Sprechstunde / Archiv /

 

Dekubitus im Putenstall

"Zivilisationskrankheiten" in der Tiermast

Von Michael Engel

Weil Schlachttiere häufig auf viel zu engem Raum stehen, haben Erreger ein leichtes Spiel.
Weil Schlachttiere häufig auf viel zu engem Raum stehen, haben Erreger ein leichtes Spiel. (AP Archiv)

Wie der Mensch, leiden auch Nutztiere häufig an "Zivilisationskrankheiten". Allerdings sind auch diese vom Menschen verursacht: Durch das Hochzüchten auf maximales Schlachtgewicht, bekommen Puten Druckgeschwüre (Dekubitus) - aber auch Hochleistungsmilchkühe können sich wund liegen.

Dr. Rüdiger Schmidt auf den Weg zum Kunden: Der Tierarzt aus Negenborn bei Hannover behandelt Kühe, Schweine und auch Schafe. Es sind vor allem Tiermäster, aber auch Milchbauern, die um seine Hilfe bitten.

"Bei dem Bestand, wo wir jetzt hinfahren, handelt es sich um einen Betrieb, der relativ häufig Probleme mit Euterentzündungen hat. Und eine weitere Kuh hatte ich gestern anfänglich behandelt. Die hatte eine schwere Pneumonie – also eine Lungenentzündung mit 40,3 Fieber – hier wollen wir auch eine Erfolgskontrolle machen, inwieweit das Antibiotikum angeschlagen hat."

Infektionskrankheiten im Stall behandelt der Tierarzt in der Regel mit Antibiotika. Weil die Tiere häufig auf viel zu engem Raum stehen, haben Erreger ein leichtes Spiel. In vielen Schweineställen, vor allem in der Geflügelzucht, werden Antibiotika schon vorsorglich ins Futter gegeben, damit der Bestand gar nicht erst krank wird. Durch diese Strategie entstehen Antibiotika-resistente Bakterien, die in vielfältiger Weise auch zum Menschen gelangen können, warnt Prof. Thomas Blaha von der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Selbst harmlose Erreger können dann sehr gefährlich werden.

"Diese Resistenzen, die bei den Nicht-Zielbakterien entstehen, haben auch dazu geführt, dass eigentlich harmlose Keime solche Resistenzen aufgreifen und dann zum Beispiel im Fall von den Frühchen in Bremen – das waren solche resistente, eigentlich harmlose Keime – wenn die dann in einen sehr empfindlichen Organismus kommen, und wir die dann nicht behandeln können, dann sind plötzlich diese nicht schlimmen Keime, weil sie ja normalerweise mit Antibiotika sofort wegzupusten sind, sind plötzlich dann zu Killern geworden."

Noch immer mischen Landwirte in Deutschland kiloweise Antibiotika in das Kraftfutter. Rein prophylaktisch. Neben den Infektionen sind Tiermäster aber noch mit einer ganzen Reihe verschiedener "Produktionskrankheiten" konfrontiert. Das sind Leiden, die durch gezielte Zucht und Selektion entstehen. Puten zum Beispiel werden am Ende ihres Lebens von dem enormen Körpergewicht förmlich erdrückt:

"Das Problem ist, dass die Tiere kurz vor der Schlachtung häufig nicht mehr richtig stehen können. Dann sitzen sie die ganze Zeit. Sie können zwar noch fressen, da kommen sie schon noch ran. Aber sie entwickeln dann Beinschäden, was natürlich weh tut. Und sie entwickeln auch Brustblasen, weil dieses riesige Muskelpaket der Brust liegt dann vorwiegend in der Einstreu und das ist dann feucht und entwickelt dann wie so Liegeschwielen bei chronisch lange im Bett liegenden Patienten, die wir dann auch umbetten müssen und aufpassen müssen, dass sie keine Liegestellen bekommen."

Dekubitus bei Puten? Züchter machen es möglich, weil sie die Tiere auf maximales Schlachtgewicht trimmen. Probleme auch anderswo. Abgebissene Schweineschwänze, tot gehackte oder federlose Artgenossen im Hühnerstall – auch die hohen Bestandsdichten in der Massentierhaltung gehen häufig zu Lasten der Tiergesundheit. Dabei klingt die Lösung des Problems recht einfach: "Wenn wir nur weniger Fleisch konsumieren würden."



Mehr bei deutschlandradio.de

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Sprechstunde

SuchtkrankheitAlkoholismus

Ein Mann riecht an einem Glas Cognac in einer Hotelbar in München.

Die Zahl der Alkoholiker steigt seit Jahren an. Mittlerweile sind 1,8 Millionen Menschen körperlich abhängig von Deutschlands Suchtmittel Nummer Eins. Darüber hinaus trinken rund 1,6 Millionen riskant hohe Mengen Alkohol. Besonders junge Menschen unter 25 neigen dabei zu exzessivem Trinkverhalten.

Vor dem Infarkt Die koronare Herzkrankheit und ihre Folgen

Das Anatomische Modell von einem menschlichen Herz, aufgenommen am 05.09.2012 in der Medizinischen Hochschule Hannover

Brustschmerzen, Druck und Engegefühl hinter dem Brustbein sind typische Symptome der koronaren Herzkrankheit, kurz KHK. Verursacht werden die Symptome durch Engstellen oder Verschlüsse in den Herzkranzgefäßen, die das Herz mit sauerstoffreichem Blut und Energie liefernden Nährstoffen versorgen.

ErnährungEssen wir uns krank?

Lebensmittel, Obst, Einkauf

Die Zahl übergewichtiger Menschen klettert in den westlichen Industrienationen unaufhaltsam. Studien belegen, dass in Deutschland nur etwa 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung ein medizinisch akzeptables Körpergewicht hat.

Ernährungs-Coaching Richtiges Essen will gelernt sein

Eine junge Frau hält Äpfel, Mandarinen und eine Kaki in den Händen und riecht daran.

Dass kranke Menschen ganz besonders auf ihre Ernährung achten sollten, ist unbestritten. Die Frage ist nur, was das genau bedeutet. Welche Nahrung darf zum Beispiel ein massiv Übergewichtiger zu sich nehmen? Was sollte ein Krebskranker essen? Hilfestellung bei diesen Problemen bieten Gesundheitscoaches.

VirusNeue Hepatitis-C-Medikamente - gut, aber teuer

Tabletten liegen in einem Glas.

Etwa 50 bis 70 Prozent der Patienten, die an einer Hepatitis-C-Infektion erkrankt sind, konnten bislang erfolgreich behandelt werden. Mit neuartigen Medikamenten werden nun Heilungsraten von über 90 Prozent erreicht. Allerdings lassen sich die Pharmafirmen das auch teuer bezahlen.

Organspende"Das war kein Spenden-, sondern einen Verteil-Skandal“

Das Anatomische Modell von einem menschlichen Herz, aufgenommen am 05.09.2012 in der Medizinischen Hochschule Hannover

Seit dem Skandal an deutschen Uni-Kliniken ist die Bereitschaft der Deutschen, Organe zu spenden noch weiter gesunken. Der Chirurg Johann Pratschke plädiert daher für eine gesellschaftliche Diskussion über die Akzeptanz von Organspenden.