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"Die ICANN hat sofort das Bewerbungsverfahren eingestellt"

Warum es Verzögerungen bei der Einführung der neuen Internetnamen gibt

Eine Datenpanne hat das Bewerbungsverfahren für die neuen Adressen in ein schlechtes Licht gestellt.
Eine Datenpanne hat das Bewerbungsverfahren für die neuen Adressen in ein schlechtes Licht gestellt. (picture alliance / dpa - Tim Brakemeier)

Internet.- Die neuen Internet-Adressendungen sollen kommen. Nur wann, das ist die Frage. Gründe für eine mögliche Verzögerung erläutert IT-Journalist Jan Rähm im Gespräch mit Manfred Kloiber.

Manfred Kloiber: Die neuen Top-Level-Domains gehen an den Start. Jan Rähm hat die Informationen zusammengetragen. Mit ihm bin ich in Berlin verbunden. Herr Rähm, geplant war ja eigentlich, dass nächste Woche die Bewerber für die neuen Top-Level-Domains vorgestellt werden. Doch daraus wird nichts, ließ die ICANN vor einigen Tagen verlauten. Was ist der Grund für die Verzögerung?

Jan Rähm: Der Grund für diese Verzögerung ist eine Datenpanne. Die ist in der letzten Woche vorgekommen. Und dabei konnten die Bewerber die Daten anderer Bewerber sehen. Und zwar die ICANN sagt, zu sehen waren der User-Name des Bewerbers und einige der Dateinamen – aber wohl von gelöschten Dateien. Diese sollen an sich selbst nicht zu sehen gewesen sein. Das Ganze war wohl auch nur für eine kurze Zeit, aber die ICANN hat sofort das Bewerbungsverfahren eingestellt. Und das war nur Stunden vor dem regulären Ende. Der Grund für diese Panne ist immer noch nicht klar. Die ICANN hat gestern ein Video veröffentlicht und hat darin gesagt, es war kein Hack, sondern es seien wohl technische Probleme. Aber was genau, ist noch völlig unklar.

Kloiber: Und welche Folgen hat diese Panne für die ICANN und für die Bewerber?

Rähm: Für die ICANN ist es natürlich in erster Hinsicht sehr, sehr unangenehm. Zudem könnte es jetzt Streitigkeiten geben, wenn es Doppelbewerbungen gab. Die ICANN muss dann nämlich nachweisen, dass bei dieser Doppelbewerbung die Entscheidung für einen Bewerber gefallen ist – aufgrund der Tatsachen und nicht, dass die Panne die Ursache war. Andere sind möglicherweise nicht mehr zum Zug gekommen, weil das Verfahren ja eingestellt wurde. Aber die können sich beruhigen. In den nächsten Tagen werden erneut Bewerbungen angenommen. Die ICANN eröffnet dieses Verfahren noch einmal für ein paar Stunden oder Tage. Das passiert aber alles nicht vor dem 27. April. Bis dahin nimmt sich die ICANN Zeit, das System neu hochzufahren.

Kloiber: Es gibt ja nicht nur diese aktuellen Verzögerungen. Auch bis sich die ICANN überhaupt zu den neuen Top-Level-Domains durchgerungen hatte, sind ja etliche Jahre ins Land gezogen. Ein Grund dafür waren heftige Widerstände. Wer war eigentlich gegen diese neuen Änderungen und warum?

Rähm: Also einmal gab es eine ganze Reihe Menschen, die gesagt haben, es braucht doch niemand diese neuen Top-Level-Domains. Wir haben doch schon so viele. Wir haben die Länderdomains und wir haben auch die generischen Top-Level-Domains wie ".com" und ".net". Auf der anderen Seite gab es aber auch wieder Rechteinhaber, die ihre Markenrechte und Namensrechte in Gefahr gesehen haben. Die hatten einerseits Angst vor Domaingrabbing, das heißt, dass jemand eine Top-Level-Domain eines Namens registriert, aber es gar nicht das Unternehmen selber ist oder der Rechteinhaber. Und zum anderen gab es Angst vor Markenstreitigkeiten, dass also jemand eine Domain eröffnet und dass das dann wiederum eine andere Marke beeinträchtigt. Die ICANN will diese Ängste durch das komplexe Bewerbungsverfahren zerstreuen und hat auch eine Schiedsstelle für Markenrechtsstreitigkeiten eingerichtet. Zudem sind die Kosten zur Einrichtung einer solchen Top-Level-Domain nicht unerheblich: 185.000 US-Dollar soll das Ganze kosten. Das ist schon sehr immens. Und dann müssen die Bewerber zusätzlich nachweisen, dass sie in der Lage sind, die TLDs zu betreiben. Da entstehen weitere Kosten. Man schätzt, das sind ungefähr eine halbe Million US-Dollar.

Kloiber: Noch immer sind ja vereinzelte Stimmen zu hören, die sagen, mit den neuen Domains wird es Verwirrung und vor allen Dingen mehr Internetkriminalität geben. Wie beurteilen Sie die Situation?

Rähm: Also ich denke, hier ist die Gefahr nicht ganz so groß. Also die Kostenfrage schreckt auf jeden Fall doch immens ab. Die ICANN hat mir im Interview gesagt: Wer bezahlt einige hunderttausend US-Dollar, um ein paar hundert Dollar irgendwo abzufischen oder sich irgendwelche kriminellen Handlungen zu besorgen? Und sie sagen, das kann also nicht passieren. Es wird aber auch TLDs, also Top-Level-Domains, in anderen Zeichen geben, zum Beispiel in kyrillisch. Und es gibt ein kyrillisches Zeichen, das dem deutschen "a" sehr ähnlich sieht. Daher ist es unter Umständen möglich, dass dann zum Beispiel eine Top-Level-Domain ".bank" mit dem kyrillischen "a" ist. Also das sieht dann dem deutschen "bank" sehr ähnlich, ist aber etwas anderes. Und darüber versuchen dann vielleicht Kriminelle, Daten abzufischen. Aber es sei nicht sehr wahrscheinlich, das sagen ICANN, aber auch zum Beispiel die Denic sehr übereinstimmend.

Kloiber: Sie sagen, die technischen Hürden für den Betrieb der neuen Top-Level-Domains seinen sehr hoch. Wie machen es denn die schon bekannten Antragssteller? Werden diese die technische Umsetzung selbst vornehmen?

Rähm: Nein, so wie es derzeit aussieht, holen sich alle, die hierzulande solche Top-Level-Domains beantragt haben, Unterstützung. Zum Beispiel ".koeln" oder ".cologne" – die greifen zurück auf das Unternehmen der Stadt, NetCologne. ".bayern" und ".nrw" haben sich den Finanzinvestor Topleveldomain-Holdings und dessen Tochterunternehmen gesichert. Die werden also die Domains betreiben. In Hamburg sieht die Lage ein bisschen anders aus. Dort hat eine Initiative um den Hamburger Oliver Süme das Rennen gemacht und wird mit seinem Unternehmen Hamburg Topleveldomain GmbH die Domain betreiben. Und in Berlin ist es halt der Registrar für die at-Domain, der das Ganze dann managen wird.



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