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Der weiße Rächer des Italowesterns ist hier schwarz

Quentin Tarantinos Westernepos "Django Unchained"

Dina Netz im Gespräch mit Rüdiger Suchsland

Django Unchained - ein Western von Quentin Tarantino.
Django Unchained - ein Western von Quentin Tarantino. (picture alliance / dpa)

In Quentin Tarantinos "Django Unchained" geht es um die Sklavenbefreiung. Die Hauptfigur Django Unchained will seine Liebste befreien und wird von einem Kopfgeldjäger in Gestalt von Christoph Waltz verfolgt. Dieser macht im Laufe des Films aber eine Wandlung, sagt Rüdiger Suchsland.

Dina Netz: Wenn hierzulande über einen Amoklauf diskutiert wird, dann kommt garantiert innerhalb von fünf Minuten der Verdacht auf, dass Computerballerspiele irgendwie damit zu tun haben. Gewalt in Filmen ist merkwürdigerweise selten Thema. In den USA ist das anders, da sahen sich nach den jüngsten Amokläufen in Aurora und Newtown auch Hollywoodstars mit der Frage konfrontiert, ob die Gewalt in ihren Filmen nicht vielleicht auch Auswirkungen aufs Leben habe. Matt Damon, Brad Pitt, Sylvester Stallone zeigten sich schockiert über die jüngsten Gewalttaten, bestritten aber jeden möglichen Zusammenhang mit den Filmen, in denen sie reihenweise Menschen erschießen. Auch Quentin Tarantino wurde gefragt, ob sein neuester Film "Django Unchained" nicht vielleicht einer labilen Person den letzten Kick geben könnte - denn der Streifen ist offenbar noch brutaler als frühere Tarantinos. Der Regisseur antwortete knapp, die Bilder seien Ausdruck seiner künstlerischen Freiheit. - Rüdiger Suchsland, zuallererst aber mal: Worum geht es denn in "Django Unchained"?

Rüdiger Suchsland: Das ist jetzt aber eine fiese Frage, denn eigentlich muss man jetzt ein bisschen zu dem Thema was sagen. Es geht nämlich gar nicht um Gewalt. Jedenfalls ist das kein Film, der irgendwie gewaltverherrlichend ist, und er ist auch gar nicht so gewalttätig. Es gibt drei, vier große Schießereien in einem Dreistundenfilm. Das ist ein Western, in jedem Western gibt es Schießereien, sonst ist es kein Western, das muss man schon dazu sagen, und diese Schießereien sind hässlich dargestellt, eben nicht pathetisch, verherrlichend, sondern eher so, dass man sich unangenehm fühlt, dass man das nicht genießt. Insofern scheint mir das mehr ein Anti-Gewalt-Film zu sein in einem Hollywood - das muss man ja auch sagen -, das von den politischen Botschaften her erzreaktionär ist und übrigens sehr gewaltverherrlichend, wenn die Gewalt von den vermeintlich richtigen kommt wie zum Beispiel, wenn Osama Bin Laden erschossen wird bei Kathryn Bigelow. In diesem Fall geht es um die Gewalt, die die weißen Amerikaner vor allem im 19. Jahrhundert den schwarzen Amerikanern angetan haben, den Negersklaven, die aus Afrika entführt wurden, die dann in Ketten gelegt wurden, und Tarantino zeigt das genau so wörtlich, wie ich es jetzt erzähle.

Das allererste Bild, was man sieht, ist ein wundgeschlagener Rücken von mehreren Schwarzen, die in Ketten durch eine Wüste marschieren, und es geht eigentlich um diese Sklavenbefreiung, auch in der Hauptfigur Django. Das ist nicht der weiße Rächer des Italowestern der 60er-Jahre, sondern das ist ein befreiter Sklave, im Grunde eine Liebesgeschichte, der seine Freundin befreien will, die weiterhin versklavt ist, seine Ehefrau sogar, und der dazu mit einem deutschen Kopfgeldjäger, von Christoph Waltz gespielt, gen Süden zieht, in die Südstaaten, und am Ende tatsächlich seine Frau befreit. Dann muss man dazu sagen, dass die aufhören, Kopfgeldjäger zu sein, also auch hier eigentlich eine Anti-Gewalt-Botschaft. Gerade dieser kalte Kopfgeldjäger, den Christoph Waltz spielt, der taut auf im Laufe des Films. Ich will es fast eigentlich nicht verraten, was er dann macht, aber er macht sehr gute christliche Taten.

Netz: Jetzt haben sie die Hauptdarsteller Jamie Foxx und Christoph Waltz selber schon eingeführt. Da muss ich Sie auch fragen: Das klingt ja nach einer ziemlich genialen Kombination, oder?

Suchsland: Ja, ich finde es hervorragend. Tarantino tut man ja immer so ein bisschen ab, so ein Spaßmacher, ein Postmoderner. Es ist das Gegenteil: Man muss ihn ernst nehmen. Eine seiner starken Seiten ist, dass er zwar viel Humor hat und Sinn für Ironie, aber wenn er liebt und wenn er hasst, dann liebt er nie ironisch und hasst nie ironisch, das geht ja auch gar nicht. Er ist einer der ganz wichtigen Regisseure der Gegenwart, und diesen Film finde ich wirklich ein Meisterwerk, weil er es schafft, in unterhaltsamer Form, in einem Mainstream oder zumindest Massenkino - der Stil ist gar nicht Mainstream - dann trotzdem politische Botschaften einzubauen und übrigens auch linke Botschaften. Das ist ja noch üblicher in den USA. Es ist ein Western, aber immer ein Italowestern oder Spaghettiwestern, der historisch das Erbe des Faschismus ist im Grunde einer Äußerung eines zerrütteten Italiens, und schon der Italowestern ist links, ist revolutionär, stellt Outsider, Gangster in den Mittelpunkt. Er glaubt natürlich auch, dass Gewalt ein Teil der Lösung ist, aber nur gegen den Faschismus, gegen das Böse, und vielleicht ist ja Gewalt manchmal ein Teil der Lösung, wenn man gegen das Böse kämpft. Ich glaube, man muss das ehrlich sagen, dass kein wirklich nachdenklicher Künstler ein absoluter Gewaltfeind ist, sondern in ganz bestimmten Situationen - man muss da immer wieder an den Faschismus denken, man kann auch an andere Situationen denken -, da ist vielleicht Gewalt dann tatsächlich mal ein Mittel.

Netz: Nun ist bei Tarantino nicht nur die politische Botschaft wichtig, sondern immer auch die Wahl der Mittel. Sie haben schon gesagt, es handelt sich bei "Django Unchained" zunächst mal um einen Western. Aber vermutlich spielt er ja wieder mit den Filmgenres, oder?

Suchsland: Ja, er spielt mit den Genres: eben mit Western, mit Italowestern, es gibt Anspielungen auf italienisches Kino, auf asiatisches Kino, auch auf Autorenfilm. Man muss aber vor allem sagen vom Stil her: Es ist diese unglaubliche Schönheit des Films, die Meisterschaft der Inszenierung, die man leicht übersehen kann in der ganzen Debatte über Gewalt, und vielleicht müssen wir auch kurz auf das N-Wort kommen, N-Word sagen die Amerikaner, also "Nigger". Das fällt sehr oft in diesem Film und manche haben das kritisiert, Spike Lee zum Beispiel in den USA. Man muss aber auf der anderen Seite sagen, er wird auch sehr stark, dieser Film und Tarantino, von schwarzen Amerikanern verteidigt, weil sie sagen, historisch wurde dieses Wort eben benutzt, und Tarantino macht auf seine Art einen historischen Film. Insofern kann man das auch so ein bisschen sehen als Kommentar zu dieser ganzen hinterwäldlerischen Debatte der letzten Woche, ob man in Märchen Takka-Tukka-Land und Negerkönig sagen darf bei Pippi Langstrumpf. Also es ist ein Film, der sich einerseits Freiheiten gegenüber der Geschichte nimmt, wie "Inglourious Basterds", aber doch, um einer höheren historischen Wahrheit willen, mit der er den Zuschauer direkt konfrontiert, und zwar vor allem Zuschauer, die vielleicht nicht in einen, sagen wir mal, Dokumentarfilm über die Sklaverei im 19. Jahrhundert reingehen würden.

Netz: Herr Suchsland, sagen Sie zum Schluss ein Wort zur Musik. Die spielt ja in Tarantino-Filmen auch immer eine wichtige Rolle. Gilt das hier auch?

Suchsland: Ja, das gilt hier auch. Wir können ja gleich noch mal ganz kurz reinhören. Musik ist ein Mittel, Bilder im Grunde im Kopf des Zuschauers wachzurufen, die über das hinausgehen, was man sieht auf der Leinwand. Es ist auch anspielungsreiche Musik auf zwei, drei Ebenen. Er benutzt den Italowestern, er benutzt aber auch Filme aus den 80er-Jahren, Musik von Morricone. Wenn wir jetzt gleich noch am Schluss in diese Musik reinhören, dann werden diese Bilder wach werden vor den Augen der Zuhörer.

Netz: So klingt "Django Unchained" von Quentin Tarantino, und unser Kritiker war Rüdiger Suchsland.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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