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Der Schutt ist verschwunden, die Not bleibt

Drei Jahre nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti

Von Eberhard Schade

Eine Zeltstadt in Port-au-Prince: Drei Jahre nach dem Beben sind noch immer 350.000 Haitianer ohne feste Bleibe
Eine Zeltstadt in Port-au-Prince: Drei Jahre nach dem Beben sind noch immer 350.000 Haitianer ohne feste Bleibe (picture alliance / dpa / Orlando Barria)

Als am 12. Januar 2010 um 16:53 Uhr Ortszeit auf Haiti die Erde bebte, traf die Katastrophe mit mehr als 250.000 Toten eines der ärmsten Länder der Welt. Bis heute tragen die schwachen staatlichen Strukturen nicht. Rund 30 Millionen Euro Nothilfe hat die EU in diesen Tagen neu zugesagt. Nicht alle können sich über die Hilfe aus dem Ausland freuen.

Raymond trägt ein frisch gebügeltes Hemd und das nicht ohne Grund. Der junge Mann hofft, am Place Saint Pierre den Bürgermeister zu treffen. Damit der ihm vielleicht einen Job als Fahrer oder Wachmann zuschanzt.

"Ich bin Fliesenleger. Habe aber momentan keinen Job. Deshalb bin ich hier. Jeden Tag, vor morgens bis abends."

In Pétionville, dem Vorort von Port-au-Prince, der beim Erdbeben im Januar 2010 relativ heile blieb und sich zum neuen kommerziellen Zentrum der Stadt entwickelt hat. Die Trümmer hier sind längst weg, es gibt Restaurants und schicke Galerien. Direkt daneben verkaufen fliegende Händler alles von gegrillten Bananen bis zum Handy.

Raymond Blaise hat anderthalb Jahre auf dem Platz, auf dem gerade Blumen gepflanzt werden, gelebt. Zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern. In einem Zelt. Mit 500 anderen Familien, deren Häuser beim Erdbeben zerstört wurden. Gleich dort, sagt er und deutet auf ein Beet unter Palmen. Im September 2012, da packt er all sein Hab und Gut in ein paar Tüten und zieht in ein gemauertes Haus.

"Die Hilfsorganisation World Vision hat mir 600 Dollar gegeben", erzählt er, "damit ich mit meiner Familie den Platz verlasse". Damit war das Problem für die NGO gelöst. Und Raymonds Probleme fingen an.

"Einen Monat kann ich noch meine Miete zahlen. Was dann kommt, ich weiß es nicht. Dabei hat uns die Regierung doch versprochen, dass sie uns helfen will. Sie versprach uns Arbeit und Unterstützung. Aber bisher kam nichts."

600 Dollar, das ist gerade genug für sechs Monate Miete. Für Raymonds neues Zuhause, ein paar Minuten vom Place St. Pierre entfernt. Ein Rohbau an einem Hang ohne Strom und fließend Wasser. Der einzige Luxus: ein Plumpsklo, das er sich nur mit seinem direkten Nachbarn teilt. Der schmale Mann mit den traurigen Augen kann sich über das bisschen mehr an Privatsphäre aber kaum freuen – vor lauter Angst hier bald wieder herauszufliegen.

Drei Jahre nach dem Beben, bei dem über 250.000 Menschen starben, ist der Ausnahmezustand in Haiti längst vorbei. Und dennoch leben noch immer rund 350.000 Menschen in Zeltstädten zwischen Müll, Ratten und überlaufenden Toiletten. Und das trotz Milliarden von Dollar(n), die bei Geberkonferenzen und Spendengalas gesammelt wurden.

Das meiste Geld sei an den lokalen Institutionen vorbei geflossen, sagt Michèle Duvivier Pierre-Louis, Ex-Premierministerin am Rande einer Konferenz auf der Terrasse des Hotels Montana. Hoch oben in Pétionville, wo sich wie früher Diplomaten und Helfer treffen und darüber diskutieren, wie man dem Elend unten in der Stadt begegnet.

"Die Weltbank hat Haiti einen Friedhof der Hilfsprojekte genannt und genau das ist es! Du kommst, glaubst die Antwort zu haben, hast ein kleines Projekt hier, ein kleines dort. Und nach ein, zwei Jahren bist du wieder weg. Und du glaubst ernsthaft, dass die Leute im Land mit dem, was du angefangen hast, weitermachen und es aufblühen lassen? Vergiss es! In der wirtschaftlichen und sozialen Situation, in der sich Haiti befindet – eine Gesellschaft, die regelrecht marginalisiert wurde und in der die Menschen jetzt für sich in Anspruch nehmen endlich mitzureden und zu partizipieren – das braucht ganz einfach Zeit."

Was aber für viele der NGOs zählte, waren schnelle, sichtbare Erfolge. Und dabei kam dann manchmal auch Hilfe heraus, die diesen Namen nicht verdient. Notunterkünfte in einem Hochwassergebiet zum Beispiel. Häuser direkt in einer Schlucht. Oder eben kosmetische Hilfe wie bei Raymond.

Sichtbare aber auch nachhaltige Hilfe findet man vor allem auf dem Land. Zum Beispiel im Süden, in Papatam, einem Ort in den Bergen. Auf dem Weg dorthin legt sich der weiße Jeep der Welthungerhilfe immer wieder quer, quält sich die rote Sandpiste hinauf, im Slalom um tiefe Risse und Erdrutsche. Alles Spuren von Hurrikan Sandy. Als der Ende Oktober über die Karibikinsel fegte, war Haiti längst aus den Nachrichten verschwunden, die Welt schaute auf New York.

Nach dem Beben 2010 waren die Häuser fast aller Familien hier oben zerstört, erzählt Beate Maaß, Projektleiterin bei der Welthungerhilfe. Seitdem hat sie mit ihrem Team für 110 von 180 Familien Hütten aus Pressspanplatten, Bambus und Zement gebaut, sogenannte Shelter. Dabei mussten die Familien richtig mit anpacken.

"Wir laden das Material da ab, wo man mit dem LKW hinkommen kann. Und die Familie ist dafür zuständig das ganze Material dahinzubringen. Bei den Latrinen hilft die Familie mit das Loch auszugraben, also wir haben verschiedenen Elemente."

Nur so identifizieren sich die Leute später mit ihrem Haus. So wie Suanita Joseph, Mutter von sieben Kindern, die vor ihrer grün-gelb gestrichenen Hütte sitzt. "Ich bin unendlich glücklich, wieder ein Dach über dem Kopf zu haben", sagt sie und versucht ein Lächeln. Und seitdem ein Tank für Regenwasser da ist, müssen ihre Kinder nicht mehr 3 Kilometer weit zur nächsten Wasserstelle laufen.

"Wovon wir leben? Ein eigenes Feld haben wir nicht, manchmal arbeitet mein Man auf den Feldern anderer Bauern, dazu kommt der Kleinhandel. Wir leben von einem Tag zum nächsten, müssen sehen, wie wir zurechtkommen."

Vor dem Beben hat Suanita Sandalen verkauft, ihr Mann war Gärtner. Dass beide wieder arbeiten – ist das Ziel von Beate Maaß.

"Es gibt Familien, wo es ausgereicht hat, ihnen dieses Haus zu geben, die sich inzwischen wieder ökonomisch so weit gefangen haben. Es gibt andere Familien, denen es noch immer sehr schlecht geht. Und deswegen haben wir hier in der gleichen Region ein Komplementärprojekt, wo wir jetzt Gemüsegärten anlegen werden, wo wir Aktivitäten mit Frauengruppen machen und wo es genau darum geht, Aktivitäten zur Einkommensschaffung zu machen."

Dort, so Maaß, könnte dann auch Suanita arbeiten. Und hätte ein Einkommen. Das, wonach sich auch Raymond in der Stadt so sehr sehnt. Sonst muss er bald wieder zurück. Zurück in ein Zelt.

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