Corso / Archiv /

 

Detroit, apokalyptisch

Mit Künstler Gary Schwartz durch Ruinenlandschaften

Von Marietta Schwarz und Andreas Main

Was andere meiden: Gary Schwartz sucht es. Bei seinen Erkundungstouren durch postindustrielle Landschaft findet er das, was einmal wichtig war.
Was andere meiden: Gary Schwartz sucht es. Bei seinen Erkundungstouren durch postindustrielle Landschaft findet er das, was einmal wichtig war. (Marietta Schwarz)

Gary Schwartz ist von Los Angeles nach Detroit gezogen, weil kaum eine andere Stadt für Neues so offen ist. Der Künstler, Filmemacher und Dozent bietet freiwillig eine "Postindustrial Apocalyptic Landscape Tour" an. Eine urbane Erkundung.

"The Apocalypse has already occured. And now we're here to pick up the pieces."

Detroit hat die Apokalypse schon hinter sich, sagt Gary Schwartz. Jetzt gehe es darum, die Scherben einzusammeln. Für den Künstler-Intellektuellen Gary Schwartz ein aufregendes Unterfangen. Die Trümmer: eine Fundgrube. Gäste nimmt er gerne mit, zu seiner:

 Mit dem Künstler und Filmemacher Gary Schwartz auf seiner "Postindustrial Apocalyptic Landscape Tour". Hier im verlassenen Zoo auf der Insel "Belle Isle". Flora überwuchert die Orte, wo einst Tiere eingesperrt waren.Schwartz im verlassenen Zoo auf der Insel "Belle Isle". Flora überwuchert die Orte, wo einst Tiere eingesperrt waren. (Andreas Main) "Postindustrial Apocalyptic Landscape Tour."

Nur ein paar Blocks von Garys Zuhause im Stadtteil Woodbridge entfernt geht's los: Ausgebrannte Einfamilienhäuser. Leerstehende Grundstücke. Gras wächst kniehoch. Ein Fasan fliegt auf.

"Look how big the boulevards are! It's all built to be a huge city for huge things to happen. But none of that happens anymore."

Vor 100 Jahren wurden hier prunkvolle Hochhäuser hoch gezogen, in den Werken von Henry Ford liefen die Fließbänder heiß. Zwei Millionen Einwohner hatte Detroit einmal. Heute sind es noch rund 700.000. Für den Niedergang wurde die Stadt berühmt, ihre Ruinen sind in Coffeetable-Books verewigt. Eine Ästhetisierung, die viele Detroiter mit dem Begriff "Ruin Porn" schmähen. Michigan Central Station ist die Ikone des Verfalls.

"Mich persönlich beeindruckt dieser Anblick mehr als die Ruinen, die ich letztes Jahr in Rom besucht habe. Als dieser Bahnhof in den 1920ern gebaut wurde, da war er der größte Bahnhof der Welt - und auch der höchste, wegen des Bürogebäudes oben drauf! Aber keiner war glücklich mit dem Standort, niemand wollte einziehen; denn das wahre Leben in den wilden 20ern, das passierte dort drüben in Downtown, und nicht hier."

Fisher Body, eine vom Architekt Albert Kahn erbaute Fabrik. Scrapper, also Schrotthändler, die Metall aus verlassenen Fabriken klauen, haben die viele der Baudenkmale inzwischen komplett entkernt.Fisher Body, eine vom Architekt Albert Kahn erbaute Fabrik. (Marietta Schwarz)Der letzte Zug verließ den Bahnhof 1988. Heute steht Michigan Central Station eingezäunt auf einer grünen Wiese. Ein leeres Gerippe, vor dessen Kulisse inzwischen Hipster gemütliche Picknicks veranstalten.

"Detroit ist eine sterbende und zugleich wieder auferstehende Stadt. Wie eine Schlange, die sich häuten muss. Wenn sie wächst, muss sie sich ihrer alten Haut entledigen. Und diesen Häutungsprozess zu dokumentieren - das gefällt mir."

Packard Plant war zum Zeitpunkt, als es gebaut wurde, eine der größten Fabrikanlagen der Welt.Packard Plant war zum Zeitpunkt, als es gebaut wurde, eine der größten Fabrikanlagen der Welt. (Andreas Main) Ein paar Meilen weiter nordöstlich: Packard Plant - zu Beginn des 20. Jahrhunderts wohl die größte Industrieanlage der Welt. Bis in die 50er-Jahre wurde dort der "Packard", eine Luxuskarosse gebaut, dann musste die Fabrik schließen. Heute schießen Bäume durch die löchrigen Etagen.

"Da oben war mal ein Geschoss. Das bricht alles zusammen wegen der Scrapper, wie wir sie nennen. Diese Schrotthändler klauen Metall: Stützen, Träger, alles, was das Gebäude zusammenhält. Bis es unter seinem eigenen Gewicht zusammenbricht. Die reißen das ganze Innenleben raus."

Fisher Body, eine vom Architekt Albert Kahn erbaute Fabrik. Sie steht leer und wird illegal entkernt.Fisher Body steht heute leer und wird von Schrottsammlern illegal entkernt. (Andreas Main) Die Abendsonne fällt durch eine rostige Glasfassade, die wie durch ein Wunder stehen blieb. Hinter einem riesigen Schuttberg. Die perfekte Theaterkulisse. Aber nein. Dies hier ist alles ganz real.

Mehr Ruinen:

Für Detroit-Einsteiger:
Die zwei Franzosen Yves Marchand und Romain Meffre haben die Detroiter Ruinen fotografiert und damit weltweit Beachtung gefunden. Von Detroitern selbst wird es als Coffeetable-Buch belächelt.


Für Detroit-Fortgeschrittene
Wer nicht nur Ruinen, sondern auch Menschen in Ruinen sehen will, ist mit dem Fotografen Dave Jordano besser beraten: "Detroit - Unbroken Down" - Fotoarbeit von Dave Jordano

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Corso

C/O Berlin im Amerika HausAus dem Dornröschenschlaf erwacht

C/O Berlin, Amerika Haus

Die Fotogalerie C/O Berlin ist umgezogen: vom ehemaligen Postfuhramt ins Amerika Haus. Zur Wiedereröffnung im geschichtsträchtigen neuen Domizil präsentieren die Ausstellungsmacher unter anderem Bilder von "Magnum"-Fotografen und Nachkriegsaufnahmen von Will McBride.

"Tough Love" - das neue Album von Jessie Ware

Das Ensemble Partita Radicale auf der Suche nach "unisonos imposibles"

Corso-Gespräch mit Rüdiger Esch über sein Buch "Electri_City"

"Die Quadratur des Kreises"Wim Wenders und die Bilder von Sebastião Salgado

Wim Wenders steht bei der Premiere des Films "Das Salz der Erde" in der Lichtburg in Essen.

Wim Wenders ist ein großer Fan des Fotografen Sebastião Salgado. Doch aus den Bildern seines Freundes einen Film zu machen, das schien ihm lange unmöglich. Nun hat Wenders die "Quadratur des Kreises" gewagt.

"Survival Kit" als Allzweckwaffe