• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDer faszinierende Blick nach oben25.11.2010

Der faszinierende Blick nach oben

Ein Symposium des Museums der Universität Tübingen

Ein Arbeitskreis Astronomie, eine Sternwarte, ein Planetarium und ein Weltraumteleskop am Institut für Astrophysik, das seinen Weg aus dem All zurück zur Erde gefunden hat - das bietet Tübingen. Dort fand nun das Symposium "Der Himmel - Wunschbild und Weltverständnis" statt.

Von Barbara Weber

"Ich bin Florian Freistetter, bin Astronom und arbeite derzeit am Astronomischen Institut der Universität Heidelberg und von meinem Arbeitsgebiet her Himmelsmechaniker."

Die saloppe Vorstellung amüsiert nicht nur Gudrun Wolfschmidt, Professorin und Leiterin am Institut für Geschichte der Naturwissenschaften, Mathematik und Technik an der Universität Hamburg. Die Wissenschaftlerin steht gemeinsam mit Dr. Freistetter und Dr. Seidl in einem kleinen Raum des Museums der Universität Tübingen.

"Wir befinden uns hier in einer originalen ägyptischen Grabkammer."

Ernst Seidl deutet auf die bunten, bemalten Fragmente, die auf den weißen Wänden des kleinen Raumes angebracht sind. Der Leiter des Museums der Universität ist stolz auf dessen üppige Ausstattung, schließlich sind hier im Schloss 35 verschiedene Sammlungen der Universität vereint. Die Grabkammer gehört zu den außergewöhnlichen archäologischen Exponaten.

"Hier kann man schon wunderbar in den Darstellungen, in den farbigen Reliefs ablesen, wie die Vorstellung des Jenseits funktioniert, und diese Jenseitsvorstellung ist schon ein Teil oder eine Fragestellung unseres Jahresthemas: Der Himmel."

Schon vor den Ägyptern gab es natürlich Vorstellungen über das Firmament, zum Beispiel bei den Babyloniern, weiß Gudrun Wolfschmidt und ergänzt:

"Es gab natürlich bei den Babyloniern, Babylonier sag' ich jetzt allgemein, es betrifft auch Assyrier und Perser und alle, die in dem Zweistromland geherrscht haben und bei den Ägyptern natürlich eine intensive Beschäftigung mit Astronomie. Bei den beiden in sehr verschiedener Art: Die Babylonier - ich sag' jetzt grob nur - haben sich eben sehr stark rechnerisch beschäftigt mit den Sachen, haben die Mondbewegung, die komplizierte, berechnet, und bei den Ägyptern war es eher so, dass die also die Sonne im Zentrum hatten, also den Sonnengott Ra, auch in verschiedenen Variationen im 14.Jahrhundert v.Chr. mit dem Atonkult usw."

Die besondere Leistung der Ägypter war, dass sie das Jahr eingeführt haben.
Beide Kulturen befruchteten sich gegenseitig, und natürlich hatten auch die Griechen in hellenistischer Zeit Kontakt zu den beiden Großmächten.

"In der Zeit der Griechen gab es grundsätzlich zwei geozentrische Weltbilder: Es gab einmal das aristotelische Weltbild, das war ein physikalisches Weltbild: Die Planeten haben - und zu den Planeten gehörten damals Sonne und Mond - haben die Erde, die im Zentrum war, umkreist."

Der Urheber der Idee war Platon, der von einer gleichmäßigen runden Umkreisung ausging. Das zweite Modell stammt von Ptolemeios, der das geozentrische Modell mathematisch berechnete.

"Und diese beiden Modelle haben eine lange Wirkung gehabt. Die sind im Mittelalter rezipiert worden. Man hat dann noch Gott und die Engel ergänzt, hat aber sonst im Prinzip - die Astronomie ist praktisch gleich geblieben und es hat auch einigermaßen funktioniert."

Bis Ende des Mittelalters das Osterfest sich um zehn Tage verschoben hatte, die Messen demzufolge falsch gelesen wurden und Kirche und Gelehrte erkannten, dass da was nicht stimmen konnte. So kamen die geozentrischen Modelle auf den Prüfstand. Die zündende Idee brachte dann Kopernikus.

"Indem er auf der Basis der Antike, wo er ein Weltbild entdeckt hat auf der Basis von Aristarch von Samos, der hat ja schon ein heliozentrisches Weltbild entwickelt mit der Sonne im Zentrum und alle Planeten einschließlich der Erde umkreisen die Sonne, und das hat er aufgegriffen, und auf dieser Basis der Antike sein neues heliozentrisches Weltbild entwickelt."

Zwar stimmte das kopernikanische Weltbild jetzt besser mit den kirchlichen Feiertagen überein, andererseits wurden Zweifel laut, denn nun stand die Erde nicht mehr im Mittelpunkt des Geschehens. Es gab Probleme.

"Und dann natürlich massive Probleme, nachdem sich Galilei eingeschaltet hat, der dann ein Verbot hatte, was darüber zu publizieren. 1616 gab es die große Anweisung, dass das Buch auf den Index gesetzt werden soll, und dass man über das kopernikanische System nichts mehr publizieren soll vonseiten des Papstes, der katholischen Kirche, der Kurie usw."

Die Lösung brachte Tycho Brahe, der in weiser Voraussicht ein raffiniertes Weltbild entwickelte: ein Kompromiss zwischen dem geo- und dem heliozentrischen Modell.

"Es steht also die Erde weiter im Zentrum, aber alle Planeten bewegen sich um die Sonne und mit der Sonne zusammen um die Erde, die im Zentrum bleibt, sodass die Kirche zufrieden war, aber die Astronomen trotzdem die vereinfachte Berechnung hatten."

Es war Kepler, der beruhend auf den Beobachtungen von Tycho Brahe, Berechnungen anstellte und zu dem Ergebnis kam, dass die Planeten sich nicht kreis-, sondern ellipsenförmig bewegten. Da schließt sich auch der Kreis zu dem Tagungsort: Kepler hat in Tübingen studiert. Die drei keplerschen Gesetze brachten dann den Durchbruch zur modernen Astronomie.

"Und das Einzige, was dann noch fehlte, war ein Kraftgesetz, und das hat noch kurz danach noch Newton veröffentlicht, und dann war eine neue Physik des Himmels da. Das Weltbild war vollendet, die kopernikanische Revolution, die über viele Jahrhunderte gedauert hat, war dann vollendet. Und im 19.Jahrhundert hat man dann noch die Beweise für das Weltbild gefunden."

Kepler und Newton haben heute in der Astronomie nach wie vor einen wichtigen Stellenwert. Was wir heute wissen, konnte in ihrer Zeit kaum ein Gelehrter auch nur ahnen:

"Wir wissen heute, wenn wir es jetzt mit der Zeit von Keppler und Newton vergleichen, wissen wir zum Beispiel, aus was die Sterne bestehen. Wir wissen, dass die Sterne nicht nur Punkte am Himmel sind oder Löcher in der Himmelskugel oder so was, sondern dass die große Gaskugeln sind, so wie unsere Sonne","

erläutert Florian Freistetter, der sich als Astronom und Himmelsmechaniker mit der Bewegung und Beschaffenheit von Körpern beschäftigt.

""Wir wissen, dass die Planeten keine Lichtpunkte sind, keine Manifestationen von mystischen Göttern, sondern wir wissen, dass das Welten sind, wie unsere Erde auch. Wir wissen, dass unser Universum nicht am Sonnensystem zu Ende ist, sondern dass die Sonne mit ihren Planeten eingebettet ist in eine riesengroße Galaxie, die aus Milliarden von Sternen besteht. Wir wissen, dank der Arbeit von Hubble, dass auch das noch nicht alles ist, dass unsere Galaxie nur eine von Milliarden ist vom ganzen Universum. Und wir wissen, dass das Universum sich ausdehnt, dass das Universum nicht statisch ist, sondern ständig in Bewegung ist, dass sich alles bewegt, dass das Universum selbst sich ausdehnt und als logische Folge daraus, das Universum vor ungefähr 13,7 Milliarden Jahren den Anfang gehabt hat, eben den Urknall."

Die Beschäftigung mit dem Himmel und das menschliche Unvermögen, ihn zu erklären, hat dazu geführt, dass den Veränderungen am Firmament schon seit Jahrtausenden eine höhere Bedeutung zugesprochen wurde. Wallenstein ließ sich von Kepler Horoskope erstellen. Kepler wiederum war der festen Überzeugung, dass es eines Tages gelingen könnte, wissenschaftliche Belege für die Sternendeuterei zu finden. Das ist bis heute nicht gelungen, so Florian Freistetter.

"Die Trennung, die heute zwischen Astrologie und Astronomie existiert, ist ja genau die Trennung zwischen dem wissenschaftlichen Teil der Beschäftigung mit den Sternen und dem eben, was übrig geblieben ist, wenn man so sagen will, der nicht wissenschaftliche Teil, der religiöse Teil, der mystische Teil. Das Problem ist, dass es eine in sich konsistente Astrologie nicht gibt, dass es keine gemeinsame astrologische Methode gibt. Also jeder Astrologe macht im Prinzip das, was ihm richtig erscheint und in sich selbst sind dann die Astrologien auch noch extrem aufgesplittet."

Eines haben die Menschen, die die ägyptische Totenkammer einst bemalt haben und die drei Wissenschaftler, die heute im Museum der Universität Tübingen die grandiose Arbeit dieser Künstler bewundern, gemein: Der Himmel übt eine große Faszination auf sie aus:

"Mich fasziniert am Himmel, dass er da ist, dass er so schön ist, dass man ihn verstehen kann. - Die Schönheit, die Größe, die Dimensionen, das sind ja Zahlendimensionen, die einen wirklich erschaudern lassen, beziehungsweise man kommt an Grenzen des Nachdenkens. Außerhalb des Universums existiert kein Raum und keine Zeit. Wie soll man sich so etwas vorstellen? - Mich fasziniert natürlich auch die Himmelsbeobachtung, der Eindruck des nächtlichen Himmels, aber natürlich auch das Interessante, dass da eben Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft nahe zusammen kommen. Und das ist, glaube ich, bei der Astronomie in ganz besonderem Maße der Fall, wenn man die früheren Kulturen und früheren Zeiten nimmt, diese Faszination, dass man sich für so etwas interessiert von beiden Richtungen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk