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StartseiteCorso"Die Flüchtlingskrise ist ein sehr starkes Managementproblem"07.11.2015

Der Rockmusiker Wolf Maahn"Die Flüchtlingskrise ist ein sehr starkes Managementproblem"

Die Flüchtlingskrise müsse in vernünftige Bahnen gebracht werden, sagte der Rockmusiker Wolf Maahn im DLF. Im Corsogespräch forderte er die Europäische Zentralbank dazu auf, das fehlende Geld in der Flüchtlingshilfe einfach zu drucken - in einer "Extra-Flüchtlings-Press-Aktion". Seine Haltung bringt er auch auf seinem neuen Album "Sensible Daten" auf den Punkt.

Wolf Maahn im Corsogespräch mit Kerstin Janse

Der Musiker Wolf Maahn im Foyer des Deutschlandfunks. (Deutschlandradio / Kerstin Janse)
Der Musiker Wolf Maahn zu Gast im Deutschlandfunk. (Deutschlandradio / Kerstin Janse)

Kerstin Janse: Hat Sie die Arbeit des neuen Albums an die Anfangsjahre der Wolf Maahn & Deserteure Zeit in den 1980ern erinnert?

Wolf Maahn: Das ist glaube ich so, dass ich bei "Sensible Daten" einfach mehr noch auf den Punkt bringen wollte, was meine Haltung ist und das ist schwieriger geworden. In den 80ern waren es einfachere Denkschemen, auch weil die politische Lage zum Beispiel einfacher war – es gab mehr Gut und Böse. Heute ist alles sehr differenzierter zu sehen und trotzdem fehlt eigentlich Haltung an allen Ecken und Enden.

Janse: Welche Haltung haben Sie?

Maahn: Die Freude an Freiheit und auch das Verteidigen von Freiheit und das Fordern von Freiheit und gleichzeitig das Darlegen von gesellschaftlichen Problemen und gesellschaftlichen Missständen. Das alles kommt zu einer Melange, wo ich denke, dass man auch sehen kann, wo liegen die Probleme der Zeit und was kostet uns unsere Zeit, was kostet uns unsere Freiheit, und da sind wir schnell bei den Finanzmärkten und bei dem Casino-Kapitalismus, der bei dem Album immer wieder eine Rolle spielt.

Janse: Alle Alben, alle Maahn-Songs hatten immer zwei hervorstechende Qualitäten in Bezug auf die Texte. Es waren immer wunderbare Liebeslieder dabei, die damals ja auch unsere Jugendsprache, unsere Lebenszeit ja gespiegelt haben. Aber mindestens die Hälfte der Songs waren auch politisch. Es war so ein musikalisches Sprachrohr mit dem Sound unserer Generation. Jetzt, nach Jahrzehnten in dem Business, ist es nicht desillusionierend zu sehen, dass die Probleme nicht nur nicht abreißen, sondern, dass sie sich permanent wiederholen?

Maahn: Ja ich weiß nicht, ich glaube, sie werden schon anders. Die Probleme sind andere wie in den 1980ern oder den 1990ern. Nehmen wir nur die Flüchtlingskrise, so was hat die Republik noch nicht erlebt, und das ist natürlich auch so, dass das alle herausfordert. Ich glaube, da sollte man mit dem Freigeist rangehen, den man sonst in den 1990ern in den Sonntagsreden immer gefordert hat. Und ich sag das jetzt einfach so – natürlich habe auch ich Lieder gemacht, die mit Freiheit zu tun haben und auch, dass Freiheit jetzt nicht unbedingt heißt, dass hier – wie habe ich das in "Freie Welt" gesagt? Gilt das Gesetz des Dschungels oder gilt das Gesetz des Teams. Das wird jetzt gerade überprüft.

"Manche unserer Werte sind uns nicht bewusst"

Janse: Und welches Gesetz wäre aus Ihrer Sicht das richtige?

Maahn: Ich denke, Herz und Vernunft muss zusammen kommen. Ich glaube, die ganze Flüchtlingskrise ist ein sehr, sehr, sehr starkes Managementproblem. Wir brauchen hervorragende Manager, die das vernünftig in Bahnen bringen und die auch rechtzeitig reagieren. Das ist ja im Moment auch ein bisschen das Problem, das so vorhersehbar, wie es war, wurde nicht agiert. Aber jetzt, wo es da ist, muss man wirklich sehr vernünftig rangehen und gleichzeitig auch die Werte, die wir haben - das finde ich ist auch eine Chance - die Werte mehr zu schätzen. Also ich zum Beispiel, als neulich ein Interview im Fernsehen war mit einem Flüchtling, der - nein das war kein Interview, das war ein Kursus - wo er was gesagt bekam, wie es hier in diesem Lande zugeht und es wurde gesagt, unsere Polizei, das müsst ihr wissen, die ist nicht bestechlich hier in diesem Land. Dieser Wert ist uns ja gar nicht bewusst. Ich denke, das ist so, die ist wahrscheinlich vorwiegend nicht bestechlich und das ist ein Wert, der wesentlich beiträgt auch zur Freiheit, weil irgendwie gibt es ja immer genug Deppen, die das stören wollen.

Janse: Ist das jetzt der Zeitpunkt für uns alle, die Wertediskussion voran zu treiben und somit auch zur Problemlösung beitragen zu können?

Maahn: Ich glaube, ohne das geht es gar nicht. Weil Werte, auch unser Grundgesetz zum Beispiel, das muss sich jetzt beweisen und ich glaube, das kann es auch. Da muss man jetzt einfach auch zu stehen. Das heißt ja nicht, dass man parallel Wege findet, das vernünftig zu managen. Es wird immer gesagt, das UNO-Flüchtlingshilfswerk würde nicht genug Geld haben, seit vielen, vielen Monaten, um die Menschen vor Ort in den Lagern zu versorgen. Warum kann die EZB nicht einfach sehr viel Geld drucken, was sie ja permanent tut, um die Inflation zu steigern, was sie gerne möchten. Warum können sie nicht so was machen, wie eine Extra-Flüchtlings-Pressaktion. Wir pressen mal Geld und stecken es dahin, dass die Leute nicht erst diesen gefährlichen Weg antreten, dass das hier entlastet wird - das wäre eine vernünftige Maßnahme.

"Die Perestroika hat mit den Beatles zu tun"

Janse: Das sind Maßnahmen, die politisch gesteuert werden müssten. Was können Kulturschaffende tun? Macht es Sinn, Konzerte zu geben? Kann Musik überhaupt politische Wirkung erzeugen?

Maahn: Ich bin ja der, der glaubt, dass Musik politische Wirkung zeigen kann, allerdings völlig ungeplant. Man kann jetzt nicht unbedingt fest drauf setzten, aber es passieren so Dinge, dass bestimmte Stimmungen und Texte von Songs zu so einem Prozess sehr stark beitragen und das befördern. Das spielt ja im Titelsong "Sensible Daten" rein, wo es eben nicht nur darum geht, das wir dauernd irgendwelche Daten im Internet versprühen und wie gefährlich das ist und so, sondern da geht es eigentlich mehr um das Selbstverständnis, weil ich kann das jetzt nicht ändern und kaum einer scheint das im Moment ändern zu können und diese Geheimdienste stoppen zu können. Also wie ist das Selbstverständnis? Und das Selbstverständnis ist - es geht nicht, es passt nicht alles in Daten. Und auch Musik ist mehr als Daten und - jetzt komme ich wieder auf das Politische – ich habe eine BBC-Dokumentation gesehen, die eindeutig den Schluss zuließ, dass die Perestroika mit den Beatles zu tun hatte, weil die Beatles waren so ein Kult, wie wir uns das gar nicht vorstellen können, also noch viel, viel stärker, als es hier schon war und auch noch bis weit in die 1980er rein. Und Gorbatschow – glaube ich - war Beatles-Fan. Er hat jedenfalls Paul McCartney gratuliert für seinen großen Beitrag und seiner Band zur Perestroika. Ich glaube, das hat eine Rolle gespielt bei Gorbatschows Entscheidungen. Diese Lust auf irgendwas Frisches, Freieres.

Janse: "Unsere Träume sind nie gefeit gegen eine Dosis Wirklichkeit". Da kann man Herrn Maahn schon zitieren aus den 1980er Jahren, glaube ich, war es dem Fall.

Maahn: Ja genau, das stimmt natürlich leider auch.

Janse: In "Sensible Daten" gibt es den schönen Satz: "Kenn ein wildes, freies, fremdes Land, wo die wilden Kirschen blühen." Gibt's das noch?

Maahn: Ich glaube, das muss sich jeder einfach bewahren und das muss er hüten und dafür muss er kämpfen. Ich kenn das ja selber bei mir. Wenn ich zum Beispiel neue Musik suche, dann verlier ich mich manchmal im Internet. Es gibt so viel interessante Sachen zu hören und plötzlich stellt man dann aber doch fest, vieles war vielleicht doch nicht so interessant und man hat irgendwie bei dem, was man eh zu tun hat mit E-Mails und so weiter, noch zusätzlich das, was einem verleitet ohne Ende weiter zu surfen. Ich glaube man muss noch tasten, fühlen, schmecken. Dafür muss man eine gewisse Disziplin aufbringen, um das wieder herzustellen, und den Computer auch mal auszulassen, sei es auch mal für ein ganzes Wochenende.

"Die analoge Welt kann alles"

Janse: Also ist die analoge Welt, das wilde, freie Land?

Maahn: Erst mal auf jeden Fall, was sonst? Die analoge Welt kann ja alles. Die kann natürlich auch prickelnd und aufregend sein. Wenn zwei Körper sich berühren und alle Sinne explodieren, dann ist das so.

Janse: Und dann sollte man nicht nur im Internet unterwegs sein. Aber ohne Internet geht's nicht, ohne digitale Information geht's nicht. Auch einen Wolf Maahn findet man in den sozialen Netzwerken gut und reichlich vertreten. Geht nicht ohne, oder?

Maahn: Nein, das ist ganz wichtig für uns Künstler, weil die Massenmedien beschränken sich zunehmend auf eine kleine Auswahl von Künstlern und alle anderen finden im Internet statt. Ich sing ja auch "Wer ich bin, könnt ihr nicht haben" also was für Daten ich auch immer versprühe, wer ich wirklich bin, wird die NSA nie erfahren.

Janse: Es sei denn, sie kommen ins Konzert, oder?

Maahn: Eher - Ja, dann würden sie es eher erfahren.

Janse: "Konkurrenztanz" - noch so eine Nummer auf dem Album, die überrascht. "Was sind alle so verspannt? Leute, hört mir auf, das ist krank!". Ist nicht gerade in der Musik der Konkurrenztanz heute heftiger denn je?

Maahn: Ja es ist schon Konkurrenzkampf da, aber ich glaube, in den 90ern war er noch stärker. Weil in den 90ern im Radio glaube ich, nur 3 Prozent deutsche Songs liefen in den öffentlich-rechtlichen und auch privaten Mainstreamwellen und das hat sich gebessert. Aber generell sind natürlich die Slots für Rockmusik eng und ich glaube, wichtig wäre es einfach, zwischen Musikern mehr Solidarität zu haben. Aber das ist in Deutschland nie gelungen. Viele interessieren sich auch schlicht weg einfach nicht dafür.

Janse: "TV aus dem Hotelfenster" – nächstes Stichwort, wie geht Rockstar 2015? Fragt nicht Redakteurin beim XXR, sondern beim Deutschlandfunk. Talkend, stoned, Rocksänger, immer gleich coole Sau – ist das nicht ein Klischee, was sich überlebt hat?

Maahn: Ja das ist natürlich ein Klischee, was sich überlebt hat. Lustigerweise fängt es aber gerade jetzt wieder an, präsenter zu werden. Rockmusik bekommt so was stereotypes, in Massenmedien muss man sagen. Vielleicht deswegen, weil Rockmusik in Wirklichkeit wenig Platz in den Medien bekommt, denken die Medienleute, weil sie gar nicht mehr so viel Rockmusik kennen und sie denken wieder in den alten Schemen, was dann halt noch so übrig ist von dem Rockstar und Rockmusikmythos und das ist Sex and Drugs und was weiß ich – vielleicht wollen die auch für die Medien das immer noch mehr zuspitzen, damit die Stereotypen auch immer alle passen und stimmen. Es wird wenig gedacht, dass es Unterschiede geben kann zwischen den Foo-Fighters Wolf Maahn und BAP. So was müsste eigentlich alles im Privatflieger in Südfrankreich zur nächsten Orgie unterwegs sein oder sich gerade mit Drogen vollpumpen. Das finde ich einfach lustig, dass das gerade jetzt wieder hervorkommt.

Immer schon war der Wahlkölner Wolf Maahn ein kritisch denkender Textschreiber. Auch dieses Mal setzt er sich in der Mehrheit der zwölf neuen Songs mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen kritisch auseinander, wie ja schon der Albumtitel "Sensible Daten" verrät. Nach einer fünfjährigen Pause ist es das 12. Studioalbum. Maahn wurde dieses Jahr 60 Jahre alt. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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