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StartseiteEine WeltDie Brennpunkte im Jemen30.10.2010

Die Brennpunkte im Jemen

El Kaida und die Zukunft des Landes

Ein vereitelter Terroranschlag hat den Jemen in das Scheinwerferlicht gezogen. Schon lange gilt das Land als Rückzugsgebiet für El Kaida, und das wird für die Regierung in Sanaa zunehmend zu einem Problem. Jedoch ist sie daran nicht ganz unschuldig.

Von Peter Steffe

Sicherheitskräfte im Jemen (AP)
Sicherheitskräfte im Jemen (AP)

Von Arabia Felix - Glückliches Arabien, wie der Jemen auch genannt wurde, ist nicht mehr viel übrig. Seit 31 Jahren wird der Jemen von Präsident Ali Abdullah Saleh regiert. Ein Mann, der mit seinem autokratischen Führungsstil, das Land an den politischen und wirtschaftlichen Abgrund gebracht hat, so die Einschätzung von politischen Beobachtern. Salehs Regierung ist durchzogen von Vetternwirtschaft, er hat wichtige Posten in Militär und Ministerien an Familienmitglieder vergeben, sie gilt außerdem als korrupt und bestechlich. Macht über das Land hat die Saleh-Regierung nur noch pro forma, in den verschiedenen Provinzen haben schon lange Clanchefs der dort beheimateten Stämme das Sagen. Innenpolitisch konnten sich so in den vergangenen Jahren, nach und nach hochgefährliche Brennpunkte entwickeln, die kaum beherrschbar sind, erklärt Guido Steinberg, Nahostexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin:

"Ein Bürgerkrieg im Norden zwischen der Zentralregierung, Rebellen und separatistische Bestrebungen im Süden plus enorme sozio-ökonomische Probleme,"

… die den Jemen inzwischen zum ärmsten Land in der arabischen Welt gemacht haben. Die Sicherheitslage im Land ist angespannt. Regierungstruppen sind im Norden, in der Unruheprovinz Saada in Kämpfe mit den sogenannten Huthi-Rebellen verwickelt und gebunden. Die schiitischen Kämpfer, die sich von der sunnitischen und zugleich westlich orientieren Zentralregierung in Sanaa, politisch, wirtschaftlich und religiös diskriminiert fühlen, sollen vom Iran mit Waffen versorgt werden, heißt es. Auch seien sie im Libanon von der Hisbollah militärisch ausgebildet worden. Nahostexperten sehen darin eine Art Stellvertreterkrieg zwischen dem Iran und dem Westen. Auch im Süden sind Truppen damit befasst, Separatisten in Schach zu halten, die eine Abspaltung des südlichen Jemens vom Norden anstreben. Zudem gibt es seit Frühjahr 2009 die Terrorgruppe "El Kaida auf der arabischen Halbinsel", wie sie sich nennt. Ein Zusammenschluss von saudischen Extremisten und jemenitischen Kämpfern. Sie haben ihre Basis im Jemen aufgebaut. Verstecke im mit von Gebirgen und Schluchten durchzogenen Jemen gibt es genug. Abdul Al Iryani, Politischer Analyst in Sanaa:

"El Kaida ist im Jemen sehr stark vertreten, hat viele Verstecke im Land und ist verantwortlich für etliche Anschläge. Sie haben versucht die Regierung einzuschüchtern und werden es wieder tun."

Aufgrund der politischen Gegebenheiten und der im Land andauernden Konflikte ist eine Art rechtsfreier Raum entstanden, in dem El Kaida sich bislang weitgehend ungestört bewegen konnte. Khalil Al Anani, Wissenschaftler am Al Ahram Zentrum für politische und strategische Studien in Kairo:

"Die haben zwischen 1.000 und 1.500 Mitglieder, mindestens. Sie haben kein Vakuum sondern regen Zulauf, sie haben Unterstützung von Stämmen im Jemen und auch anderswo, in Somalia zum Beispiel und auch in der Bevölkerung aufgrund schlechter Lebensbedingungen in diesen Ländern. Wenn man von Aktiven El-Kaida-Mitgliedern spricht, dann sind das bis zu 1.500 alleine im Jemen."

Was den Nachschub von Waffen angeht, kann das Terrornetzwerk im Jemen aus dem Vollen schöpfen. Über 50 Millionen Gewehre und Pistolen gibt es nach Schätzungen internationaler Beobachter. Bei einer Bevölkerung von knapp 24 Millionen Menschen. Schon für 500 Dollar kann man sich eine nagelneue Kalaschnikow kaufen, für ein paar Dollar mehr, die passende Munition dazu.

"Waffen zu tragen ist ein Teil der jemenitischen Kultur. Es ist dort normal, verschiedene Waffen zu tragen. Die meisten kann man im Land kaufen, da gibt's jede Menge Läden. Die Sprengstoffe für Bomben, die El Kaida benutzt, werden über den Golf von Aden, aus Somalia beispielsweise und über die Grenze von Saudi Arabien ins Land geschmuggelt."

Noch immer wird der Terror von Privatleuten aus dem Nahen Osten finanziert, die so El Kaida am Leben erhalten, es möglich machen, dass Angst und Schrecken verbreiten werden kann. Weltweit. Stichwort Golf von Aden. Hier sind schwer bewaffnete somalische Piraten in kleinen Booten unterwegs, die Frachtschiffe und Tanker kidnappen, so schon Hunderte Millionen Euro Lösegeld erpresst haben. Somalia, deren Basis auf der anderen Seite des Golfs von Aden ist ein sogenannter gescheiterter Staat, wie es Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik formuliert. Folgt der Jemen? Es hätte verheerende Folgen, so der Nahostexperte:

"Die Vorstellung, dass der Jemen vielleicht in eine längere interne Auseinadersetzung abstürzt, vielleicht als Staat zerfällt, und wir dann eben ähnliche Bedrohungen, möglicherweise von der anderen Seite des Golfes von Aden haben ist tatsächlich eine sehr bedrohliche Aussicht und das müssen sich glaube ich westliche Öffentlichkeiten klarer machen, dass all das, was im Jemen passiert, durchaus auch Einfluss auf die Weltwirtschaft hat und Einfluss auf die regionale Sicherheit."

Und die ist per se schon seit jeher sehr fragil im Nahen Osten:

"Vor allem der große Nachbar Saudi-Arabien, der ja bekanntermaßen über die größten Erdölreserven der Welt verfügt, könnte da auch in einen Abwärtsstrudel geraten, wenn ein so wichtiges Nachbarland schrittweise zerfällt. Das muss man sich immer klarmachen, dass wir schon aufgerufen sind, diesen Entwicklungen möglichst frühzeitig zu begegnen. Und das ist insgesamt schon recht spät."

Alleine mit der militärischen Bekämpfung von El Kaida auf der arabischen Halbinsel ist es nicht getan. Der Jemen muss, und da scheinen sich westliche Politiker einig zu sein, von innen heraus stabilisiert werden. Auch wenn man nur ungern eine korrupte Regierung unterstützt, deren Macht sich im Jemen derzeit alleine nur auf die Hauptstadt Sanaa beschränkt.

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