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StartseiteUmwelt und VerbraucherDeutsche Physikalische Gesellschaft bewertet 30 Jahre deutsche Klimaschutzpolitik08.11.2005

Deutsche Physikalische Gesellschaft bewertet 30 Jahre deutsche Klimaschutzpolitik

Das Kyoto-Protokoll kann nur ein Anfang sein: Um rund fünf Prozent müssen die teilnehmenden Industrieländer ihren Ausstoß an Treibhausgasen senken. Weil auch Entwicklungs- und Schwellenländer Kohlendioxid freisetzen, heißt das, dass der Weg ins Treibhaus Erde allenfalls etwas verlangsamt wird. In Berlin hat heute die Deutsche Physikalische Gesellschaft zu einer Bewertung der deutschen Klimapolitik eingeladen.

Von Philip Banse

Bundesumweltminister Jürgen Trittin informiert in Berlin die Presse über die neuesten Entwicklungen bei der Vogelgrippe. (AP)
Bundesumweltminister Jürgen Trittin informiert in Berlin die Presse über die neuesten Entwicklungen bei der Vogelgrippe. (AP)

Wie das bei Wissenschaftlern oft so ist, wollen sie sich nicht auf eine Zahl festlegen. Aber man kann sagen: Der Arbeitskreis Energie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft stellt der deutschen Klimapolitik kein gutes Zeugnis aus, die Note dürfte zwischen vier und fünf liegen. Vorgestellt wurde soeben die Studie "Klimaschutz und Energieversorgung 1990-2020". Die Bundesrepublik hatte sich ja das Ziel gesetzt: Der Ausstoß von Treibhausgasen sollte bis heute im Vergleich zu 1990 um ein Viertel gesenkt werden. Die Studie lässt die klimafreundlichen Auswirkungen des Zusammenbruchs der DDR-Wirtschaft außen vor und kommt zu dem Schluss: Trotz enormer Investitionen in regenerative Energien wurde das Reduktionsziel der Bundesregierung verfehlt. Knut Urban, Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft:

"Man stellt heute fest, das man mit Bezug auf 1990 nur 15 Prozent erreicht hat, das heißt wenig mehr als die Hälfte dessen, was man sich ursprünglich vorgenommen hatte. Die jährlichen Einsparungsraten waren rund die Hälfte von dem, was man sich ursprünglich vorgenommen hatte."

In den letzten sieben Jahren sei der Ausstoß von Treibhausgasen überhaupt nicht zurückgegangen. Als Gründe nennt Urban, dass die Einsparpotentiale unterschätzt wurden. Außerdem seien die Verbesserungen durch regenerative Energien zum Beispiel durch mehr gewachsenen Verkehr aufgezehrt worden. Doch wie geht es weiter? Die Studie blickt auch in die Zukunft. Wenn die derzeitige Klimapolitik fortgesetzt würde, heißt es da, seien die zwar Kyoto-Ziele zu erreichen. Doch bis 2012 die Treibhausgase um 21 Prozent senken – dieses Ziel sei nie eine Herausforderung gewesen. Außerdem: Was passiert nach Kyoto? Nach 2012? Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, die Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent zu verringern. Auch dieses Ziel, so die DPG-Studie, werde Deutschland nicht erreichen.

"Wir haben wirklich unter der Berücksichtigung aller Einsparmöglichkeiten, aller Steigerungsmöglichkeiten der regenerativen Energien ausgerechnet, dass man bestenfalls in die Gegend von 25 Prozent CO2-Einsparungen bis zum Jahr 2020 – solange man den Ausstiegs-Plan aus der Kernenergie beibehält."

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft bläst also ins selbe Horn, wie vor Tagen auch der Bundesverband der Deutschen Industrie: CO2-Reduktion und Klimaschutz nur durch Ausstieg aus dem Ausstieg. Wenn die Atomkraftwerke über das Jahr 2020 hinaus am Netz blieben, so die Studie der Physiker, ließen sich die Treibhausgas-Emissionen nicht nur um 25, sondern um 35 Prozent reduzieren. Das wäre zumindest fast soviel wie von der Bundesregierung geplant. Umweltschützer der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND argumentieren: Der Ausstieg aus dem Ausstieg würde den Druck zum Umbau des Energiesystems verringern. Investitionen in regenerative Energien würden zurückgehen, der Systemwechsel immer schwieriger. Dazu sagt Knut Urban, Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft: Der Druck durch staatliche Vorgaben kann gar nicht so groß sein, dass die Klimaziele erreicht werden. Sein Vorschlag:

"Wenn der Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland Konsens ist , dann sollte man die Bemühungen um alternative Energien wesentlich erhöhen, und während dieser Zeit, solange bis man den entsprechenden Punkt erreicht hat, die Kernkraftwerke weiter laufen lassen."

Wann dann das letzte AKW vom Netz gehen soll, lässt die Studie offen. Ebenfalls unbeantwortet bleibt die Frage: Wohin mit dem radioaktiven Müll? Die zu klären, sei eine enorme Herausforderung, so Urban. Aber wenn es darum geht abzuwägen: Müll-Problem oder verstärkter Klimawandel, dann plädiere er dafür die AKW vorerst weiterlaufen zu lassen.

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