Corso / Archiv /

 

Die emotionale Apokalypse eines Jugendlichen

Comic-Debüt "Vakuum" von Lucas Jüliger

Von Kai Löffler

Der Hamburger Autor Lucas Jüliger
Der Hamburger Autor Lucas Jüliger (Tillmann Engel)

Die Ängste und Sorgen von Teenagern aus einer ganz eigenen Perspektive schildert der junge Hamburger Autor Lucas Jüliger in seinem Comic "Vakuum". Die Perspektive ist ebenso frisch wie der grafische Stil.

Zwei Toastbrote, akkurat belegt und nebeneinander aufgereiht, daneben eine leere Butterbrottüte. "Damit hatte meine Mutter aufgehört, als ich zehn war", kommentiert der Ich-Erzähler aus dem Off. Er schnürt seine Chucks, verlässt das Haus. Sein Gesicht haben wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen.

"Also, ich würde das jetzt nicht als Versuch, meine Generation festzuhalten oder darzustellen, bezeichnen, auf gar keinen Fall. Also, das ist eine persönliche, sehr persönliche Geschichte, aber natürlich hat da irgendwie auch ein Stück weit meine Generation ihren Weg rein gefunden."

"Vakuum", das Debüt des 24-jährigen Zeichners und Autors Lukas Jüliger, ist aufgebaut wie ein illustriertes Tagebuch. Im Mittelpunkt stehen neben dem namenlosen Ich-Erzähler eine Schulkameradin und sein bester Freund, der sich nach einer katastrophalen Drogenerfahrung mehr und mehr aus der Realität zurückzieht. Der Autor selbst beschreibt den Band als "Coming of Age- und Liebesgeschichte im Schatten der nahenden Apokalypse".

Tatsächlich geht es um das Ende der Welt, aber die vom Autor herbeibeschworene Apokalypse ist nicht zuletzt eine emotionale: Jüliger hat sich für die Geschichte von Erinnerungen an die eigene Schulzeit inspirieren lassen und erzählt von Depression, Angst, Apathie, der Vergewaltigung einer Mitschülerin, dem Selbstmord des Täters -und vor allem Einsamkeit.

"Es heißt nicht umsonst Vakuum. Man kann einem Menschen noch so nah sein und noch so verliebt sein. Und trotzdem, irgendwie, steckt man in seinem Körper und ist doch ein bisschen allein."

Inspiriert hat Jüliger, neben der eigenen Biografie, vor allem die Musik von Bands wie "Tool", "Grizzley Bear" und den New Yorker Noise-Rockern "Liars". Vakuum steht weniger in der Tradition anderer Comics als der des Kinos: Die Geschichte erinnert an Richard Kellys Endzeitdrama "Donnie Darko", und ein fantastisches Element beschwört die sexuell aufgeladene Symbolik David Cronenbergs herauf: Eine rätselhafte, feuchte Körperöffnung im Fußboden, die für die verbotene Frucht stehen könnte, für erste Erfahrungen mit Sex oder Drogen. Die wahre Inspiration dafür behält Jüliger allerdings für sich. Überhaupt ist die Geschichte so persönlich, dass er sich nicht vorstellen konnte, die Arbeit zu teilen. Komplett im Alleingang hat er geschrieben, gezeichnet, getuscht und coloriert.

"Ich wollte, dass es wirklich meine Essenz ist. Ich wollte, dass jeder Strich und jeder Farbton von mir persönlich gewählt und eingefügt ist. Ich lese mir das jetzt durch oder guck mir Seiten an und es ist wie eine Karte von meinem Kopf."

Für diese Entscheidung hat Lukas Jüliger einen hohen Preis gezahlt: Mehr als zwei Jahre hat Jüliger, der sein Illustrationsstudium ausgesetzt hat, Tag und Nacht an Vakuum gearbeitet. Seine emotional aufgeladenen Zeichnungen in Grau- und Pastelltönen haben einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil. Einen Nachfolgeband wird es aber wohl nicht so bald geben.

"Das Medium möchte ich jetzt erst mal eine Weile hinter mir lassen, auch, wenn mein Verlag das wahrscheinlich nicht gerne hört. Aber man ist einfach in so eine Form gepresst über eine echt lange Zeit, in der man zwar auch andere Ideen hat und die auch gerne umsetzen würde, auch in einem anderen Medium, zum Beispiel Malerei und dergleichen, und es einfach nicht kann, weil dieses verdammte Ding noch nicht fertig ist."

Dabei ist das Medium Comic für Jüliger eine perfekte Ausdrucksform. Hier und da stolpert seine Erzählung. Und sprachlich fehlt der letzte Schliff, aber in Vakuum steckt beeindruckend viel Talent und Emotion: Der Band ist ein selbstbewusstes Statement, weitab von Klischees und festgetretenen Pfaden; rätselhaft, beunruhigend, gelegentlich verstörend und vor allem einzigartig.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Corso

Corso Spezial 15 Jahre "Mein Klassiker"

Die Statue von Sherlock Holmes in der Baker Street in London.

"Mein Klassiker ist ..." – diesen Satz hören Sie bei "Corso" jede Woche aus prominenten Mündern. In den vergangenen 15 Jahren haben uns mehr als 700 Schauspieler, Musiker, Künstler, Kabarettisten und andere Persönlichkeiten ihre Klassiker verraten. Am 2. und 3. Januar können Sie viele dieser noch einmal hören: in einem "Corso"-Spezial.

KrawattenGerne auch mit Brandloch und Nieten

Eine Schere setzt zum Schnitt an einer Krawatte an.

Langsam wird es eng mit Geschenken für Weihnachten. Der Notnagel sind Socken und Schlafanzüge. Mit Krawatten würden es die meisten wohl gar nicht erst versuchen. Sie sind so unmodern, dass ein Berliner Modemacher sie jetzt als Szenekleidung anbietet, wie es sie bisher noch nicht gegeben hat.

Corso-Gespräch Der Cartoonist Flix und Dickens Weihnachtsgeschichte

Arthouse-Kino Verliebte Verbeugung vor "La Binoche"

Neue Filme Robin Williams letzte Werke

MedizinShakespeare in der Psychiatrie

Ein roter Theatervorhang

Die Psychiatrie als Ort der Kreativität - im AMEOS-Klinikum Hildesheim spielen die Patienten Shakespeares "Sommernachtstraum". Beim Theaterspielen sollen sie ihre kreative Ader entdecken und neue Fähigkeiten entwickeln. Mit dem Zusatzangebot zur regulären Therapie verfolgen zwei Kulturwissenschaftlerinnen ein ganz bestimmtes Ziel.