkraft. Das ist doch auch umweltfreundliche Energie. Was macht Vattenfall falsch?

Gaßner: Vattenfall ist träge. Vattenfall ist nicht auf der Höhe der Zeit. Wir brauchen intelligente Netze, wir brauchen Netze, die nicht nur den Strom zu dem Verbraucher bringen, sondern die den Strom auch aufnehmen, der dezentral erzeugt wird. Das erfordert ein Höchstmaß an Intelligenz in Bezug auf die Steuerung, man nennt das "Intelligente Netze". Hier wollen wir mit der Genossenschaft eine proaktive Rolle einnehmen. Wenn die Genossenschaft die Netze hat, wird es keine Hemmnisse für die erneuerbaren Energien geben.

Hammer: Wie viel Geld haben Sie denn bisher gesammelt, wenn das Ziel so bis zu eine Milliarde Euro beträgt?

Gaßner: Die Zielsetzung ist jetzt nicht eine Milliarde, wir brauchen einen bestimmten Fundus an Eigenkapital, um dann weitere Finanzierungen sicherzustellen. Aber auch dieser Fundus, den wir brauchen, dürfte sich im Bereich eines dreistelligen Millionenbetrages bewegen. Wir haben momentan knapp zweieinhalb Millionen Euro, was aber erst der Beginn der Kampagne darstellt. Mit der heutigen Anhörung gehen wir davon aus, dass der Bekanntheitsgrat auch steigt. Wir sind fast täglich in den Medien vertreten und sind sehr zuversichtlich, dass viele eine nachhaltige und sichere Geldanlage suchen, um den Einfluss der Bürger auf das Stromnetz in Berlin sicherzustellen.

Hammer: Sie brauchen noch eine Menge Geld, das haben wir gerade gehört. Jetzt geht es auch um eine Modernisierung des Stromnetzes und die Abkehr zum Beispiel vom Kohlestrom. Das klingt nach steigenden Strompreisen. Wie will man da die Berliner Bürger überzeugen, dass Sie das richtig machen, wenn die Strompreise steigen?

Gaßner: Die Struktur in einer großen Stadt ist so, dass die Erzeugung der Energie und die Verteilung der Energie über die Netze getrennt ist. Die Netze werden über Netznutzungsentgelte abgerechnet, diese Netznutzungsentgelte werden von der Bundesnetzagentur streng kontrolliert. Dort ist nur eine bestimmte Marge, eine bestimmte Rendite möglich, sodass steigende Preise durch die Übernahme durch die Genossenschaft nicht zu befürchten oder auch nicht zu vergegenwärtigen sind. Wir haben keine Spielräume, es wird zu keiner Verteuerung kommen. Wir haben uns aber verpflichtet, das, was an Überschuss bleibt, zu reinvestieren in erneuerbare Energien, in Maßnahmen der Energieeffizienz.

Hammer: David gegen Goliath gleich im Berliner Abgeordnetenhaus. Da sitzt Vattenfall, ein Riesenkonzern. Glauben Sie, dass man Sie dort ernst nehmen wird?

Gaßner: Man nimmt uns ernst, weil wir ein Spannungsverhältnis in dieser Stadt haben, ob es zu einer weiteren Betreibung durch Private kommt oder ob wir eine Rekommunalisierung bekommen. Wir haben gerade heute die Nachricht, dass auch Veolia, das Wassernetz, Anteile abgibt. Es wird also zu einer Rekommunalisierung des Wassernetzes in Berlin kommen, und wir gehen davon aus, dass die weitere Diskussion sich auch gegen die Privatisierung der S-Bahn stemmt. Deshalb sind wir sehr zuversichtlich, dass der Grundgedanke, grundlegende öffentliche Einrichtungen gehören in öffentliche Hand, in Bürgerhand, sich durchsetzt. Eine öffentliche Hand und eine genossenschaftliche Hand können sich hier gut ergänzen.

Hammer: Stromnetze in Bürgerhand - eine Idee, die es übrigens auch in anderen deutschen Städten gibt. Das war Hartmut Gaßner, er sitzt im Aufsichtsrat von BürgerEnergie Berlin.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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