Kultur heute / Archiv /

 

Der große Bücherklau

Über 4000 Werke aus der Biblioteca dei Girolamini in Neapel entwendet

Von Thomas Migge

Mehr als 4000 kostbare Bücher aus dem 16. bis 18. Jahrhundert sollen aus Neapel entwendet worden sein.
Mehr als 4000 kostbare Bücher aus dem 16. bis 18. Jahrhundert sollen aus Neapel entwendet worden sein. (AP)

Mehrere Jahre lang wurde offenbar die Biblioteca dei Girolamini in Neapel regelrecht geplündert - eine der am reichsten mit antiquarischen Büchern bestückten Bibliotheken Italiens. Die jüngsten Ermittlungen lassen den Verdacht zu, dass der Raub von langer Hand und in Rom vorbereitet wurde.

Marcello dell’Utri ist Italiens berühmtester Bibliophiler. Und doch gilt er unter Literaten und Verlagen als persona non grata. Nicht erst seit er vor wenigen Tagen erfuhr, dass die Staatsanwaltschaft Neapel gegen ihn ermittelt. Seit Monaten wird er verdächtigt gestohlene Bücherkostbarkeiten illegal erworben zu haben. In seiner Privatbibliothek in Mailand fand die Polizei kostbarste Erstausgaben, unter anderem der "Utopia" des Philosophen Thomas Morus aus dem Jahr 1518. Dieses und andere Werke aus dem Besitz dell’Utris, so die Polizei, gehören eigentlich der neapolitanischen Biblioteca dei Girolamini.

Walter Mariottini von der Sondereinheit der Carabinieri gegen Kunstdiebstahl:

"Gegen insgesamt 17 Personen wird inzwischen ermittelt, darunter auch gegen Senator dell’Utri. Es geht um den in zahllosen Fällen durchgeführten Diebstahl wertvoller Bücher. Der Senator soll vom Bibliotheksdirektor mit alten Büchern für seine private Sammlung versorgt worden sein. Wir haben es hier mit einer kriminellen Organisation zu tun."

Selbst in Italien, das in Sachen Kriminalität und Korruption einiges zu bieten hat, handelt es sich hierbei um ein absolutes Novum: Mehrere Jahre lang wurde offenbar eine der am reichsten mit antiquarischen Büchern bestückten Bibliotheken Italiens, die Biblioteca dei Girolamini in Neapel, nicht nur bestohlen sondern regelrecht geplündert. Mehr als 4000 kostbare Bücher aus dem 16. bis 18. Jahrhundert landeten auf diese Weise auf dem antiquarischen Kunstmarkt. Nur einige wenige hundert konnten bei den laufenden Ermittlungen - die Ende Januar auch zur Verhaftung von sechs Buchhändlern führten - wieder gefunden werden.

Im vergangenen April wurde die Bibliothek sicherheitshalber von der Polizei beschlagnahmt und geschlossen. Verhaftet wurde damals der Konservator der Bibliothek, der katholische Geistliche Sandro Marsano, sowie Bibliotheksdirektor Marino Massimo De Caro. Anschließend wurden beide freigelassen und dann erneut in Gewahrsam genommen. Jetzt wurde ihre Verhaftung von der Staatsanwaltschaft Neapel aufgrund neuer Vorwürfe untermauert. Sie sollen, so die Ermittler, selbst während der polizeilichen Schließung ein Netz mit antiquarischen Buchhändlern in Italien und im Ausland, von der Schweiz ist die Rede, aufgebaut haben. Marsano und De Caro versorgten Buchhändler und Sammler wie Dell’Utri, so der Vorwurf, mit bibliophilen Perlen aus der Bibliothek.

Der auf alte Bücher spezialisierte neapolitanische Kunsthistoriker Claudio Bertinetti:

"Diese Leute agierten ungestört, denn die Bibliothek ist seit einiger Zeit für die Öffentlichkeit geschlossen und so konnten sie mitnehmen was sie wollten, ohne dass sie dabei kontrolliert wurden. Sie stellten sogar nach Belieben die Alarmanlagen aus"

Die jüngsten Ermittlungen lassen den Verdacht zu, so erklärte die Staatsanwaltschaft Neapel vor wenigen Tagen, dass die Plünderung der Biblioteca dei Girolamini von langer Hand und in Rom vorbereitet wurde.

Den Ermittlern zufolge habe Senator dell’Utri Berlusconis letzten Kulturminister, Giancarlo Galan, unter Druck gesetzt, damit dieser Marino Massimo De Caro zum Direktor der Biblioteca dei Girolamini ernennt. Anscheinend, so der Verdacht, wollte dell’Utri einen Mann an der Spitze der Bibliothek wissen, der im zu Diensten ist und ihn mit bibliophilen Kostbarkeiten versorgt.

Der Fall der Biblioteca dei Girolamini ist in Italien sicherlich keine Ausnahme. Davon ist die Sondereinheit der Carabineri gegen Kunstdiebstahl überzeugt. Erste Stichproben in einigen Bibliotheken, zum Beispiel in der neapolitanischen Bibliothek des Konservatoriums San Pietro a Majella, die weltweit eine der wichtigsten Sammlungen von Originalpartituren von Mittelalter bis Barock besitzt, zeigen, dass auch dort Diebe am Werke waren und wahrscheinlich immer noch sind. In welchem Umfang ist noch unklar.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

MusiktheaterSzenen aus dem Schützengraben

Das Musiktheater-Stück "Shell Shock" wird derzeit am Brüsseler Opernhaus La Monnaie gegeben. Darin verarbeiten Nicholas Lens und Nick Cave Szenen aus dem Ersten Weltkrieg. Aus verschiedenen Perspektiven erzählen sie von Angst, Schmerz und Tod.

BiennaleFünf "Denker" für Venedig

Florian Ebner (l), Kurator des Deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig 2015, unterhält sich am 24.10.2014 im Folkwang Museum in Essen (Nordrhein-Westfalen) mit dem Fotografen Tobias Zielony (M) und der Videokünstlerin Hito Steyerl.

Die spannende Frage, welche Künstler Deutschland bei der Biennale in Venedig vertreten, ist gelüftet: Im Deutschlandfunk erklärte der Kommissar des deutschen Pavillons Florian Ebner, welche Hoffnungen er in die Künstler setze und gab schon mal einen kleinen Ausblick auf das, was die Zuschauer erwarten wird.

Kultur heute Die Sendung vom 24. Oktober 2014

 

Kultur

Chuck ProphetAbseits vom Mainstream

Eine Gitarre des Herstellers Ovation.

Mittlerweile ist er 51 Jahre alt, der ehemalige Sänger der Punkband Green On Red: Chuck Prophet. 1992 begann er seine Solokarriere. Mit seinem aktuellen und 13. Album bleibt er musikalisch zwischen den Stühlen: zu eingängig um die Punk-Klientel zu bedienen und zu sperrig, um im Mainstream anzukommen.

100 Jahre LeicaAusstellung zum Sinnbild des "Neuen Sehens"

Eine Leica M8 liegt am 18.10.2012 auf einem Stuhl in Bad Windsheim (Bayern)

Der legendären Kleinbildkamera von Leica ist derzeit die Ausstellung "Augen auf" im Hamburger Haus der Fotografie gewidmet. Anhand journalistischer Bild-Strategien, dokumentarischer Ansätze und freier künstlerischer Arbeiten können Zuschauer die hundertjährige Geschichte der vielleicht ersten echten Einsteigerkamera betrachten.

Kinofilme über Homosexualität"Ich bin schwul, verdammt noch mal"

2003 heirateten Ernst Ostertag und Röbi Rapp als erstes gleichgeschlechtliches Ehepaar der Schweiz. Regisseur Stefan Haupt erzählt in "Der Kreis" die Geschichte der beiden. Außerdem im Kino: "Coming In" von Marco Kreuzpaintner und "Pride" von Julian Hernández.