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StartseiteUmwelt und VerbraucherViel Lärm um Zürich23.02.2016

Deutsch-schweizerisches GrenzgebietViel Lärm um Zürich

Schon seit Jahren herrscht an der deutsch-schweizerischen Grenze ein Nachbarschaftsstreit: Die Südbadener beklagen Fluglärm vom Züricher Flughafen. Denn dort erfolgen 90 Prozent aller Landeanflüge über Südbaden. Nun sollen laut einem neuen Konzept noch mehr Flüge über die betroffene Landkreisen geleitet werden. Die Schweiz verweist auf die Flugsicherheit.

Von Thomas Wagner

Die Uhr eines Kirchturms in Großaufnahme, daneben weit hinten ein Flugzeug im Landeanflug vor blauem Himmel. (dpa / Patrick Seeger)
Ein Flugzeug im Landeanflug auf den Flughafen Zürich hinter dem Kirchturm in Hohentengen im südlichen Baden-Württemberg. (dpa / Patrick Seeger)
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Hohentengen am Hochrhein: Schon wieder ein Flieger, klagt eine Bewohnerin. Wenn sie von Hohentengen nach unten blickt, Richtung Hochrhein, ist da bereits die Grenze zur Schweiz. Ein paar Kilometer dahinter: der Schweizer Großflughafen Zürich. Weil über 90 Prozent aller Flieger, die dort landen, über deutsches Gebiet einschweben, ist der Ärger in der Bevölkerung Südbadens groß. Zwei Anläufe für einen deutsch-schweizerischen Staatsvertrag, der das Problem lösen solle, sind bereits gescheitert. Seit 2009 verbietet eine einseitig erlassene deutsche Rechtsverordnung Anflüge über den Süden Baden-Württembergs zumindest nachts sowie an Sonn- und Feiertagen. Doch es gibt Ausnahmen. Schlechtes Wetter, Nebel. Nun droht aus süddeutscher Sicht neues Ungemach:

"Es geht um das Betriebsreglement 2014, einen Antrag der Schweiz, wo eben im Rahmen eines Ostkonzeptes zusätzliche Flüge über unsere Landkreise Waldshut, Schwarzwald-Baar und Konstanz erfolgen würden, und zwar zusätzliche Flugbewegungen zwischen 2.000 und 10.000 pro Jahr."

Für Martin Kistler, Landrat im am heftigsten betroffenen Landkreis Waldshut, ist der Begriff "Ostkonzept" zum Schreckenswort geworden. Dahinter verbirgt sich ein Antrag der Schweiz beim deutschen Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung. Inhalt: Ankommende Flieger aus aller Welt sollen vor allem in den Abendstunden über dem Schwarzwald in mehreren Kilometer Höhe gebündelt und dann über der Ostschweiz den Sinkflug auf Zürich einleiten. Das aber, so Professor Hartmut Fricke von der "Gesellschaft für Luftverkehrsforschung" in Dresden, hätte unweigerlich Mehrbelastungen für den Süden Baden-Württembergs zur Folge:

"Käme das Ostkonzept, 2.000 bis 10.000 Anflüge mehr pro Jahr würden resultieren. Insofern würde sich die Lage nicht verbessern," heißt es in einem Gutachten, das Fricke im Auftrag der drei betroffenen Landkreise erarbeitet hat. Darin zeigt er auch eine alternative Landeanflugroute auf. Die würde den Süden Baden-Württembergs weniger stark belasten, hätte aber aus Sicht der Schweiz einen entscheidenden Haken:

"Irgendwo müssen die Luftfahrzeuge ja entlang. Dies würde dann auf Schweizer Hoheitsgebiet passieren mit dem Effekt, dass wir dort eine Zunahme der Lärmbelästigung hätten."

Fluhafen Zürich AG: Flugsicherheit steht im Vordergrund

Darüber zeigen sich - wen wundert's? - wiederum die Schweizer nicht eben begeistert. Wohin mit dem Anfluglärm des Schweizer Flughafens Zürich? Um diese Frage kreist der deutsch-schweizerische Fluglärmstreit seit Jahr und Tag: Die deutschen Nachbarn wollen keinen zusätzlichen Lärm vom Schweizer Airport, die Schweiz selbst aber auch nicht, verweisen zudem auf den erheblich dichter besiedelten Großraum Zürich. Doch darum gehe es beim Antrag auf das Ostkonzept gar nicht, sagt Stefan Conrad, Geschäftsführer der Flughafen Zürich AG: Vielmehr stehe die Flugsicherheit im Vordergrund.

"Für uns bedeutet das Ostkonzept primär eine Entflechtung der Flugrouten. Es ist für uns ganz wesentlich, weil wir getrieben von Sicherheitsauflagen dazu aufgefordert wurden, die Sicherheitsmarge zu vergrößern."

Und genau diese Sicherheitsmarge erhöhe sich um keinen Deut durch die von den deutschen Nachbarn aufgezeigten Alternative.

"Die Alternative drei geht auf diese Entflechtung überhaupt nicht ein."

Zudem bezweifelt der Züricher Flughafenchef, dass es durch das beantragte Ostkonzept tatsächlich zu mehr Lärm über Südbaden kommt:

"Die fliegen über deutschem Gebiet auf 3.600 Metern überm Meer. Das ist relativ hoch. Und ganz wichtig: Gemäß deutscher Gesetzgebung ist das nicht messbarer Lärm."

Ende des Streits nicht absehbar

Die betroffenen deutschen Landkreise sehen das völlig anders: Der Lärm eines Fliegers in etwas über drei Kilometer Höhe komme durchaus unten an, so der Waldshuter Landrat Martin Kistler: Er verweist dabei auf das Dresdner Gutachten.

"Das stärkt unsere Position politisch, weil der Bundesverkehrsminister hier im Landkreis Waldshut-Tiengen ausgeführt hat, dass er keinem Antrag die Hand reichen wird, der eine Mehrbelastung für Südbaden vorsieht. Da dies jetzt nachgewiesen wird, gehe ich davon aus, dass der Antrag zurückgewiesen wird."

Egal wie die Entscheidung aufgeht - eines ist bereits jetzt klar: Der deutsch-schweizerische Fluglärmstreit ist in einer neuen Runde angekommen. Aber ein Ende ist nicht einmal ansatzweise absehbar.

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