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StartseiteForschung aktuellDer Extrovertierte und der stille Arbeiter10.10.2012

Der Extrovertierte und der stille Arbeiter

Porträts der beiden Chemie-Nobelpreisträger Lefkowitz und Kobilka

Mit Robert Lefkowitz und Brian Kobilka teilen sich zwei Forscher den Chemie-Nobelpreis, die zwar im gleichen Fachgebiet arbeiten, abseits der Wissenschaftswelt ab ganz unterschiedliche Charaktere sind. Kollegen beschreiben sie als Lefkowitz, den Extrovertierten, und Kobilka, den stillen Arbeiter.

Von Volker Mrasek

Die Nobelpreisträger für Chemie 2012 Robert Lefkowitz (l.) und Brian Kobilka (Duke University Medicine (l) Stanford University (re))
Die Nobelpreisträger für Chemie 2012 Robert Lefkowitz (l.) und Brian Kobilka (Duke University Medicine (l) Stanford University (re))

Wie gut, dass Robert Lefkowitz eine Ehefrau an seiner Seite hat. Sonst hätte der 69-Jährige den Nobelpreis glatt noch verschlafen:

"Ich war im Tiefschlaf, als das Telefon klingelte. Ich hörte es gar nicht. Ich muss aber auch gestehen, dass ich nachts immer Ohrstöpsel trage. Meine Frau stieß mir dann den Ellbogen in die Seite. Und da war sie dann - die faustdicke Überraschung!"

Dass das Nobelpreiskomitee heute Mittag Bob Lefkowitz aus dem Bett klingelte und nicht Brian Kobilka, den zweiten Preisträger - das wundert Martin Lohse überhaupt nicht. Der heutige Professor für Pharmakologie an der Universität Würzburg arbeitete früher eng mit beiden Forschern in den USA zusammen:

"Die beiden sind total unterschiedlich. So unterschiedlich, wie man eigentlich nur sein kann. Der Brian Kobilka ist ein ganz Stiller. Der Bob Lefkowitz ist der extrovertierte, etwas chaotische, lautere Mensch. Also, wenn Sie auf eine Tagung gehen, und in einer Ecke lacht es laut, dann ist es Bob Lefkowitz. Und wenn in einer anderen Ecke es still und konzentriert vor sich geht, dann ist es Brian Kobilka. Bob Lefkowitz hat 20 um sich, und Brian Kobilka ist zu zweit oder zu dritt ins Gespräch vertieft."

Martin Lohse war um das Jahr 1990 herum als Postdoc im Labor von Robert Lefkowitz tätig, also nach Abschluss seiner Promotion. Er erinnert sich an einen wissenschaftlichen Ziehvater, der sehr enthusiastisch gewesen sei:

"Als ich in seinem Labor anfing zu arbeiten, hatte wir gerade eine Arbeit von 'Nature' zurückgeschickt bekommen", "

- also von der namhaften britischen Wissenschaftszeitschrift -

" "Die wollten sie nicht haben. Und er schrie so über den ganzen Flur: 'They just think they rejected it!' Also, die haben bloß gedacht, sie haben unsere Arbeit abgelehnt. Er hat's tatsächlich mit seinem Enthusiasmus geschafft, diese Arbeit in den Druck zu bringen. Und viele andere Sachen auch."

Ganz anders dagegen Brian Kobilka:

"Also wissen Sie, er ist ein ganz hagerer hochgewachsener Mann. Und ganz bescheiden und zurückhaltend. Nicht jemand, der von sich sagt, er ist toll, sondern der wirklich sehr, sehr zurückhaltend hart arbeitet im Labor."

Auch Roland Seifert ist ein Wegbegleiter des neuen Chemie-Nobelpreisträgers. Heute leitet er als Direktor das Institut für Pharmakologie der Medizinischen Hochschule in Hannover; nach seiner Promotion aber forschte er zeitweilig im Labor von Brian Kobilka - so wie Martin Lohse bei Bob Lefkowitz:

"Ich war von 1995 bis 1998 Postdoktorand bei Brian Kobilka in Stanford. Wir sind sehr, sehr gut befreundet. Wir haben viele Arbeiten miteinander publiziert. Und ich denke, in der Zeit, in der ich da war, sind auch wichtige Vorarbeiten entstanden zu diesem Nobelpreis."

Was ihm selbst an Extrovertiertheit fehlt, das macht Brian Kobilka offenbar mit Beharrlichkeit wett. Martin Lohse bezeichnet ihn als wissenschaftlichen Handwerker, und das ist anerkennend gemeint:

"Dazu könnte ich Ihnen auch was erzählen, weil das absolut irre ist. Das ist jemand, der ist ja selber Mediziner und hat in Stanford angefangen, noch mit einem halben Bein in der Kardiologie und dem anderen in der Forschung. Und hat damals schon gesagt: ,Martin, wenn ich jetzt mein erstes eigenes Labor habe - ich werde für mich selbst versuchen, diese Rezeptoren zu reinigen und ihre Struktur aufzuklären. Das Projekt ist so riskant, ich lasse niemanden von meinen Leuten da mitarbeiten."

Riskant in dem Sinne, dass Kobilka mit seiner Idee zu dieser Zeit überhaupt keine Unterstützung bei anderen Forschern fand:

"Und er hat 20 Jahre an dieser Sache herumgepuzzelt, immer für sich. Er hat die Förderung verloren dafür. Und kurz bevor er's hingekriegt hat, hat er mir gesagt: Du, ich habe jetzt noch für ein Jahr Geld. Und wenn ich's dann nicht schaffe, dann bin ich ruiniert. Er hätte auf jeden Fall sein Labor auf Grund gefahren."

Das hat Kobilka am Ende nicht. Und so darf er sich nun über den Chemie-Nobelpreis freuen. Genauso wie Bob Lefkowitz, der Übervater auf dem Gebiet der Strukturanalyse von Zellrezeptoren. So sehen ihn schon immer viele. Er selbst, der Extrovertierte, haderte heute erst einmal mit seinem Äußeren:

" Ich könnte einen Haarschnitt gut gebrauchen! Wenn Sie mich jetzt sehen könnten - Sie würden mir auf jeden Fall zustimmen! Aber ich fürchte, ich werde das verschieben müssen. Es wird ein ziemlich verrückter Tag werden. "

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