Corso / Archiv /

Der erkaufte Blick in die Handtasche

Hans-Peter Feldmann in der Londoner Serpentine Gallery

Von Ruth Rach

Was mag in diesen Handtaschen sein?
Was mag in diesen Handtaschen sein? (Stock.XCHNG / John evans)

Plakate, Postkarten und private Alben: Hans-Peter Feldmann lebt als Konzeptkünstler auch seine Sammelobsession aus. Nun widmet er sich der Handtasche und erlaubt Einblicke in das ganz Private anderer Leute - denn die Ausstellungsobjekte hat der Künstler ihnen abgekauft.

Fasziniert starrt der junge Mann in die Vitrine. Inspiziert die nächste. Grübelt. Vergleicht. Die Objekte seiner Neugierde: fünf Handtaschen und ihre Inhalte, aufs Penibelste aufgereiht, jede im eigenen Glaskasten, gerade so, als handle es sich um Exponate in einem Naturkundemuseum.

Total stark, sagt Simon, das Ganze wirke anonym und doch unheimlich privat. Dennoch werde der Betrachter nicht zum Voyeur, sondern zum Detektiv, der intensiv über die Lebensreisen der Handtaschenbesitzerinnen nachdenke.

Tickets, Tampons, Sonnenbrille. Schuhe, Süßigkeiten, ein alter Knopf. Für jeweils 500 Euro hat Hans-Peter Feldmann seinen Bekannten die Taschen abgekauft - komplett mit Inhalt. Fünf sind in seiner Retrospektive in der Londoner Serpentine Gallery ausgestellt.

Für sich gesehen seien solche Alltagsgegenstände ziemlich öde, findet Fabio, ein Besucher aus Italien: Aber wenn man sie aus ihrem normalen Kontext herausnehme, und neu arrangiere, geschehe die Transformation. Der Akt des Betrachtens mache sie zur Kunst und den Betrachter zum Künstler.

Ein kaputter Henkel, ein Wirrwarr von Quittungen, ein Häufchen Münzen und Zigarettenfilter. Eigentümerin ist - so verrät ein Schildchen - Susanne, aus Berlin. Stephanie aus Paris wiederum geht mit Haarbürste, Haribo und Schmerztabletten in den Alltag. Und die Tasche daneben enthält einen mysteriösen Notizblock mit arabischen Schriftzeichen, zwei Geldbörsen und fünf Kugelschreiber.

Handtaschen sind Metaphern für das, was Frauen mit sich herumschleppen, häufig Dinge, die wir nicht loslassen können, sagt die Therapeutin Lilliana Gibbs. Der Ausstellungsraum erinnert sie an ihre eigenen Workshops: Auch da leeren die Teilnehmerinnen ihre Taschen aus und lernen, sich von unnötigem Kram zu befreien.

Auch für Hans-Peter Feldmann haben die Vitrineninhalte eine tiefere Bedeutung, verrät die Kuratorin Kathryn Rattee:

"Dem Künstler war es als Kind streng verboten, in die Handtasche seiner Mutter zu spähen. Allerdings habe sich das Geheimnis auch nach ihrer rituellen Öffnung nicht offenbart."..

Kunst entsteht - so meint Hans-Peter Feldmann - im Kopf des Betrachters. Ihm geht es darum, Vertrautes frisch wahrnehmen. Er sammelt Fotos, Fundstücke, Objekte. Und arrangiert sie so, dass der Betrachter stutzt, guckt, und dann immer wieder hinschaut.

Besonders poetisch: das Schattenspiel. Kitschobjekte, Nippes, Spielsachen, die auf langsam rotierenden Scheiben stehen und von Lampen angestrahlt werden. Ihre Schatten zeichnen skurrile Traumwelten an die Wand: ein lautloser, unheimlicher Zaubertanz. Die Verwandlung von Alltagsgegenständen in ein Kunstwerk ist perfekt.

Eines Tages kaufte er ein Pfund Erdbeeren und fotografierte jede einzelne Beere. So entstand seine berühmte Serie: 68 Erdbeerporträts, jedes der Früchtchen so prallig rot, und so individuell geformt, dass man sie mit unverhohlenem Staunen inspizieren muss, in der obsessiven Hoffnung, doch zwei identische zu finden. Als hätte man noch nie eine Erdbeere gesehen.

Banale Spielerei, spöttelt ein Rezensent im "Guardian". Ansonsten kommt Hans-Peter Feldmann in Großbritannien gut an. Und für seine Kritiker mag seine Buchstabencollage an die Wand gelten: "Art must have the right to risk being bad".

Hans-Peter Feldmann in der Serpentine Gallery London (11.4. - 5.6.2012)



Mehr bei deutschlandradio.de

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Corso

Mein Klassiker"Die Gefühle von damals kommen wieder hoch"

Der Synchron- und Hörspielsprecher Oliver Rohrbeck.

Seine Stimme kennen Millionen: Er synchronisiert Ben Stiller und ist die Stimme von Justus Jonas aus der Hörspielreihe "Die drei Fragezeichen": Oliver Rohrbeck. Sein Klassiker ist "London Calling" von The Clash. Die Musik versetzt ihn zurück an den Anfang der 1980er-Jahre.

Buch über Film Noir"Zweifel an Durchdringbarkeit der Welt"

Ausschnitt des Buchcovers von "Film Noir. 100 All-Time Favorites". Rote Schrift auf schwarzem Grund, im Vordergrund eine Frau mit einem Kerzenhalter auf einer Treppe, im Hintergrund ihr verzerrter Schatten.

In den stilistisch reinen Bildern des Film Noir schwingt immer der moralische Niedergang einer ganzen Gesellschaft mit. Das macht ihn für die Filmwissenschaft interessant. Der Kunsthistoriker Jürgen Müller hat ein neues, umfassendes Buch über den Film Noir mitherausgegeben.

Ausstellung "Urban Movements"Kaleidoskop der Jugendkultur

Das leuchtende Dortmunder U bei Nacht.

Urbane Alltagskunst, Musik und Mode: Das Dortmunder U zeigt mit der Ausstellung "Urban Movements" ein buntes und multimediales Sammelsurium urbaner Ausdrucksformen junger Menschen. Ein Anspruch auf Vollständigkeit erheben die Macher nicht. Junge Kunst soll hier, unabhängig von ihrer Qualität, sichtbar und hörbar werden.