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Der lange Arm von Bautzen

Ehemalige DDR-Gefangene leiden noch Jahrzehnte unter ihren Haft-Erinnerungen

Von Thomas Wagner

Das Stasi-Gefängnis Bautzen II existierte seit 1956. Hier wurden unter anderem Spione, Fluchthelfer, straffällige Stasi-Offiziere und gescheiterte Republikflüchtige interniert.
Das Stasi-Gefängnis Bautzen II existierte seit 1956. Hier wurden unter anderem Spione, Fluchthelfer, straffällige Stasi-Offiziere und gescheiterte Republikflüchtige interniert. (picture alliance / dpa)

Sie haben Albträume, Depressionen, manche neigen zu unerklärlichen Zornes- und Wutausbrüchen: Über 23 Jahre nach dem Fall der Mauer leiden viele ehemalige Häftlinge des Stasi-Gefängnisses Bautzen II an sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen. Das Befremdliche daran: Bei vielen Ex-Häftlingen treten diese Störungen erst seit wenigen Jahren auf.

Es ging als sogenannter "Stasi-Knast" in die deutsch-deutsche Geschichte ein: das sächsische Gefängnis Bautzen II. Dort brachte die DDR-Führung zwischen Mitte der 50er-Jahre und 1989 einen Großteil ihrer politischen Häftlinge unter; manche von ihnen waren Misshandlungen, manchmal sogar Folter ausgesetzt. Diejenigen, die dort einsaßen, leiden zum Teil heute noch an den Folgen:

"Das bringt zum Beispiel bei solchen Leuten das Phänomen hervor, dass sie Angst haben vor Uniformen, vor Uniformierten, dass sie in manchen Momenten denken: Jetzt geht alles wieder los. Dann gibt es Albträume, eben dass man wieder im Gefängnis ist und wieder in einer Dunkelzelle steht oder andere Dinge von Verhörsituationen, die in diesen Albträumen eine Rolle spielen."

Rund ein Drittel der einstigen politischen Häftlinge der DDR leiden heute noch an solchen Symptomen. So steht es in einer gemeinsamen Studie der Universitäten Zürich und Dresden. Und viele davon werden regelmäßig von einer sogenannten chronischen Überregung heimgesucht. Mitautor Professor Andreas Maercker von der Fachrichtung Psychopathologie und Klinische Intervention an der Universität Zürich findet diesen Anteil an sich schon ziemlich hoch. Noch viel überraschender ist ein weiteres Ergebnis: 15 Prozent der befragten Ex-Häftlinge lebten unmittelbar nach ihrer Haftentlassung über Jahre hinweg beschwerdefrei. Erst in jüngster Zeit stellten sich die Symptome ein. Für Andreas Maercker stellte sich daher die Frage:

"Warum ist das jetzt dazugekommen, wenn diese Menschen älter geworden sind? Das hängt damit zusammen, dass 'Life Transitions', Lebensübergänge, eine wichtige Rolle spielen. Zu diesen Lebensübergängen gehört das Verlassen der Kinder aus dem Haushalt, das sogenannte 'Emptiness-Syndrom', das Berufsende, häufig auch ein Partnerverlust im höheren Lebensalter. Und diese Lebenstransitionen spielen eine große Rolle für viele psychischen Störungen, eben auch für diese posttraumatischen Belastungsstörungen."

Hinzu kommt ein weiteres: Gerade im Alter schwächt sich die "Inhibition", die Hemmung bestimmter Prozesse, ab.

"Das führt dann dazu, dass so ein Überschüttet-Werden mit Erinnerungsbildern einfacher ist, weil die Hemmung dagegen nicht überschüttet zu sein, zurücktritt."

Stellt sich die Frage, warum all dies eben nur bei rund einem Drittel der politischen Häftlinge und nicht bei allen zutage tritt. Professor Andreas Maercker von der Universität Zürich geht davon aus,

" ... dass einige Menschen eine genetische Bereitschaft dazu hatten, auf Dauer immer, immer wieder diese inneren Bilder, diese Erlebnisse weiter zu transportieren."

Daneben spiele das Lebensalter, zu dem die Haft begann, eine wichtige Rolle für die Spätfolgen: Wer mit 16, 17 oder 18 Jahren bereits als politischer Häftling unter unmenschlichen Bedingungen ins Gefängnis geworfen wird, leidet darunter in den Jahrzehnten danach potenziell stärker als ältere.

"In einem ganz, ganz anderen Feld sehen wir das genauso, nämlich bei den Soldaten, die im Einsatz sind: Je jünger die sind, 17, 18 oder 19, desto mehr haben die über Jahrzehnte chronische, posttraumatische Belastungsstörungen."

Hinzu kommt als Ursache für den hohen Anteil der Langzeit-Betroffenen unter den ehemaligen politischen Häftlingen der sogenannte soziale Faktor. Und der birgt einiges an politischer und gesellschaftlicher Brisanz:

"Viele haben weiterhin den Eindruck, dass ihnen die Mehrheit der Gesellschaft keine Unterstützung zukommen lässt und dass sie nicht als Helden des Widerstandes geehrt werden, sondern sich eher noch zu rechtfertigen haben."

Dieser Rechtfertigungsdruck begünstige nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler in Zürich und in Dresden ebenfalls die lang anhaltenden posttraumatischen Belastungsstörungen. Die lassen sich, sagt Andreas Maercker, durch psychotherapeutische Behandlungen zwar in den Griff bekommen. Allerdings: Nur sechs Prozent der Betroffenen haben sich einer solchen Behandlung unterzogen. Diejenigen, die sich verweigern, sind zumeist Männer, denen ohnehin eine Scheu vor dem Gang zum Psychotherapeuten nachgesagt wird. Andreas Maercker:

"Man hat eigentlich Möglichkeiten entwickelt, dass man an Männer, die traumatisiert sind, als Psychotherapeut herankommt. Das hat man für eine ganz andere Klientel entwickelt, zum Beispiel für Polizisten, die traumatisiert sind oder Soldaten. Man müsste diese männerspezifischen Wege auch mehr für die ehemals politisch Inhaftierten mehr nutzen."


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