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StartseiteBüchermarktDemaskierung einer Bürgerlichen21.09.2007

Demaskierung einer Bürgerlichen

Neue Werkausgabe lädt zur Wiederentdeckung von Joseph Breitbach ein

Ein außergewöhnliches Romandebüt, das Ende 1932 gerade noch hat erscheinen können. Bald danach wurden Joseph Breitbachs Bücher verbrannt. Er war in bester Gesellschaft mit seinen Zeitgenossen und Freunden: Hermann Kesten, Stefan Zweig, Joseph Roth, Erich Kästner oder Klaus Mann, von dem "Die Wandlung der Susanne Dasseldorf" zu den großen europäischen Romanen gezählt wurde.

Von Christian Doering

Joseph Breitbach inszeniert  sein Zeit-, sein Jahrespanorama 1918/19. (Stock.XCHNG / Erik Dungan)
Joseph Breitbach inszeniert sein Zeit-, sein Jahrespanorama 1918/19. (Stock.XCHNG / Erik Dungan)

Der 29-jährige Joseph Breitbach lebt zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren im Ausland, bevorzugt in Frankreich - wo er in Paris seit 1931 einen festen Wohnsitz hat. Da ist dieser wahre "Homme-de- Lettres", ein Maître der Korrespondenz und der Konversation, schon längst zum weitsichtigen Mittler zwischen zwei Kulturen geworden, hat der deutsche Schriftsteller auch als französischer Autor in Frankreichs bekanntestem Verlag reüssiert, ist aus der "Wandlung der Susanne Dasseldorf" zwei Jahre später, 1934, "Rival et Rivale" geworden: Rivale und Rivalin. Von ihm selbst übersetzt.

Ein umfänglicher Roman mit einem merkwürdigen, im Deutschen viel weniger treffenden Titel für diese 'éducation sentimentale' - denn der Leser hat sich fast 500 Seiten bis zu dieser 'Wandlung', diesem späten Erwachen der Susanne Dasseldorf gedulden müssen. Ein historischer Gesellschaftsroman wird hier entfaltet, der exakt die Tage vom 12. Dezember 1918 zur nachmittäglichen Fünf-Uhr-Teestunde bis zum Ende des Jahres 1919 umfasst und ein fast völlig vergessenes Geschichtskapitel aus dem Rheinland erzählt - zwischen Koblenz (damals noch eine kleine Stadt mit 60.000 Einwohnern) - Ehrenbreitstein und Königswinter: aus der Zeit der insgesamt viereinhalbjährigen Besetzung nach dem Waffenstillstand von Compiègne im November 1918.

Auf der Festung Ehrenbreitstein wehte bereits das Sternenbanner. Susanne lief ein Schauer über den Rücken, als sie die fremde Fahne dort sah. (...) Nun haben wir vier Jahre immer gesiegt, und jetzt kommt die fremde Besatzung, sagte Susanne.

Diese deutschnational verbohrte Susanne Dasseldorf ist eine von Konventionen des reichen Wirtschaftsbürgertums oberflächlich glattgeschliffene Fabrikantentochter von 25 Jahren, die in ihrer anmaßenden, kalkulierenden kaufmännischen Vernunft doppelt so alt wirkt. Das väterliche Unternehmen, ein Militärlieferant mit 160 Arbeiterinnen, hat sie mitgeleitet - die Verantwortung in den ersten revolutionären Nachkriegstagen übernimmt nun sie und hält die Moral der Familie neben ihrem Bruder Louis stolz aufrecht. Unerschrocken, kaltblütig, energisch. Mit ihrem glühenden Hass auf die 'Roten' wünscht sie nach dem sang- und klanglosen Verschwinden der alten Monarchie die Herrschaft des Bürgertums herbei.

Sympathisch wird diese Susanne Dasseldorf trotzdem: weil hinter der burschikosen Kühle ein drängendes Begehren spürbar wird - ein Begehren, das die Romanprosa von Joseph Breitbach imprägniert, eine Sinnlichkeit, die sich in seinen Sätzen in Szene setzen will.

Es ist da ein Beben, auch wenn Joseph Breitbach immer im Stil eines "epischen Traditionalisten" geschrieben hat, als der er sich selbst charakterisiert hat. Befragt nach dem 'Warum' und den 'Tendenzen' seines Schreibens, hat er mit einem Wort geantwortet: "Entlarven."

Joseph Breitbach ist in einer französisch-aufklärerischen Erzähltradition immer ein 'entlarvender' Realist und Moralist, der den Realitäten die Unaufrichtigkeiten ihrer Selbstdarstellungen austreibt, Sein und Schein auseinanderhält, der die vordergründige Wirklichkeit auf ihre Abgründe hin sichtbar machen will: da ist noch eine andere, wesentlichere 'Welt' für den Menschen.

Sie war doch keine kleine miauende Französin mit 'mon petit' und 'mon choux' und ähnlichem Geschmuse. Und ein Gretchen war sie auch nicht. Sie fragte doch nicht die Margueriten, ob ein Mann sie liebte oder nicht. Sie fragte doch nie!

Die Phantasmen der Susanne Dasseldorf entsprechen so gar nicht dem Klassenmilieu ihrer Herkunft, dem "feinfühlenden Mann", dressiert und "mit Kragen", zieht sie den kragenlos urwüchsigen Proletarier vor, der auch nicht fragt.

Dass der Krieg zu Ende war, bedauerte sie im Innersten. Nie mehr würde sie dieses Leben zwischen den rauen Kerlen, mit denen sie in ihrem Lazarett zu tun hatte, wiederfinden. Dabei brauchte sie diese Luft von Flüchen, Kartenspielen, etwas schweinischen Liedern und Witzen und noch weniger ästhetischen Dingen, um sich in ihrem Element zu fühlen. Susanne dachte nie über die Frauen und eigentlich täglich über die Männer nach, das heißt, sie stellte sich in ihrer Phantasie täglich Männer vor.

(...) Aber handelte sie danach? Sie unterdrückte immer ihr Verlangen, und das einzige Mal, als sie ihm nachgegeben hatte, damals in der Etappe, war es eine schlimme Geschichte geworden, weil der Mann sich allmählich als ein sentimentaler Empfindler entpuppt hatte, unfähig zu begreifen, dass sie über das Körperliche hinaus nichts mit ihm hatte zu tun haben wollen.
Und Peter?


Peter Hecker, 18 und kurz vor Abschluss seiner Schlosserlehre, wächst zusammen mit seinen vier Geschwistern, von denen Milly und Kitti bald zu Soldatenbräuten werden, im Gärtnerhaus auf - dem Dasseldorfschen Herrenhaus, durch den Hof getrennt, gegenüber. Und aus diesem 'gegenüber' gewinnt der Erzähler Breitbach auch seine erzählerische Perspektive.

Dieser Peter Hecker ist gewiss kein 'Empfindler' sondern ein naiv verschlagener Bursche, der sich ganz schnell auch mit den Besatzern zu arrangieren weiß - mit Körpereinsatz. Er ist die antibourgeoise Gegenfigur in diesem Roman von Joseph Breitbach, der in seinen jugendlich ausschweifenden Helden viel von der eigenen Person mit deren allerdings etwas sublimierteren homosexuellen Lebensform hineingelegt hat. Und diesen Typus des ganovenhaften Halbkriminellen, den Schieber und Stricher in den Zeiten der Besatzung, hat Joseph Breitbach auch schon einmal in seiner wenige Jahre zuvor erschienenen vorstudienhaften Erzählung 'Education sentimentale' zum Thema gemacht.

Ach so!,

sagt dieser für sein erstes großes öffentliches Match gegen den Meister der amerikanischen Armee im Weltergewicht trainierende Peter - "Pitt" - Hecker zu Susanne Dasseldorf, die im Gymnastiksaal endlich nach 'energischer' Verführung diesen muskulös schwellenden jungen Körper in Besitz nehmen will.

Ach so - mehr sagte er nicht. Sie sah ihm nämlich kalt und entschlossen in die Augen. 'Dummkopf', stieß sie aus. Sie bog ihm ihren Leib entgegen und zog ihn an den Beinen zu sich herab.

Die von Susanne Dasseldorf so sehnsüchtig gesuchte Begegnung endet für sie in einer demütigenden Niederlage - einer sexuellen Enttäuschung. Sinnlich, unbefangen und vital ist Joseph Breitbachs Roman in solch prägnanten Passagen - was aber bei seinem Erscheinen in der Zeit kurz vor der Machtergreifung der Nazis vermutlich anders gewirkt hat ; zumindest auf den anonymen Rezensenten der 'Koblenzer Volkszeitung' vom 10. Januar 1933, Breitbachs Heimatpresse, die "Die Verwandlung der Susanne Dasseldorf" als schmutzigen Koblenzer Schlüsselroman missversteht und den Misserfolg wünscht.

Vom Ende her gelesen ist "Die Wandlung der Susanne Dasseldorf" die 'entlarvende' Demaskierung einer bürgerlichen Heldin, gefolgt vom sentimentalen Katzenjammer eines misslungenen sexuellen Emanzipationsversuches. Susanne Dasseldorf wird sich verloben - ein gutes Jahr nach dem damaligen 5 - Uhr - Tee, während die amerikanische Besatzungsarmee in Koblenz einmarschierte.

Der Reiz des Neuen bei diesem Schein-Happyend ist nicht die großbürgerliche Anständigkeit, sondern das Eheversprechen mit dem ' Feind', einem einflussreichen und als deutschfreundlich unter seinesgleichen schlecht beleumundeten Offiziers der Besatzungsmacht, der im beschlagnahmten ersten Stock der Dasseldorfschen Villa einquartiert ist und sich sofort in die eisig - unnahbare Tochter des Hauses verliebt hat, die ihrerseits nur verborgene Blicke auf den Gärtnersohn wirft. Der Umgang mit diesem Major Cather ist für die Dasseldorf - Eltern genauso wie zunächst für den Bruder Louis ein Skandal, gesellschaftliche Bloßstellung.

Es ist der 'Zeitroman', den die 'Neue Sachlichkeit' in den Zwanziger Jahren eingeklagt hatte, den Joseph Breitbach nun schließlich zum Abgesang der Weimarer Republik liefert. Der Roman habe ' nur historisch Belegtes zum Rahmen', schrieb Breitbach eigentümlicherweise, als ob die literarische Fiktion sich zu rechtfertigen hätte, ' als die Stadt unter der amerikanischen Besatzung ebensoviel seufzte wie jauchzte.' Und es wird viel geseufzt und gejauchzt in diesem Roman mit seiner Realitätsverpflichtung:

Besatzungsschikanen und Fraternisierungsverbote einerseits, blühende Prostitution, Unterlaufen des Alkoholverbots, Schiebereien, Währungsspekulationen andererseits - und die spanische Grippe teilen Amerikaner und Deutsche.

Verwoben mit diesem politischen und sozialen Ausnahmezustand ist auch Joseph Breitbachs schillernde Romanfigur Heinrich Schnath: Susannes ' Rivale' im heimlichen Buhlen um den jungen Peter Hecker.
Und die 'Rivalin' schleudert diesem Heinrich Schnath höhnisch entgegen:

Sie sind bis ins Mark unaufrichtig, Sie lügen, Sie sind neugierig, indiskret, kurz, Sie haben alle Eigenschaften eines Weibes. Sind Sie sich darüber klar, womit das alles zusammenhängt?

Aus Breitbachs 'entlarvender' Education sentimentale wird schnell eine 'amour fou' - ein Spiel der Irrungen und Wirrungen, getrieben vom immer verborgenen sexuellen Begehren. Vom seelischen Ausnahmezustand.

Was für Verkettungen.

Dieser Heinrich Schnath ist ein Meister der Intrige, ein verschlagener, geltungssüchtiger und immer unglücklicher Aufsteiger. Als Sekretär von Susannes Bruder Louis, der nach seinen preußischen Offiziersjahren nun für eine Berliner Zeitung aus der besetzten Zone berichtet, weiß er sich unentbehrlich zu machen - den eigenen körperlichen Mehrwert dabei immer im Blick.

Joseph Breitbach inszeniert sein Zeit- sein Jahrespanorama 1918/19 der politischen und privaten 'Verkettungen' glänzend und schildert all die Manöver des Menschlichen mit einfühlsam unwiderstehlicher Lust. Erzählerische Spannung gewinnt er aus dem Wechsel zwischen Historie und Individuellem und genussvoll schildert er seine Figuren, die sich 'entlarvenderweise' dabei alle des jungen Peter Hecker bedienen - und zu Rivalen und Rivalinnen werden.
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Dieser Deutsche, der Franzose wurde und ein deutscher Schriftsteller blieb, dieser ' ami français' und 'ècrivain allemand', wie Marguerite Yourcenar ihren Freund nannte, dieser 1980 mit dreiundsiebzig Jahren gestorbene Joseph Breitbach verdient die Wiederentdeckung, die Lektüre.

Joseph Breitbach. Die Wandlung der Susanne Dasseldorf. Roman. 521 Seiten. Erster Band der Werke in Einzelausgaben. Wallstein Verlag, Göttingen.

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