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Die älteste Staatskirche der Welt

Die armenisch-apostolische Kirche und die Spuren des Sowjet-Kommunismus

Von Corinna Mühlstedt

Die traditionelle christliche Kultur ist inzwischen weitgehend verloren gegangen.
Die traditionelle christliche Kultur ist inzwischen weitgehend verloren gegangen. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Vor rund 1700 Jahren machte Armenien als erstes Land der Welt das Christentum zur Staatsreligion. Ab 1922 gehörte Armenien dann zur Sowjetunion und die armenisch-apostolische Kirche wurde lange Zeit unterdrückt. Seit 1991 ist die Republik Armenien wieder ein unabhängiger Staat, in dem die traditionelle christliche Kultur inzwischen weitgehend verloren gegangen ist.

"Unsere Religion zu praktizieren, verstieß bis 1949 gegen das Gesetz. Nichts außer der kommunistischen Ideologie wurde anerkannt, an Schulen und Universitäten der Atheismus gelehrt. Fast alle Kirchen wurden zerstört oder zweckentfremdet, unsere Seminare geschlossen, die meisten Geistlichen deportiert. Offiziell durften wir nicht als Priester arbeiten oder Sakramente spenden. Viele Leute ließen ihre Kinder aus Angst nicht taufen. 1949 durfte die Kirche in unserem geistlichen Zentrum in Etschmiadzin zumindest wieder ein Seminar eröffnen und einzelne Gottesdienste feiern. Aber erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Kirche wirklich frei."

Der 83jährige Pater Sargision lehrt in Yerevan Geschichte.
Die Republik Armenien ist seit 1991 ein unabhängiger Staat, doch 70 Jahre Sowjet-Diktatur haben schwere Spuren hinterlassen: Im Zentrum Yerevans haben nur vier winzige Kirchlein die Zeit überlebt. 2001 die armenisch-apostolische Kirche hier wieder eine neue große Kathedrale einweihen.

Auch auf dem Land zieht zwischen weiten Ebenen und kargen, zerklüfteten Gebirgstälern in die Ruinen mittelalterlicher Kirchen wieder Leben ein. Pater Asbed, der in der Diaspora in den USA aufgewachsen ist, betreut seit fünf Jahren im äußersten Norden Armeniens das Kloster Hagbad.

"Als ich nach Armenien zurückkam, war die erste Zeit hier sehr hart für mich. Denn in der Diaspora leben wir Armenier unseren Glauben intensiv. Hier ist das anders. Etwa 70 Prozent der Erwachsenen sind nicht mehr getauft. Doch einige jüngere Leute möchten heute wieder getauft werden. Leider hat unsere Kirche zu wenig Geistliche. In den alten Klöstern wohnen heute bestenfalls einzelne Mönche oder Priester so wie ich. Ich bin hier alleine für eine ganze Reihe von Dörfern zuständig."

Das Kloster Hagbad liegt an der Handelsstraße nach Georgien. Die Reste alter Industrieanlagen aus der Sowjetzeit und graue Plattenbauten bestimmen das Bild. Die Bevölkerung ist arm. Der Kampf ums tägliche Überleben steht im Vordergrund. In Hagbad sind heute die kunstvoll gemeißelten, historischen Kreuzsteine wieder sauber geputzt. Und in der Kirche brennen einige Kerzen.

"Ich habe die Erwachsenen hier im Dorf schon oft gefragt: Warum kommt ihr nicht in den Gottesdienst? Doch die meisten zucken nur mit den Schultern. Gott sei Dank erlauben sie aber ihren Kindern, in die Kirche zu kommen."

Zu den größten Herausforderungen gehört für die Geistlichen der Umgang mit Armeniens sozialen Problemen. Über ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Die Kluft zwischen Normalverdienern und einer kleinen reichen Oberschicht ist enorm. Die Spielsalons in Yerevans Stadtviertel "Mini-Las-Vegas" sind nur eine Folge der Probleme.

In einem bescheidenen Vorort der Metropole leben Mönche des 1700 in Istanbul gegründeten Ordens der Mechitaristen. Dabei handelt es sich um Benediktiner, die mit Rom uniert sind, aber auch den Katholikos, das Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche anerkennen. Die Mechitaristen betreiben hier ein Gymnasium für christliche Schüler aus sozial schwachen Familien. Schulleiter Serop, beurteilt die Lage nüchtern:

"Armenien ist heute ein radikal säkularisiertes Land. Auf den Zusammenbruch des Kommunismus, der alle menschlichen und religiösen Werte vernichtet hatte, folgte hier zu Beginn der 90er Jahre eine kurze Phase des Aufatmens. Doch dann kam der moderne Kapitalismus, der Konsum in seiner negativsten Form. Er hat aus dem Westen nur das Schlechteste importiert und einen moralischen Zusammenbruch bewirkt, der noch weitaus schlimmer ist als alles, was der Kommunismus angerichtet hat."

Das Zentrum der armenisch-apostolischen Kirche ist seit dem 4. Jahrhundert in Etschmiadzin, etwa zehn km westlich von Yerevan. Hier residiert das geistige Oberhaupt aller Armenier, derzeit Katholikos Karekin II. Rings um die historische Kathedrale sind in den letzten Jahren viele kirchliche Sozialeinrichtungen entstanden, zum Beispiel eine Essenstafel für mehrere Hundert Senioren.

Bischof Hovakim ist in Etschmiadzin eine rechte Hand des Katholikos und für Frage der Ökumene zuständig. Er betont:

"Auf internationaler Ebene haben wir zur Evangelischen Kirche in Deutschland ebenso gute Beziehungen wie zum Vatikan. Wir sind auch aktive Mitglieder im Weltrat der Kirchen. Ja, wir verstehen uns als traditionsbewusste Kirche, die zugleich sehr offen ist gegenüber anderen Kirchen und Religionen. Wir erlauben auch allen Gläubigen der anderen großen Kirchen, bei uns die Eucharistie zu empfangen."

Ausdruck der guten ökumenischen Stimmung ist ein "Runder Tisch", den man in Etschmiadzin zusammen mit dem Weltkirchenrat aufgebaut hat. An ihm sind Vertretern einiger Nichtregierungsorganisationen ebenso beteiligt wie Repräsentanten der katholischen und der evangelischen Kirchen.

Dem Direktor des Runden Tisches, Karen Nazaryan, liegt unter den zahlreichen Projekten der ökumenischen Institution auch ein "Regionales Versöhnungsprogramm" besonders am Herzen. Nämlich der Versuch die Feindschaft mit dem Nachbarland Aserbaidschan zu überwinden.
"Wir hatten mit Aserbaidschan seit 20 Jahren keinen Kontakt. Doch dann hat uns 2009 der oberste Scheich des islamischen Landes in Etschmiadzin besucht und ein Jahr später sind unser Katholikos und Bischof Hovakim in die dortige Hauptstadt Baku gefahren. Seither bringen wir Jugendgruppen aus Armenien und Aserbaidschan zusammen. Wenn sie einander kennenlernen, können sie Vorurteile überwinden lernen."

Langfristig, so hofft man in Etschmiadzin, könnte diese Initiative vielleicht auch ein Modell für eine Versöhnung zwischen Armeniern und Türken werden.

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