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Die Neuentdeckungen in Cannes

Eine Bilanz der Nebenreihen bei den Filmfestspielen

Von Rüdiger Suchsland

Auch Filme der Nebenreihen hätten durchaus im Hauptwettbewerb laufen können. (FIF)
Auch Filme der Nebenreihen hätten durchaus im Hauptwettbewerb laufen können. (FIF)

Filme wie "Gods Neighours" aus Israel oder "Eine respektable Familie" aus dem Iran zeigten, dass dem Weltkino großartige Neuentdeckungen bevorstehen. Die Nebenreihen haben im Vergleich zu den Vorjahren deutlich an Qualität gewonnen.

Es geht los wie ein Western: Ein Zugüberfall, Pferdewiehern. Aber das Ganze spielt im Jahr 1941, in Indien, das damals noch eine britische Kolonie ist... Es ist eine Räuberbande, die hier einen Zug ausraubt, um Getreidesäcke zu stehlen. In dieser Episode liegt die Initialzündung zu einem Bandenkrieg rund um die bengalische Stadt Wasseypur. Von ihm erzählt der indische Regisseur Anurag Kashyap in seinem Film "Gangs of Wasseypur", einem nicht weniger als fünfstündigen Gangsterspektakel, wie man es lange nicht mehr gesehen hatte, und das längst nicht nur Freunde des Genrekinos begeisterte - sondern einer der gefeiertesten Filme bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes gewesen ist, die morgen Abend zuende gehen. Kashyap schafft mit seinem Film, der in der Nebenreihe Quinzaine Premiere hatte, mit spielerischer Leichtigkeit, was vielen hochtrabend mit Bedeutung hausierenden Filmen im Wettbewerb in diesem Jahr misslang: Er verknüpft künstlerischen Anspruch und Unterhaltung, verbindet politische Relevanz mit einem virtuosen Stil, der den Betrachter immer wieder in Bann zieht, und auch fünf Kinostunden nie langweilig werden lässt.

"Gangs of Wasseypur" ist eine Art indisches Pendant zu Sergio Leones Klassiker "Once upon a time in America" dessen restaurierte, verlängerte Version in der Reihe "Cannes Classics" lief: Im Epos über den Kampf zweier Familien zwischen 1941 und 2011 streift man Dokumente aus 70 Jahren indischer Geschichte und so wird der Film unter der Hand auch zu einer ebenso originellen wie facettenreichen Sozialhistorie des Subkontinents.

Viele der Filme in den unabhängigen Sektionen "Quinzaine des Realisateurs" und "Semaine de la Critique" sind "kleiner" und bescheidener gemacht, als dieser außergewöhnliche, mit 340 Darstellern gedrehte Film. Etwa der chilenische Film "No" von Pablo Larrain, von dem nicht wenige Zuschauer sagten, er hätte eigentlich im Wettbewerb laufen müssen: Immerhin gewann er den Hauptpreis der Quinzaine. Mexikos Weltstar Gael Garcia Bernal spielt in "No" die auf historischen Fakten beruhende Figur eines zunächst unpolitischen jungen sehr talentierten Werbemanagers, der im Jahr 1988, gegen Ende der faschistischen Pinochet-Diktatur vom demokratischen Oppositionsbündnis zum Leiter jener Referendumskampagne gemacht wurde, die Pinochet schließlich zum Rücktritt zwang. Am Beispiel einer Person wird man Zeuge eines politischen Reifeprozesses, der Geburt des politischen Idealismus aus dem Geist der Moral.

Um Moral, zunächst freilich ihre negativen Folgen geht es auch in dem israelischen Film "Gods Neighbours", der am Freitag in der Semaine de la Critique mit den Preisen für die "Beste Regie" wie für "Beste Musik" ausgezeichnet wurde. Regisseur Meni Yaesh erzählt in seinem Debüt von einer Gang junger Männer in der Tel Aviver Vorstadt Bat Yam. Was sie von anderen unterscheidet: Sie sind radiale jüdische Fundamentalisten:

Sie bedrohen wie in dieser Szene Frauen aus der Nachbarschaft, die sich ihrer Ansicht "unzüchtig" kleiden, kleine Ladenbesitzer und säkulare Juden, die sich nicht an die religiösen Sabbat-Vorschriften halten, und schlagen auch schon mal einen Straßenhändler krankenhausreif, der die falschen Filme verkauft. "Gods Neighbours" ist ein Film voller Energie, der einen frischen, ungewohnten Blick auf die Lebensverhältnisse in Israel wirft. Yaesh weckt Verständnis für seine problematischen Hauptfiguren und zeigt trotzdem die wichtigsten Schattenseiten von Religion, nämlich Unduldsamkeit und Intoleranz in ungeschönter Form:

Ähnlich facettenreich war auch das iranische Familiendrama "Eine respektable Familie" von Massoud Bakhshi in der Quinzaine: An der Geschichte eines Re-Emigranten entfaltet der Regisseur das Panorama der iranischen Gesellschaft und erinnert an die Leiden des Iran-Irak-Krieges. Im Vergleich der beiden Nebenreihen, die 2012 beide mit einem neuen Direktor antraten, schnitt die Quinzaine diesmal deutlich besser ab. Hatte vor einem Jahr die Semaine noch die Nase vorn, machte die Quinazine diesmal das verlorene Terrain wieder gut und erneuerte ihre Rolle als Sektion zur Entdeckung der wichtigsten neuen Talente des Weltkinos. Beide Reihen belegten damit ein weiteres Mal, dass Cannes selbst in seinen Nebensektionen das spannendste Festival der Welt bleibt.

"What does Cannes mean for an Indian Filmmaker?" - "For every Filmmaker, it's the Mekka"

Mehr zum Thema bei dradio.de:
Großes Autorenkino und Stars unter Palmen - <br> Heute beginnen in Cannes die 65. Internationalen Filmfestspiele *



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