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StartseiteHintergrund Wirtschaft (Archiv)Die Bosse von morgen21.11.2004

Die Bosse von morgen

Deutschlands neue Wirtschaftseliten

<strong>Eines Tages Topmanager sein. Das ist der Traum vieler BWL-Erstsemestler, die sich in den überfüllten Hörsälen deutscher Universitäten drängeln. Immer mehr Abiturienten entscheiden sich für Wirtschaftswissenschaften. Über 170 000 Studierende sind in ganz Deutschland in diesem Fachbereich eingeschrieben. Denn ein Studium in Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre gilt in vielen deutschen Unternehmen als Mindestvoraussetzung für eine Karriere.</strong>

Von Friederike Schulz

Die Bosse von Morgen (AP)
Die Bosse von Morgen (AP)

Matthias Herfurth: Investmentbanking oder Beratung möchte ich eigentlich nicht länger als vier oder fünf Jahre machen. Dann möchte ich wahrscheinlich in der Industrie in eine Führungsposition hineinwachsen.

Eines Tages Topmanager sein. Das ist der Traum vieler BWL-Erstsemestler, die sich in den überfüllten Hörsälen deutscher Universitäten drängeln. Immer mehr Abiturienten entscheiden sich für Wirtschaftswissenschaften. Über 170 000 Studierende sind in ganz Deutschland in diesem Fachbereich eingeschrieben. Denn ein Studium in Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre gilt in vielen deutschen Unternehmen als Mindestvoraussetzung für eine Karriere. Doch die wirklichen Spitzen-Posten in den großen Konzernen sind rar. In ganz Deutschland sind es etwa 2000, wenn man die 400 größten Unternehmen zu Grunde legt. Es ist schwer vorherzusagen, wer bei der Deutschen Bank oder bei Siemens in 20 Jahren Vorstandsvorsitzender sein wird. Denn anders als in Frankreich gibt es in Deutschland bis heute keine so genannten "Kaderschmieden". Und so sind die Karrierewege weniger festgelegt und manchmal reichlich seltsam.

Deutschlands neue Wirtschaftsmanager. Sie kämpfen um das Startkapital für ihre eigene Firma. 250 000 Euro. Jede Woche erhalten beide Teams eine Aufgabe von mir. Und von den Verlierern schicke ich einen nach Hause.

Der schwergewichtige Ex-Manager des Fußballvereins Bayer 04 Leverkusen, Rainer Calmund, ist der 'Big Boss'. So der Titel einer Casting-Show von RTL. Der Sender sucht seit neuestem nicht nur Superstars, sondern auch Topmanager. Die Methode ähnelt einem "Assessment-Center". Ein Auswahlverfahren, bei dem die Kandidaten in Teams verschiedene Aufgaben lösen müssen. Mittlerweile ist so etwas auch beim Einstellungstest für Manager in fast jedem großen Unternehmen üblich. Sechs Männer und sechs Frauen treten bei RTL gegen einander an, alle mit exzellenten Lebensläufen. In jeder Folge bilden die Kandidaten zwei Teams, die gegeneinander antreten. Und "Big Boss" Rainer Calmund stellt die Aufgabe des Tages.

Rainer Calmund: Guten Morgen, meine Damen und Herren. Wir sind hier in Wien, im Prater. Der Prater ist einer der ältesten Vergnügungsparks der Welt. Ihre heutige Aufgabe ist nicht leicht. Sie entscheiden sich für drei Attraktionen, die sie bis heute abend betreiben werden. Sie bekommen 300 Euro Startkapital. Wer das meiste daraus gemacht hat, hat gewonnen.

Den ganzen Tag rennen die Topmanager in spe über den Rummelplatz. Die Frauen in schicken Kostümen mit Minirock, die Männer in teuren Anzügen mit Krawatte. Schnell schwitzen sie alle. Alex, der mit 28 bereits eine Karriere als Geschäftsführer einer Firma für Autoersatzteile in Singapur hinter sich hat, und Teresa, die mit Mitte 20 ein eigenes Unternehmen in der Schweiz besitzt.

Gespräch in der Gruppe: Es gibt Gewitter.
Auch das noch.
Beim Gewitter in die Achterbahn - das macht doch keiner!
Genießen Sie den Prater auch im Regen! Denn wir sind doch nicht aus Zucker!
Wir gehen jetzt gezielt zu den Leuten, die sich unterstellen und bieten ihnen unser spezielles Angebot an.


Calmund: Wenn man heute Erfolg haben will, dann kommt es nicht nur auf die Fachkompetenz an. Das ist nur die eine Seite. Es gibt auch Tausende von Beispielen, wo einer gar keine Ausbildung hat, aber dafür einen guten Menschenverstand, der aber eins hat: Leidenschaft, Teamgeist, diesen unbedingten Erfolgswillen, dieses Wir-Gefühl, Durchsetzungsvermögen, diese Identifikation mit dem Unternehmen, mit dem Job, mit der Aufgabe, und das wollten wir hier auch umsetzen.

Das würde wohl auch jeder Personalchef eines großen Konzerns unterschreiben. Deswegen betreiben die führenden Unternehmen in Deutschland auch einen enormen Aufwand mit mehrstufigen Bewerbungsverfahren, um ihren Führungsnachwuchs auszuwählen. Ein Schwerpunkt dabei: Aufgaben, die - ähnlich wie bei "Big Boss" - nur im Team zu lösen sind. Wer in Deutschland Karriere machen will, darf kein Einzelkämpfer sein, sagt Rainer Calmund. Und Tomasz, der Kandidat, der nicht in die Gruppe passte, musste bereits in der zweiten Folge die Koffer packen. Aber die Realität sieht anders aus als in der Casting-Show. Professor Michael Hartmann von der Technischen Universität Darmstadt forscht seit langem über Topmanager. Er berichtet von den Ergebnissen einer noch unveröffentlichten Studie zu der Frage, wie förderlich Teamgeist wirklich für die Karriere in deutschen Unternehmen ist.

Prof. Hartmann: Entgegen aller gängigen Lehrmeinungen: Wenn es überhaupt einen Unterschied zwischen den Leuten gab, die zu einem bestimmten Jahr angefangen haben in einem Unternehmen und dann Karriere gemacht haben, war es der, dass die, die auf Ellbogen gesetzt haben, schneller waren.

Bis Januar läuft "Big Boss" noch auf RTL. Am Schluss der Sendung bleibt Einer übrig, und der bekommt entweder 250 000 Euro, um sich selbständig zu machen, oder Rainer Calmund vermittelt ihm einen Spitzenposten in einem großen Unternehmen. Wer es nicht in die Casting-Show schafft, muss auf konventionelle Weise versuchen, den Weg in die Führungsetagen zu finden. Und der beginnt heute fast immer an einer Hochschule.

Was machen jetzt Unternehmen? Sie wissen: Gut, es gibt einen kulturellen Anpassungsprozess. Bringt mir das irgendwas als Personalchef? Kann ich daraus irgendwas ableiten?
Wenn Unternehmen merken, dass Mitarbeiter unmotiviert sind, müssen sie versuchen, dieses Tal auszugleichen....


Kulturschock bei Mitarbeitern im Ausland – das ist das Thema der Vorlesung bei Professorin Marion Festing. Sie lehrt an der Europäischen Hochschule für Management in Berlin mit der sperrigen Abkürzung ESCP-EAP. Dies ist eine der wenigen privaten Hochschulen in Deutschland. Doch seit den 90er Jahren kommen die Business-Schools mehr und mehr in Mode, nicht zuletzt, weil die öffentlichen Hochschulen in immer stärkere Finanznot geraten. Die ESCP-EAP hat bereits eine lange Tradition. Sie wurde im 19. Jahrhundert in Paris gegründet und wird bis heute von der französischen Industrie- und Handelskammer finanziert. Die Berliner Niederlassung hat gerade ihr 30jähriges Bestehen gefeiert, und der Name ist in deutschen Unternehmen nicht mehr unbekannt.

In der Vorlesung von Marion Festing sitzen gerade mal 25 Studenten. Die Professorin kennt sie persönlich, und jeder kann mit diskutieren. Das war einer der Gründe, weshalb auch Matthias Herfurth nach zwei Jahren BWL-Studium an der Freien Universität Berlin an die private Hochschule wechselte. An der FU fühlen sich viele Studenten allein gelassen, sagt der 26-Jährige.

Matthias Herfurth: Massenuni, sehr unpersönlich, volle Vorlesungen. An der ESCP-EAP ist es halt so, dass wir ein Klassensystem haben. Wir sind 30 Leute in einem Kurs. In Oxford geht der Professor danach mit uns ins Pub. Die Uni arbeitet mit vielen Unternehmen zusammen und ist sehr praxisorientiert. Wir müssen in jedem Land ein Praktikum machen. Dann haben wir viele Fallstudien, auch mit Unternehmen zusammen, wie Siemens oder der Société Générale, auch über mehrere Monate. Damals in Paris haben wir mit Hermes zusammen drei Monate lang eine Fallstudie gemacht.

Nach der Vorlesung treffen sich Matthias Herfurth und seine Kommilitonen in der Cafeteria des schlossähnlichen Gebäudes im vornehmen Bezirk Charlottenburg.

Studentengespräch: Habt Ihr die Mail bekommen, dass die Mc Kinsey-Berater ne Party machen wollen? Gut oder?
Heftig.
Bei wem noch mal?
Bei Flo in der Wohnung.
Können wir ja ne Bewerbung hinschicken...


Ganz ohne Parties geht es trotz des engen Stundenplans nicht. Sonst hält keiner die drei Jahre durch, sagt Matthias Herfurth. Jedes Jahr in einem anderen Land, in einer anderen Sprache studieren. Das erste Jahr in Paris, das zweite in Oxford, das dritte in Berlin. Und von Anfang an fast wöchentlich Klausuren und Präsentationen. Doch am Ende winken drei Diplome aus drei verschiedenen Ländern. Beste Voraussetzungen für eine Karriere als Topmanager.

Matthias Herfurth: Man merkt schon, dass sich die Unternehmen bei den Studenten bewerben und nicht umgekehrt. Das ist auf jeden Fall ein großes Plus, dass die Unternehmen die Studenten kennen und uns auch gern nehmen.

Seine Eltern finanzieren ihm das Studium, denn zum Jobben bleibt nebenher keine Zeit. Die Studiengebühren liegen bei knapp 7000 Euro im Jahr. Sein Vater ist Geschäftsführer in einem mittelständischen Unternehmen. Und Matthias möchte es ihm gleich tun. Nach dem Studium hat er vor, für ein paar Jahre im Bereich Investmentbanking oder Unternehmensberatung zu arbeiten. Anschließend will er versuchen, eine Führungsposition in einem internationalen Industriekonzern zu bekommen. Und da hat er gute Chancen, und zwar nicht allein wegen seiner exzellenten Ausbildung, sagt der Soziologe Michael Hartmann. Er hat herausgefunden, dass sich die Wirtschaftselite in Deutschland noch immer aus einem ganz kleinen Kreis rekrutiert.

Hartmann: Da hat sich gezeigt, dass die Chancen bei gleichem Bildungstitel, also der Promotion, für Kinder aus dem Großbürgertum bis zu fünfmal so hoch waren. Die größten Differenzen gab es zwischen Arbeiterkindern und den Söhnen von Geschäftsführern oder Vorstandsmitgliedern bei gleichen Bildungstiteln. Da haben die Kinder von leitenden Angestellten eine 17mal höhere Chance, in die erste Führungsebene eines großen Unternehmens zu kommen als gleich qualifizierte Arbeiterkinder.

Da helfen auch Bafög und Stipendien wenig. Denn Geld spielt dabei gar nicht die entscheidende Rolle, sagt der Elitenforscher. Bereits im Studium ist die soziale Auslese noch immer auffällig. An den Universitäten sind viel mehr Kinder aus Akademikerfamilien als Kinder einfacher Arbeiter eingeschrieben. Und Führungspositionen in der Wirtschaft bekämen Arbeiterkinder erst recht nicht.

Hartmann: Die Rekrutierung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft läuft sehr stark anhand habitueller Ähnlichkeiten. Das heißt, da sitzen relativ wenige Personen in relativ wenig formalisierten Verfahren, die sagen: Der passt zu uns oder nicht. Die Entscheidung wird in der Regel in dieser Höhe aus dem Bauch getroffen. Da hat man das Gefühl, das ist er oder das ist er nicht. Für solche Entscheidungen ausschlaggebend ist eben, dass das einer von uns ist. Das fragt man nicht direkt, man ist sich häufig nicht mal darüber klar, dass das so ein wichtiges Kriterium ist. Jemand, der die gleiche Sprache spricht, der die Codes in ihren Feinheiten beherrscht, der weiß, wie in diesen Etagen das Leben funktioniert und der weiß, wie man sich dort bewegt.

Das wird sich auch in 30 Jahren nicht ändern, sondern eher noch verschärfen, so die Prognose von Michael Hartmann. Die Diskussion über Elite-Universitäten hat gerade erst begonnen. In etwa 20 Jahren werde es auch in Deutschland ein paar renommierte Kaderschmieden geben.

Hartmann: Dann wird man feststellen, dass die Personalchefs, denen heute egal ist, wo man studiert hat, genau drauf gucken, wo kommen die Leute her? Ein Teil der Sozialauswahl, der heute erst später erfolgt, wird dann ins Bildungssystem verlagert, so dass man wie in Frankreich oder in den USA sagen kann, wenn man an der ENA oder in Harvard war, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man eine Spitzenposition bekommt, sehr hoch, und wenn man nicht da war, ist die Wahrscheinlichkeit außerordentlich gering. Aber die Tatsache, dass man da hinkommt, hängt sehr stark mit der sozialen Herkunft zusammen. In Harvard kommen 80 Prozent der Studierenden aus den oberen 15 Prozent der Gesellschaft und an der ENA sind es 90 Prozent.

Doch noch gibt es keine offiziellen Eliteunis in Deutschland. Wer heute eine Führungsposition in der deutschen Wirtschaft erreichen möchte, kann daher durchaus noch an einer öffentlichen Hochschule studieren. Der Personalchef der Deutschen Bank schätzt, dass etwa 85 Prozent aller Nachwuchsführungskräfte dort ihr Diplom gemacht haben. Die Unternehmen haben deshalb ausgeklügelte Auswahlverfahren entwickelt um zu gewährleisten, dass sie dennoch die besten Köpfe rekrutieren. Und die durchlaufen dann in der Regel ein etwa zwölf bis 18monatiges Trainee-Programm. Die jungen Führungskräfte machen in verschiedenen Abteilungen Station, bearbeiten selbständig kleine Projekte und wachsen langsam in das Unternehmen hinein.

Werbeveranstaltung Deutsche Bank: Servus, was kann ich für Sie tun?
Ich hab eigentlich nur zwei Fragen: Einmal haben Sie ja einen CV-Check angeboten und deswegen habe ich jetzt meinen Lebenslauf mitgebracht...


Die Deutsche Bank ist auf Werbetour. Das Unternehmen lädt BWL-Studenten ein, damit sie sich über die Karrierechancen informieren können. Dazu gibt es den "CV-Check". CV steht für "Curriculum Vitae" - die Berater geben Tipps zum Lebenslauf. Und die Bank sucht sich nebenbei die besten raus, um sie für eine Bewerbung um ein Traineeprogramm zu gewinnen.

Personaler Ralf Rudolf vor Studenten: Wir sind eine erfolgreiche Bank. Was aber wichtig ist: Wir wollen ein führender Anbieter von Finanzdienstleistungen werden. Wir wollen von Platz 20 auf Platz zehn kommen. Das schaffen wir nicht allein, indem wir Kosten drücken, sondern wir suchen dafür frisches, junges Humankapital.

Ralf Rudolf leitet den Bereich Hochschulmarketing der Deutschen Bank. Er steht auf dem Podium im großen Saal des Berliner Firmensitzes. Neben ihm das frische Humankapital der Bank – acht junge Führungskräfte, die das Traineeprogramm absolviert haben und nun dabei sind, die Karriereleiter nach oben zu klettern. Alles Männer, alle bis auf einen gerade mal 27 Jahre alt. Davor das Publikum – Studentinnen in hellen Kostümen mit Perlenkette und Studenten in dunklen Anzügen mit Krawatte und akkuratem Seitenscheitel. Ralf Rudolf erklärt, worauf es ankommt, wenn man bei der Deutschen Bank einsteigen will.

Rudolf: Es eint natürlich das Muss der Internationalität. Das drückt sich auf jeden Fall in der Sprachkenntnis aus. Englisch ist bei uns erste Konzernsprache. Auch mein Vorstandsvorsitzender spricht zuerst Englisch mit mir, bevor er Deutsch spricht. Es geht um einen guten bis sehr guten Universitäts- oder Fachhochschulabschluss oder Business-School-Abschluss. Definitiv die soziale Kompetenz, die sehr schlecht im Lebenslauf zu dokumentieren ist. Hier zählen außeruniversitäres Engagement, Arbeit in sozialen Einrichtungen und praktische Erfahrungen, die nachgewiesen sind.

Die Deutsche Bank führt keine Statistik über den familiären Hintergrund ihrer jungen Führungskräfte. Eine umfangreiche Studie über die Auswahl des Nachwuchses in großen deutschen Unternehmen hat jedoch gezeigt, dass die Kriterien, die Personalchefs wie Ralf Rudolf nennen, nur zweitrangig sind, sagt der Elitenforscher Michael Hartmann:

Auch in den Auswahlverfahren für Traineeprogramme spielt dieses Gefühl der Entscheider, ob da jemand ist, der so ähnlich tickt wie man selber, spielt eine außerordentlich große Rolle. Es wird nicht zugegeben, die haben umfängliche Kataloge, was alles abgeprüft wird, aber wenn Sie sich so ein Assessment Center anschauen: Es gibt letztendlich immer Menschen, die die anderen Menschen beurteilen. Und die beurteilen das auf ihrem biographischen Hintergrund. Da der biographische Hintergrund dieser Menschen in diesen Positionen bürgerlich ist, werden sie bürgerliche Verhaltensweisen positiver beurteilen als andere.

Die Traineeprogramme sind begehrt. Über 10 000 Bewerbungen landen jedes Jahr auf dem Tisch von Ralf Rudolf, und 250 Plätze gibt es in Deutschland. Das Einstiegsgehalt beträgt bis zu 60 000 Euro. Dafür erwartet die Bank entsprechendes Engagement. Besonders im Bereich Investmentbanking müsse man sich darüber klar sein, dass man einen geregelten Arbeitsalltag vergessen könne, sagt Christian Müller, der sich für eine Karriere in diesem Bereich entschieden hat.

Christian Müller: Das sind bestimmt 80 Stunden, die man im Büro ist. Die Wochenenden sind eher nicht frei. Normalerweise kommt man am Wochenende rein. Um elf, zwölf kommt man rein, bleibt ein paar Stunden und geht dann wieder. Das ist normal.

Ganz so schlimm ist es in den anderen Bereichen der Bank nicht, sagt sein Kollege Talha Yesilhark. Und schließlich bekomme man dafür auch einiges geboten. Am Anfang des Traineeprogramms steht ein fünfwöchiger Aufenthalt in London, mit einem Vorbereitungskurs für alle. Und auch in den verschiedenen Stationen der Ausbildung sei die Betreuung hervorragend:

Yesilhark: Ihnen wird dann auch ein Mentor zugewiesen. Der ist wirklich von der Führungsebene. Bei mir ist es so, dass ich mich monatlich mit ihm treffe und mit ihm meinen Karriereweg in der Bank bespreche. Er leitet auch gern seine Kontakte an mich weiter. Das ist auch eine große Hilfe.

Ein Traineeprogramm ist keine Garantie für eine Karriere als Topmanager. Aber ohne geht es mittlerweile kaum noch, und das junge Humankapital vorn auf dem Podium scheint genau zu wissen, wo es hin will: nach oben. Fast jedes große deutsche Unternehmen bildet inzwischen so seinen Führungsnachwuchs aus. Nicht alle Trainees der Deutschen Bank haben BWL studiert und nicht alle sind 27 und männlich wie die Delegation in Berlin, versichert der Personalchef. Der Anteil von Frauen liege mittlerweile bei 40 Prozent. Und diese Entwicklung wird sich nach Ansicht des Elitenforschers Michael Hartmann in naher Zukunft auch auf die Vorstandsetagen bemerkbar machen.

Hartmann: Männer mussten über Jahrzehnte immer nur Männer bewerten. Das ändert sich, weil immer mehr Frauen Firmen übernehmen und sie da rein kommen. Dann gewöhnt man sich daran, dass da auch Frauen sind. Irgendwann ist der Gewöhnungseffekt da. Das wir noch einige Jahre dauern. Aber der Anteil der Frauen in Führungspositionen wird in 20 Jahren sehr viel höher sein als heute. Und das ist wirklich eine gravierende Veränderung, die jetzt beginnt in den unteren Positionen.

In den mittelständischen Unternehmen sieht das bereits ganz anders aus. Im Bundesverband Junger Unternehmer (BJU) sind zum Beispiel bereits 20 Prozent aller Mitglieder Frauen. Und seit diesem Sommer hat der Verband auch eine Chefin, Karoline Beck. Sie ist Geschäftsführerin in einem Familienbetrieb mit 55 Mitarbeitern, allein erziehende Mutter zweier Kinder. Nebenbei leitet sie den BJU. Große Sorgen bereiten ihr im Moment die zahlreichen Firmenpleiten. Allein im Verband, der 2000 Mitglieder hat, sind es pro Jahr etwa 90. Als Unternehmer komme man nicht umhin, auf die Personalkosten zu schauen. Dennoch: Den Standort Deutschland stellten die wenigsten jungen Unternehmer im Moment in Frage.

Beck: Ein Mensch, der seinen Kopf hinhält für seine Mitarbeiter, wer bereit ist, ein Unternehmen zu gründen und zu führen, hat sowieso schon mal eine sehr hohe ethische Einstellung, auch was den Standort betrifft. Der geht mit seiner ganzen Existenz ins Risiko und in die Verantwortung. Wenn es dann aber nicht mehr geht, wenn er die Alternative hat zwischen aufgeben und weitermachen, dann ist es eine notwenige Entscheidung zu prüfen, ob ich woanders hingehe. Aber zunächst haben wir alle den Wunsch, diesen Standort wettbewerbsfähig zu halten. Nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus ethischen Motiven.

Man merkt Karoline Beck an, dass sie stolz auf das ist, was sie in den vergangenen Jahren geschafft hat. Bereits während ihres BWL-Studiums hat sie sich selbständig gemacht, dann eine Familie gegründet und das marode Familienunternehmen gekauft, vor dem Konkurs gerettet und wieder flott gemacht. Gerade sind Herbstferien in Berlin. Karoline Beck hat sich ausnahmsweise frei genommen, um mit ihrer elfjährigen Tochter den Tag zu verbringen. Deswegen will sie sich auch zum Interview nicht in der Firma verabreden, sondern im Haus ihrer Mutter.

Beck: Meine Mutter hat mir von Anfang an die Kinder komplett abgenommen. 24 Stunden, nicht nur stundenweise. Anders geht es nicht. Wenn man nicht ein Ganztagsbetreuungsprogramm zusammenstellt, kombiniert aus Schule, Hort und Großeltern, Kindermädchen, dann funktioniert es nicht.

Irgendwie geht es also, als allein erziehende Mutter in der deutschen Wirtschaft Karriere zu machen. Nach Ansicht des Elitenforschers Michael Hartmann sind die mittelständischen Unternehmen in Sachen Frauenquote Vorreiter in der deutschen Wirtschaft und Vorbild für die großen Konzerne. Frauen wie Karoline Beck werden in den kommenden 20 Jahren auch die Aufsichtsräte und Vorstandsetagen der großen DAX-Unternehmen erobern. Doch die soziale Herkunft der Topmanagerinnen von morgen wird sich um keinen Deut von der ihrer männlichen Kollegen unterscheiden: Fast alle werden Unternehmerkinder sein, wie schon ihre Väter und Großväter.

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