Kultur heute / Archiv /

 

Der Schrei der Körper

Die Installation "Décor" von Adel Abdessemed am Isenheimer Altar in Colmar

Von Kathrin Hondl

Die Installation "Décor" von Adel Abdessemed im Musée Unterlinden in Colmar
Die Installation "Décor" von Adel Abdessemed im Musée Unterlinden in Colmar (picture alliance / dpa / Hervé Kielwasser / Maxppp)

Grünewalds Kreuzigungsszene am Isenheimer Altar hatt Adel Abdessemed bereits kurz nach seiner Flucht vor den Gräueln des Bürgerkriegs in Algerien in den 90er-Jahren beeindruckt. Nun hat der Künstler vier Christus-Figuren aus Stacheldraht geformt und neben dem Altar im Musée Unterlinden platziert.

Die Kreuzigungsszene, die Grünewald für den Isenheimer Altar gemalt hat, zeigt Christus im Moment des Sterbens. Der Sohn Gottes ist hier nur noch menschlicher Körper, ein geschundener, gequälter Körper mit tiefen eiternden Wunden. Der Kopf ist zur Seite gekippt, ungewöhnlich groß ist die Dornenkrone, die diesen Christus weiter verletzt. Der Schmerz verzerrt das Gesicht, der wie zum Schrei geöffnete Mund ist schon blau gefärbt.

Die außergewöhnlich drastische und brutale Darstellung der Leiden Christi hat schon viele Künstler fasziniert. Die Bilder gehören "zum Stärksten, was mir je vor Augen gekommen", schrieb zum Beispiel Thomas Mann 1918 in sein Tagebuch. Und Otto Dix übernahm Grünewalds drastische Körperdarstellung in seinem Triptychon "Der Krieg", das die Gräuel des Ersten Weltkriegs thematisiert.

Als Adel Abdessemed den Isenheimer Altar zum ersten Mal sah, war er gerade aus Algerien geflohen – vor den Gräuel des Bürgerkriegs und islamistischen Terrors der 90er-Jahre. Auch der Direktor der Kunstakademie, an der er studierte, wurde ermordet. Er habe Algerien in einem Moment verlassen, als die Hoffnung ermordet wurde, sagt Adel Abdessemed. Auch deshalb habe ihn Grünewalds Kreuzigungsszene so stark beeindruckt.

"Das war 1995, erzählt er, es war ein nebeliger Tag, es schneite. Ich kam per Autostopp hier an und fühlte mich wie unsichtbar. Dann bin ich sehr lange vor dem Isenheimer Altar geblieben und sehr beunruhigt wieder gegangen. Selten hat mich ein Kunstwerk emotional so stark berührt."

Jahre später wurde der gekreuzigte Christus von Grünewald nun zum Vorbild für vier fast identische Plastiken von Adel Abdessemed: Über 1,80 Meter große Christus-Figuren in ziemlich genau derselben Haltung wie auf dem Gemälde von Grünewald: Mit nach oben gespreizten Fingern, hängendem Kopf und schreiendem Mund.

Geformt hat Abdessemed diesen leidenden Körper aus Stacheldraht, wie ihn auch die USA im Gefangenenlager Guantanamo verwenden: Rostfreier dicker Metalldraht mit messerscharfen Dornen und Widerhaken. Die Stacheln, die den Christus-Körper bei Grünewald verletzen, sie sind hier der Körper selbst, beziehungsweise: Vier Körper. Adel Abdessemed hat Grünewalds leidenden Christus-Körper multipliziert und profanisiert. "Décor" hat er die Installation genannt.

"Als ich mit dieser Arbeit anfing, habe ich erst mal an einen einzelnen Christus gedacht. Einen dem von Grünewald maximal ähnlichen Christus, bestehend aus einem einzigen Dorn. Dann habe ich diesen Christus vervielfacht, aber ich konnte nicht bei Dreien aufhören. Das hätte zu viel Bedeutung suggeriert – die drei monotheistischen Religionen oder die Dreifaltigkeit zum Beispiel. Als ich dann den vierten gemacht hatte war mir klar: Das ist es! Der vierte ist dekorativ. Also habe ich die Arbeit "Décor" genannt."

"Décor" klingt auf Französisch allerdings auch genauso wie "des corps" – also Körper. Im Musée Unterlinden hängen die vier Stacheldraht-Körper jetzt an der Wand direkt neben dem Isenheimer Altar. Die Gegenüberstellung von Grünewalds kunsthistorischer Ikone mit Abdessemeds noch ganz frischem zeitgenössischem Werk ist zweifellos ein Wagnis – aber es funktioniert: Adel Abdessemeds Plastiken halten die unmittelbare Nachbarschaft von Grünewalds Meisterwerk nicht nur aus, sie sind genauso expressiv: Abdessemeds Geflecht aus Stacheldraht ist grausam und schön zugleich, und wie bei Grünewald drückt sich insbesondere in der Darstellung des zum Schrei geöffneten Mundes der ganze existenzielle Schmerz des Menschseins aus.

"Was mich bei Grünewald interessiert hat, ist der Schrei", sagt Adel Abdessemed. "Der Schrei des Christus von Grünewald ist ein historischer Schrei, man kennt ihn in all seiner Schuldhaftigkeit und seinem Schmerz. Meinen Schrei aber kennt man noch nicht."



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Wer hat dich so geschlagen?"

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Ausstellung "RAF - Terroristische Gewalt""Wir dokumentieren vor allem die Zerstörung"

Zwei Männer lesen am 2. Juni 1978 Handzettel der Polizei, mit denen nach RAF-Terroristen gefahndet wird.

Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt eine Ausstellung über den Terror der RAF. Darin sollen auch Aspekte aufgezeigt werden, die dem kollektiven Gedächtnis womöglich verborgen geblieben sind, sagte Kuratorin Sabrina Müller sinngemäß im DLF.

Staatsgalerie Stuttgart "Visionen einer neuen Welt"

Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" Muss Stiftungsdirektor Manfred Kittel gehen?

 

Kultur

Chinesische KunstsammlerNachhilfeunterricht in westlicher Kunstgeschichte

Goldene Bilderrahmen hängen an einer Wand.

China bestimmt inzwischen den Kunstmarkt mit. So werden auf der Art Basel in Hongkong höchste Umsätze erzielt. Doch wie baut man eine Sammlung mit westlicher Kunst auf? Chinesische Sammler, Kunstberater und Unternehmensführer sind nach Deutschland gekommen, um die Geheimnisse des deutschen Kunstgeschehens kennenzulernen.

"Les pêcheurs de perles"Ab ins Dschungelcamp

Ein roter Theatervorhang

Lotte de Beer siedelt die Oper "Les pêcheurs de perles" im TV-Dschungelcamp an. Mit der eigentlich sehr platten Idee hat das Theater an der Wien es nach Meinung unseres Kritikers geschafft, ein ziemlich unmögliches Stück für die Gegenwart fruchtbar zu machen.

Opernpremiere in MünchenEiskaltes Psychostück mit "perückenden" Momenten

Jonas Kaufmann und Kristine Opolais singend in halber Umarmung.

Jonas Kaufmann und Anna Netrebko sollten die Stars sein in dieser Operninszenierung von Puccinis "Manon Lescault" in München. Doch Netrebko sagte ab - angeblich unzufrieden mit dem Regiekonzept, an dem unser Rezensent jedoch kaum etwas zu kritisieren hat. Trotzdem handelte sich Regisseur Hans Neuenfels auch viele Buh-Rufe ein.