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Der menschliche Affe

Wie nahe stehen sich Homo Sapiens und die Großen Menschenaffen?

Von Martin Hubert

Genetisch unterscheidet nur wenig den Orang-Utan vom Menschen.
Genetisch unterscheidet nur wenig den Orang-Utan vom Menschen. (AP)

Ein Experimentierraum des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, mitten im städtischen Zoo. Nur durch ein Gitter getrennt, sitzen sich Auge in Auge gegenüber: ein Mensch und ein Affe.

Der Mensch, der Psychologe Josep Call, lässt blitzschnell und behände wie ein Zauberkünstler vor dem verdutzten Tier zwei Becher hin- und hersausen, vertauscht sie einmal, zweimal, dreimal. Dann soll der Affe, ein Schimpanse, auf den Becher tippen, in den Call vorher deutlich sichtbar eine Nuss getan hatte.

Der Schimpanse zögert nur kurz. Dann tippt er mit langen Fingern auf den richtigen Becher. Er kann seine Aufmerksamkeit offenbar gezielt einsetzen, ist fähig zu problemorientierter Konzentration - eine der Voraussetzungen für intelligentes Verhalten. Josep Call macht solche Intelligenztests aber nicht nur mit Schimpansen, sondern auch mit Kindern und Orang-Utans:

Wenn Sie zwei Gläser voll Orangensaft nehmen und den Inhalt eines der Gläser in ein viel dünneres, aber höheres Glas schütten, dann können sie Kinder damit täuschen. Oft glauben sie nämlich , dass in dem dünnen Glas mehr Saft ist, weil die Flüssigkeit so hoch angestiegen ist. Wir haben dazu vergleichende Experimente mit fünf bis siebenjährigen Kindern und mit Großen Menschenaffen gemacht. Fünfjährige Kinder ließen sich täuschen, erst die Sechs- bis Siebenjährigen konnten die Quantität richtig einschätzen. Aber auch die Schimpansen wählten meistens die größere Quantität, unabhängig davon, in welcher Form sie dargeboten wurde. Sie haben offenbar ein gewisses Verständnis für abstrakte Quantitäten. Und die Orang-Utans hatten damit überhaupt keine Schwierigkeiten.

Gezielt führen Anthropologen und Zoologen zur Zeit auf der ganzen Welt ähnliche Experimente durch. Denn die Frage, welche geistigen Fähigkeiten die Großen Menschenaffen Schimpanse, Bonobo, Gorilla und Orang-Utan mit dem Menschen gemeinsam haben, hat vor allem durch jüngste genetische Entdeckungen neue Brisanz gewonnen. Der Mensch und die Grossen Menschenaffen haben mehr als 90 Prozent ihres genetischen Materials gemeinsam. Speziell das Schimpansenerbgut unterscheidet sich vom menschlichen gerade mal um wenig mehr als lächerliche ein Prozent.

Allerdings ist unübersehbar, dass sich Mensch und Große Menschenaffen im Verhalten massiv unterscheiden. Die Affenforscher müssen also heute auf neue, ganz diffizile Weise folgender Frage nachgehen: wie nahe sind sich Mensch und Große Menschenaffen über die Gene hinaus tatsächlich - im kognitiven, kulturellen, sozialen und psychischen Verhalten ? Sind die Menschenaffen wirklich so menschenähnlich - oder neigen Affenforscher dazu, sie zu vermenschlichen?

Große Menschenaffen können Puzzleaufgaben lösen, sich in Labyrinthen zurechtfinden, von Geräuschen auf Sachverhalte schließen - und sie benützen Werkzeuge. Schimpansen stapeln Kisten, um an Bananen zu kommen, die an der Decke hängen. Oder sie stecken Bambusstäbe ineinander, um Früchte hinter einem Gitter zu erreichen. Die Fähigkeit, Material geschickt zu kombinieren, um ein Problem effektiv zu lösen, gilt als Zeichen höherer Intelligenz.

Die Frage ist nur: in welchem Ausmaß nutzen Menschenaffen Werkzeuge auch in ihrer natürlichen Umwelt und nicht nur in experimentell hergestellten Situationen?

Es tönt wie eine Dachdeckerbande im Wald. Man hört einfach zehn, fünfzehn Schimpansen, die da gleichzeitig in allen möglichen Richtungen im Wald Nüsse knacken.

Der Franko-Schweizer Christophe Boesch ist einer der Direktoren des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und einer der weltweit führenden Schimpansenforscher. Seit über 20 Jahren beobachtet er die Tiere im Tai-Nationalpark der afrikanischen Elfenbeinküste in der freien Natur. Schimpansen benutzen dort einen spitzen Stein als Hammer und einen flachen Stein als Amboss, um Nüsse zu zerschlagen. 2 Stunden und 15 Minuten lang gehen sie durchschnittlich pro Tag ihrer Handwerksarbeit nach. Die erwachsenen Tiere machen es gezielt und routiniert, die jungen üben, um es endlich genauso gut zu können- manchmal fünf Stunden hintereinander . Aber die Tai-Schimpansen benutzen nicht nur Werkzeuge, sie stellen sie auch her:

Es gibt viele Werkzeuge, die sie benützen, für kleine Stäbchen, um Insekten zu erreichen unter Rinde von Bäumen oder in Löchern im Boden und da wird systematisch, fast systematisch Werkzeug erstellt, nicht nur einfach einmal eine Modifikation , es sind mehrere Modifikationen , das die Tiere machen, und was beeindruckend ist bei Schimpansen, ist, dass diese Modifikationen alle gemacht werden, bevor der Schimpanse diese Werkzeuge benützt. D.h. er hat sozusagen im Kopf ein Bild, wie ein Material aussehen muss, um ein Werkzeug zu sein. Und man kann eben diese Werkzeuge messen hinterher und sie sind wirklich standardisierte Produktion, d.h. die Werkzeuge, das sie machen , um sagen wir Ameisen zu fangen, werden anders produziert als diejenigen, das benutzt wird, um Mandeln von Nüssen raus zu nehmen.

Kann man daraus schon den Schluss ziehen , dass die Grossen Menschenaffen die erste Stufe zur Zivilisation, vielleicht sogar zur Kultur überschritten haben - indem sie mit Hilfe intelligenter Werkzeuge ihre Lebensbedingungen gestalten? Vorsicht vor allzu schnellen Verallgemeinerungen ist angebracht. Denn anders als Schimpansen nutzen Bonobos, Gorillas und Orang-Utans in der freien Wildbahn keine Werkzeuge, sondern nur im Experiment oder im Zoo. Das Potenzial ist also da, aber warum nutzen sie es nicht in natürlicher Umgebung? Und auch bei den Schimpansen muss man differenzieren. Nicht alle Schimpansengruppen, die von verführerischen Nussbäumen umgeben sind, knacken die Nüsse auch. Und bei den Gruppen, in denen Hammer und Amboss benutzt werden, brauchen die heranwachsenden Schimpansen etwa vier Jahre lang, um das Nüsse Knacken zu erlernen. Die Schimpansenmütter geben den Jungen zwar Gelegenheit zum Üben, aber sie greifen nur selten ein, um Fehler zu korrigieren. Es fällt schwer, das bereits als ausgesprochene Kulturtechnik anzusehen

Trotzdem, meint Christoph Boesch, haben Schimpansen Kultur, und zwar in folgendem Sinne: Schimpansengruppen, die an verschiedenen Orten leben, entwickeln auch unterschiedliche Formen des Werkzeuggebrauchs und des Verhaltens; Formen, die weder genetisch erklärbar noch auf Umweltzwänge zurückzuführen sind.

Wenn Sie mir einfach sagen, wie sich die Schimpansen verhalten, kann ich Ihnen mit Sicherheit sagen, wovon er kommt. Das heißt, man kann heutzutage eigentlich nicht mehr richtig von Schimpansen sprechen , man sollte von Tai-Schimpansen sprechen, die in der Elfenbeinküste leben , oder von Gombe-Schimpansen oder von Mahale-Schimpansen, die in Tansania leben. Und zum Beispiel wenn Sie mir sagen, dass ein Schimpanse Ameisen frisst, aber Sie sagen mir dazu, dass die Werkzeuge, die er benutzt, ungefähr 60 Zentimeter lang sind, und wenn er die Werkzeuge benutzt, benutzt er beide Hände, dann weiß ich schon, er kommt sicherlich nicht von der Elfenbeinküste, und wenn Sie zusätzlich noch sagen, wenn er Insekten auf der Haut findet, nimmt er diese Zecke und legt sie auf Blätter und mit seinen Fingern das in kleine Stückchen schneidet, bevor er das frisst, weiß ich ohne Zweifel, er kommt aus Gombe.

Schimpansengruppen haben in unterschiedlichen Umwelten verschiedene Verhaltensweisen entwickelt, die sie über die Generationen hinweg weitergeben.

Ist das schon der Sprung aus der Natur in die Kultur? Unbestreitbar wird hier ein Aspekt von Kultur berührt - die gruppenspezifische Tradierung von Kenntnissen - aber insgesamt umfasst Kultur doch eine wesentlich breitere Palette an Eigenschaften. Menschliche Kultur tradiert eben nicht nur einfache Verhaltensweisen und Handwerkstechniken, sondern auch abstraktes, allgemeines Wissen über die Welt. Zur menschlichen Kultur gehört auch, dass die erworbenen Kenntnisse und Kulturbestände immer wieder neu hinterfragt werden. Und zur Kultur gehört eine Organisation des gesellschaftlichen Lebens, die Aggressionen und Egoismus eindämmt - also ein bestimmtes soziales, ja moralisches Verhalten.

Allerdings haben die Menschenaffenforscher auch auf diesem Gebiet interessante Entdeckungen gemacht.

Berühmt geworden ist etwas der Fall des Gorillaweibchens Binty, das in einem amerikanischen Zoo einen Menschenjungen rettete, der ins Affengehege gefallen war. Ein schönes Beispiel äffischer Hilfsbereitschaft.

In krassem Gegensatz dazu stehen jedoch die Schimpansenkriege, in denen aggressive Schimpansengruppen benachbarte Tiere der eigenen Art in brutalen Feldzügen töten und ausrotten. Auf der ganzen Welt reagieren Schimpansen außerordentlich aggressiv, wenn sie Mitgliedern einer anderen Horde begegnen. Außerdem kommt bei Schimpansen wie bei Orang-Utans Vergewaltigung vor. Ist der Große Menschenaffe also doch vor allem eine animalische, aggressive Bestie, die allein dem Gesetz des Stärkeren gehorcht? - was ja auch sehr menschlich wäre!

Ich glaube, das einfachste ist, die Leute nahe an die Affen zu bringen und ihnen in die Augen zu sehen, und dann können die gleich sehen, wie nahe die sind.

Frans de Waal, Professor am Yerkes Primate Center der Emory University in Atlanta , ist einer der bekanntesten Fürsprecher der These, dass zwischen Mensch und Großen Menschenaffen keine Riesen- Kluft besteht. In zahlreichen Büchern hat der Niederländer vor allem das soziale Verhalten der Schimpansen beschrieben. Er verweist darauf, dass die meisten Aggressionen von Schimpansen innerhalb der Gruppe nur kurz andauern und nur selten tödlich enden. Außerdem gibt es unter Schimpansen nicht nur aggressives Dominanzstreben, sondern ein ausgeklügeltes Taktieren. Gemäß der Devise "Ich kratze dir den Rücken und dafür hilfst du mir ein andermal" werden die Grundlagen für das gelegt, was die Forscher "reziproken Altruismus" nennen.

Die können einen Tag miteinander zusammenarbeiten und am nächsten Tag machen die das vielleicht nicht mehr ; und die machen es vielleicht nicht mehr, weil der andere vielleicht nicht mehr geteilt hat das Futter mit ihnen, oder er hat nicht Fellpflege gemacht oder etwas anderes nicht gemacht, also es gibt Reziprozitätsrelationen zwischen den Affen. Versöhnungsverhalten und Friedlichkeit können angelernt sein

Oft führen diese wechselseitigen Bindungen dazu, dass Schimpansen sich gegenseitig trösten. Ab und zu scheint dabei die Grenze zum selbstlos scheinenden Mitgefühl überschritten zu werden. Wie beim Menschen.

Andererseits muss man nüchtern festhalten: Schimpansen sind eben meist nur denjenigen Affenbrüdern und -schwestern gegenüber hilfreich, die ihnen vorher schon einmal direkt geholfen haben. Die Taktik, das ständige Verrechnen von Hilfe und Gegenhilfe, von möglichen Vorteilen und Nachteilen des eigenen Verhaltens scheint bei den Schimpansen eine größere Rolle zu spielen als das hehre Gemeinschaftsgefühl. Sie taktieren, um die soziale Gruppe und ihre Allianzen so stabil zu erhalten, dass sie darin ihren eigenen Nutzen erringen können. Frans de Waal spricht von politischer Diplomatie.

Auch damit wären die Schimpansen nicht besser und nicht schlechter als der Mensch - zumindest dem Prinzip nach.

Für einige Forscher gibt es jedoch im Reich der Grossen Menschenaffen ein Beispiel, das den Menschen in sozialer und moralischer Hinsicht sogar übertrifft: die Bonobos.

Bonobos sind die zierlichere Schwesternart der Schimpansen und werden gerne als "die zärtlichen Menschenaffen" bezeichnet. Denn es scheint so zu sein, als hätten sie die Lösung für ein friedvolles, glückliches Zusammenleben gefunden.

Ja, ganz offensichtlich haben sie die gefunden, denn das, was wir an Gewaltpotenzial beobachten können oder an gewalttätigen Auseinandersetzungen - das Gewaltpotenzial ist sicherlich genau so hoch wie bei Schimpansen - aber die Art der Auseinandersetzung, die Art, Konflikte auszutragen, die erscheint schon sehr viel friedlicher

Gottfried Hohmann vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie untersucht frei lebende Bonobos seit mehr als zehn Jahren im unwirtlichen Regenwald des afrikanischen Kongobeckens. Und beobachtet dabei immer wieder das, was die Bonobos fast legendär gemacht hat: Bonobos machen untereinander fast wahllos Sex. Der Zweck des kunterbunten Treibens: die Bonobos ersticken mit Sex soziale Spannungen schon im Keim; und sie mildern dadurch Spannungen ab, die durch Konflikte bereits entstanden sind. Erstaunlich bei den Bonobos ist auch : die Bonoboweibchen pflegen ein enges Bündnisverhalten und greifen zum Beispiel schnell ein, wenn ein Männchen einem Weibchen Futter abnehmen will. Manche Wissenschaftler sagen daher: in der Bonobogesellschaft herrscht ein Friede förderndes Matriarchat. Gottfried Hohmann hält diese These für zu gewagt:

Es ist verlockend, darüber zu sprechen und diesen Terminus zu verwenden, aber es trifft im Grunde genommen eben doch nicht ganz zu. Wir können nicht von einer durch Weibchen dominierten Gesellschaft reden, das stimmt einfach nicht. Es gibt manche Männer, die manche Weibchen, vor allem die jüngeren Weibchen durchaus vom Futterplatz vertreiben können. Es sind gemischte Beziehungen und man kann weder von Männer- noch von Weibchen-Dominanz sprechen. Es gibt Männer, die über Weibchen dominieren und Weibchen, die über Männer dominieren. Und diese Dominanzverhältnisse sind auch nicht statisch, sondern können sich über lange Zeiträume auch ändern.

"Flexibel sein ", das scheint einer der wesentlichen Mechanismen zu sein, mit dem es den Bonobos gelingt, ihr Zusammenleben positiv zu gestalten. Flexibel und offen sein in der Sexualität, in den Geschlechterbeziehungen und im Dominanzverhalten.
Gewalt ist - entgegen dem verbreiteten Bild vom absolut friedlichen Bonobo - auch bei ihnen nicht ausgeschlossen: Gottfried Hohmann hat sogar schon vereinzelt tödliche Kämpfe unter ihnen beobachten können, meist sind Männchen die Opfer. Allerdings kommen bestimmte Formen sozialer Gewalt wie Krieg, Kindstötung oder Vergewaltigung bei den Bonobos so gut wie gar nicht vor.

Schimpansen und Bonobos scheinen sich also in punkto sozialem Verhalten nicht prinzipiell, sondern nur graduell zu unterscheiden. Bonobos sind flexibler organisiert und sie treten immer in großen Gruppen auf. Das lässt weniger Raum für Untaten einzelner und des Kollektivs. Der Unterschied zwischen Mensch und Menschenaffen besteht für einige Anthropologen hauptsächlich darin, dass der homo sapiens die sozialen Prinzipien, die sich ansatzweise bei Bonobos und Schimpansen zeigen, institutionalisiert und damit generalisiert hat. Und zwar nicht nur im Rechts- und Sozialsystem, sondern auch in den Köpfen.

Für die Beantwortung der Frage, wie nah sich Mensch und Große Menschenaffen tatsächlich sind, wird also letztlich folgendes Thema entscheidend: über welche Art von Bewusstsein verfügen unsere nächsten Verwandten, welche Art von sozialer und technischer Vernunft ist bei ihnen angelegt, wie groß ist hier die Kontinuität zum Menschen?

Ab etwa eineinhalb Jahren können sich Kinder plötzlich im Spiegel selber erkennen. Die Entwicklungspsychologen sind sich einig, dass von da an das Bewusstsein für das eigene, aber auch für das fremde Ich einsetzt. Mehrere Experimente mit Affen legen inzwischen nahe, dass sich ebenfalls viele Schimpansen, Bonobos und Orang-Utans im Spiegel erkennen können. Für Frans de Waal ein Beleg dafür , dass Große Menschenaffen zumindest die Voraussetzungen für ein soziales Bewusstsein besitzen.

Und das interessante ist, das Tröstungsverhalten, das ist also eine Art Einfühlungsvermögen, Empathie, das gibt es nur bei Menschenaffen, gibt es nicht bei den anderen Affen. Und auch bei Kindern: das Tröstungsverhalten und Einfühlungsvermögen entwickelt sich mit der Spiegelerkennung. Es gibt also eine Korrelation. Wir wissen nicht genau, was die Korrelation bedeutet, vielleicht bedeutet das, dass es einen Unterschied zwischen Selbst und Anderen gibt, die notwendig ist für Einfühlungsvermögen. Das ist schon ein Sache, die alle Philosophen gesagt haben über Einfühlungsvermögen, dass man das nicht haben kann ohne dass man einen Unterschied zwischen Selbst und Anderen hat.

Über diese Frage, was die Spiegelexperimente und vergleichbare Tests für das Einfühlungsvermögen und das Bewusstsein von Großen Menschenaffen wirklich bedeuten, gibt es seit einigen Jahren heftigen Streit unter den Affenforschern.

Michael Tomasello, der psychologischer Direktor des Leipziger Max- Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie ist einer der Kontrahenten von Frans de Waal. Tomasello erforscht nicht nur Menschenaffen, sondern auch Menschenkinder und stellt bei den Spiegelexperimenten einen entscheidenden Unterschied fest. Wenn man anderthalb Jahre alte Kinder mit einem komischen Hut vor den Spiegel setzt, reagieren sie verschämt und möchten sich verstecken. Komisch ausstaffierte Schimpansen dagegen stört das nicht.

Tomasello folgert daraus: Menschenkinder erkennen im Spiegel nicht nur sich selbst, sondern sie wissen auch, dass sie von anderen Menschen so gesehen werden: "Das ist das Bild, das ich für andere abgebe". Schimpansen dagegen erreichen diese soziale Dimension der Selbsterkenntnis nicht. Sie erkennen sozusagen nur ihren eigenen Körper im Spiegel, haben aber kein reflexives Selbstbewusstsein, das ihnen erlaubt, sich so zu betrachten und zu beurteilen, wie es Andere tun. Menschenaffen, so Tomasello, können zwar zielgerichtet handeln und sich selbst sowie das Verhalten anderer Tiere beobachten, sie können sich aber nicht wirklich in die geistige Welt der anderen Tiere hineinversetzen.

Frans de Waal kontert solche Thesen mit zahlreichen Anekdoten: Ein Schimpanse verdeckt verschämt sein Geschlechtsteil, als er beim Seitensprung erwischt wird- als sähe er sich aus dem Blickwinkel des Gehörnten. Oder: Ein Schimpanse versteckt sein angstverzerrtes Gesicht, als er seine Position einem Rivalen gegenüber behaupten muss. Oder:

Einmal habe ich bei meinen Schimpansen ein Weibchen angerufen, ihr Name ist Lolita, weil ich wusste, dass sie ein baby bekommen hat. Und die sind sehr klein, die kann man fast nicht sehen, die sind am Bauch. Ich habe die angerufen und die ist nach mir gekommen, hat sich zu mir gesetzt und ich sagte, ich wollte ihr baby sehen und sie hat alles verstanden. Sie hat das baby genommen und hat das umgedreht, was normal ein Schimpanse nie macht, also hat das Gesicht nach mir gewendet, mir das baby und sein Gesicht gezeigt. Und das finde ich sehr interessant, weil sie verstanden hat, nicht nur, dass ich das baby sehen wollte, sondern für mich die Vorderseite des baby interessanter ist als die Hinterseite des baby. Das ist , was ich nenne "perspektive taking". Sie nimmt meine Perspektive ein, um diese Sache so zu machen.

Die Frage, um die seit einigen Jahren gestritten ist, lautet: Sind solche Anekdoten und Beobachtungen schon ein wissenschaftlicher Beweis dafür, dass Menschenaffen sich in das Denken anderer Affen einfühlen könnten? Michael Tomasello meint, dass harte Experimente an die Stelle weicher Beobachtungen treten müssen. Aus beobachteten Verhaltensähnlichkeiten dürfe nicht sofort darauf geschlossen werden, dass menschlicher und äffischer Geist identisch seien. Frans de Waal dagegen vertraut auf die Vielzahl der Beobachtungen und sieht in Ähnlichkeiten zumindest den Beleg dafür, dass es ein Kontinuum zwischen Menschenaffe und Mensch gibt. Allerdings gesteht er zu, dass Experimente dann besonders aussagekräftig sind, wenn sie nicht Mensch und Menschenaffen zusammenbringen, sondern ausschließlich das Verhalten der Tiere unter bestimmten Bedingungen untersuchen.

Es gibt ein solches Experiment, das beide Positionen einander näher gebracht hat. es wurde von dem Psychologen Brian Hare zunächst am Institut von Frans de Waal entwickelt und schließlich in Leipzig zusammen mit Josep Call und Michael Tomasello fortgeführt. Michael Tomasello:

Wir brachten einen ranghöheren Schimpansen mit einem rangniederen Schimpansen zusammen. Normalerweise muss der rangniedere Affe dem dominanten Tier den Vortritt beim Futter lassen. Als wir das Futter aber so versteckten , dass es vom rangniederen, nicht aber vom ranghöheren Tier gesehen werden konnte, holte sich der sozial tiefer gestellte Schimpanse den Leckerbissen, ohne dem dominanten Tier etwas abzugeben. In einer zweiten Situation wagte er es aber nicht, sich das versteckte Futter zu schnappen: das dominante Tier konnte das Futter zwar momentan nicht sehen, der niedere Affe hatte aber beobachtet, dass dieses dominante Tier ein paar Minuten vorher zugesehen hatte , als wir das Futter versteckten. Das bedeutet: Schimpansen können offenbar nicht nur sehen, was andere sehen, und dies bei ihrem Verhalten in Rechnung stellen. Sie wissen auch, was andere über den Augenblick hinaus wissen oder was sie nicht wissen.

Andere Experimente zeigen, dass Große Menschenaffen in der Lage sind, gezielt zu täuschen. Oder dass sie unterscheiden können, ob ein anderer Affe ihnen absichtlich oder nur aus Versehen keine Weintrauben gegeben hat.

Frans de Waal nimmt dies alles als Beweis dafür, dass Große Menschenaffen sich in vergleichbarer Weise in das Bewusstsein und die Absicht Anderer hineinversetzen können wie der Mensch, jedenfalls in Ansätzen. Michael Tomasello fragt : was heißt "in vergleichbarer Weise " und was " in Ansätzen"? Seiner Ansicht nach zeigt das Experiment nur, dass es Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Menschenaffen in der Wahrnehmung gibt, nicht aber schon bei anderen psychischen Tätigkeiten. Im Gegenteil: Beim Lernen von Fähigkeiten zeige sich ein gewaltiger Unterschied.

Wir zeigten zwei verschiedenen Gruppen von Schimpansen und zwei verschiedenen Gruppen von Kindern, wie man ein bestimmtes Werkzeug benutzen kann. Wir demonstrierten jeweils der einen Gruppe eine effiziente, der anderen eine uneffiziente Methode. Die Kinder imitierten hinterher jedes Mal genau die Methode, die ihnen gezeigt wurde. Sie waren also erfolgreich, wenn sie die effiziente Methode gesehen hatten, im anderen Fall dagegen taten sie sich schwer. Die Schimpansen jedoch kopierten in keiner der beiden Gruppen die gezeigte Methode. Sie waren also besser als die Kinder, denen wir die schlechte Methode vorgeführt hatten, aber schlechter als diejenigen, die die gute Methode kannten. Kinder teilen also in einer für sie unbekannten Situation mit anderen einen gemeinsamen Raum der Aufmerksamkeit. Sie imitieren gezielt das, das sie von anderen lernen können, Schimpansen dagegen handeln nicht so.

Menschenaffen, so folgert Tomasello, lernen eher durch Bastelei, indem sie versuchen, den Gegenstand in die gewünschte Form zu bringen. Menschenkinder dagegen lernen gezielt, indem sie Strategien und Methoden des Umgangs mit Gegenständen imitieren.

Michael Tomasello hat seine Argumente insgesamt zu einer Theorie des menschlichen Kultur ausgebaut. Vor etwa 250 000 Jahren katapultierte sich demnach der homo sapiens durch einen so genannten" kulturellen Wagenhebereffekt" aus dem Reich der Natur hinaus. Er begann, systematisch die Intentionen der anderen Wesen seiner Gattung nachzuempfinden und deren Wissen zu übernehmen .

Was die menschliche Kultur von den Tiergesellschaften unterscheidet, ist, dass unsere Produkte und Artefakte in einem langen Prozess immer komplexer werden - der Computer wurde ja nicht an einem Tag erfunden. In diesem Prozess der Erfindung werden die Lernenden immer mindestens so gut wie ihre Lehrer, sie fallen nie hinter sie zurück. Und wenn es eine Verbesserung gibt, dann lernen die Schüler eben die verbesserte Version. Diese Artefakte, dazu gehört die Sprache genauso wie zum Beispiel das Werkzeug, werden in einem machtvollen Lernprozess beim Menschen immer besser und komplexer. Affen scheinen nicht diese Fähigkeit zur kumulativen, dynamischen Evolution zu haben. Es gibt zwar bei ihnen so etwas wie "Kultur", nämlich unterschiedliche Traditionen und Lebensstile, aber sie erzeugen keine kulturellen Produkte, die auf einem Komplexität steigernden , kulturellen Kumulationseffekt beruhen.

Kultur ist ein sich ständig steigernder Prozess der Anhäufung von Wissen, bei dem Menschen die Perspektive und Intentionen anderer übernehmen- und zwar systematisch. In dieser Systematik, die selbst wieder gelernt und in Lern- und Wissensorganisationen institutionalisiert wurde, besteht das spezifisch Menschliche.

Kultur beginnt nach Tomasello also nicht schon mit einzelnen, elementaren Eigenschaften wie Sprachfähigkeit, Werkzeuggebrauch oder -herstellung, sondern erst mit einer systematischen Kumulation von Perspektiven und Wissen.

Die Kontroverse um diese Kultur-Theorie hat gerade erst begonnen, aber sie gewinnt durch zahlreiche Erkenntnisse der letzten Jahre zunehmend Plausibilität. So wurde deutlich, dass Große Menschenaffen zwar einfache Sätze bauen können, aber über keine situationsübergreifende Sprache verfügen, die zur systematischen Weitergabe von Wissen unabdingbar ist. Andere Forschungen zeigen, dass nicht nur Große Menschenaffen , sondern auch Delphine, Krähen, Raben, Salamander, Hunde oder Kraken zu enormen Aufmerksamkeits- und Intelligenzleistungen fähig sind. Der Unterschied zwischen dem Tier- und dem Menschenreich scheint daher nicht in einzelnen Fähigkeiten bestimmter Tierarten zu liegen, sondern in einer Systematik, die so nur der Mensch zuwege gebracht hat.

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