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Die Unschärfen des Latenzbegriffs

Hans Ulrich Gumbrecht: "Nach 1945: Latenz als Ursprung der Gegenwart", Suhrkamp Verlag

Von Rainer Kühn

Professor Hans Ulrich Gumbrecht von der Stanford University
Professor Hans Ulrich Gumbrecht von der Stanford University (privat)

Auch in seinem neuen Buch propagiert Hans Ulrich Gumbrecht erneut den Mut zur Exzentrik. Mit seinen Thesen wird er sicherlich die Leserschaft wieder in Freund und Feind teilen, denn dieses aus farbstrotzenden Facetten bestehende Kaleidoskop schreckt vor Paradoxien nicht zurück.

"Wir hatten uns alle eine ernstzunehmende Vorlesung erhofft – und jetzt langweilen sie uns stattdessen mit einer albernen Erzählung."

Hans Ulrich Gumbrecht weiß um die polarisierende Wirkung seiner Darstellungen. Er hat schon oft bewundernde Zustimmung erfahren, aber ebenso aggressive Anfeindungen, wie das Zitat zeigt. Auch sein Werk "Nach 1945. Latenz als Ursprung der Gegenwart" rief schon während der Entstehung kontroverse Reaktionen hervor. Eine alberne Erzählung könnten die monieren, die sich eine nüchtern-historische Abhandlung über die Nachkriegszeit erwartet hatten. Wer sich hingegen darauf einlässt, dass es sich bei dem Buch um ein aus farbstrotzenden Facetten bestehendes Kaleidoskop handelt, wird fasziniert sein. Hans Ulrich Gumbrecht resümiert:

"Eigentlich fing es gar nicht mit einem Gedanken, einer Idee an, sondern mit dem unwiderstehlichen Drang, Bilder und Texte aus der Mitte des 20. Jahrhunderts zu betrachten und zu lesen, aus der Zeit, in der ich geboren wurde."

Diesen leidenschaftlichen Drang habe er transformieren müssen, damit er überhaupt die Gestalt eines Buchs annehmen konnte – Hans Ulrich Gumbrecht kokettiert hier mit dem Bild einer Komposition. Bezeichnet er doch seinen Anfang als "Ouvertüre", seinen Schluss als "Coda" und lässt im ersten und zweiten Kapitel folgerichtig das Leitmotiv anklingen: Latenz.

"Die scheinbar ruhigen Nachkriegswelten durchdringt eine Art gewaltsame Nervosität, die uns auf das Vorhandensein einer Latenzsituation schließen lässt."

Dieser Nachkriegsstimmung spürt der Autor in den folgenden drei Kapiteln nach und versucht, extrem vereinfacht gesagt, die Gefühle Heimatlosigkeit, Identitätsverlust sowie den Wunsch nach Geborgenheit zu veranschaulichen. Und das stets mit Rückgriff auf philosophisch-literarische Werke, Bühnenstücke, Filme, Postkarten, Fotos und anderes.
In den letzten beiden Kapiteln wendet sich Hans Ulrich Gumbrecht der Latenz auf andere Weise zu: Zunächst mit dem Fokus darauf, wie diese Stimmung sich global bis in die Gegenwart auswirkt. Und dann mit Blick auf seine eigene Vita:

"Ein guter Freund sagte mir neulich, in meinem Leben habe es viele Überschneidungen zwischen persönlichen Veränderungen und historischen Ereignissen gegeben."

Hans Ulrich Gumbrecht entwickelt keine systematisch-stringente Analyse der Nachkriegszeit. Und er schreckt auch nicht vor Paradoxien zurück. Paradox gesagt, bleibt selbst sein Latenzbegriff latent. Zunächst geht es darum, dass anscheinend etwas Ungreifbares aus der Zeit des Krieges noch präsent ist.

"In der Situation der Latenz sind wir sicher, dass etwas da ist, das wir nicht fassen oder berühren können. Wir können weder sagen, woher wir diese Gewissheit der Präsenz nehmen, noch wo das Latente genau sein soll."

Später aber räumt Hans Ulrich Gumbrecht ein, dass seine Vorstellung vom Auftauchen der Latenz in der Nachkriegszeit dem üblichen Begriffsgebrauch widerspricht, der Latenz mit einer Abwärtsbewegung verbindet.

"Wir können also strenggenommen das, was nach 1945 auftaucht, nicht wirklich als Latenz bezeichnen."

Und nachdem der Autor eine Fülle an Stimmungen und Gefühlen mit Bezug auf Latenz ausgebreitet hat, überrascht er dann den Leser mit der Wendung: Jetzt, am Ende,

"können wir darüber spekulieren, ob es möglicherweise gar nichts gab, das in den Jahren nach 1945 latent blieb."

Das ist weniger absurd, als vielmehr parallel zu dem von Gumbrecht mehrfach zitierten Martin Heidegger gedacht: Bei dessen Zentralstelle in "Sein und Zeit" quält uns auch die existenzielle Angst vor dem Nichts, das, genauer betrachtet, eigentlich gar nichts ist.

Zusätzlich zu den Unschärfen des Latenzbegriffs verschiebt sich auch deren Sinn. Anfangs meint Hans Ulrich Gumbrecht Latenz räumlich – Heimat- und Schutzlosigkeit drängten dazu, den Standort zu verlassen, wegzugehen; was in der Nachkriegszeit aber unmöglich war. Am Ende allerdings verwendet der Autor Latenz mit zeitlicher Perspektive. Die sogenannte historische Zeit sei mittlerweile vorbei, als jeder überzeugt war, seine Zukunft selbstbestimmt gestalten zu können; als man an Fortschritt glaubte und an das Projekt der Moderne. Das sich seitdem herausbildende neue Zeitgefühl, Gumbrecht spricht von einem Chronotopen, ist dagegen durch das ungerichtete bewusstlose Aneinanderreihen von Ereignissen gekennzeichnet. Was den Autor zu der Frage führt:

"Waren die "Latenz" und all die damit verbundenen Qualen ein Effekt der beginnenden Transformation und Substitution des damals herrschenden Chronotopen?"

Aber auch das bleibt, laut Gumbrecht, latent.

Insgesamt gesehen werden im Werk einige zeitgeschichtliche Ereignisse gemäß der populär-tradierten Sichtweise dargestellt, was einer genauen Betrachtung allerdings nicht standhält; wie etwa die angebliche Effektivität der Luftbrücke nach Berlin oder der scheinbare Vorsprung der UdSSR beim Wettlauf ins All. Einige Fehler sind ärgerlich; die Beratungen zum Grundgesetz etwa fanden nicht in Bonn, sondern beim Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee statt. Und auch sprachliche Unzulänglichkeiten führen dazu, dass man diesem offensichtlich mit heißer Nadel gestricktem Werk eine sorgfältigere Bearbeitung gewünscht hätte.

Trotzdem: Allein die sich sofort einstellenden Fragen, die man dem Autor stellen möchte, verdeutlichen, wie sehr das Werk den – aufgeschlossenen – Leser zu beschäftigen vermag: Wie hätte Gumbrecht etwa Helmut Schelskys Studie "Die skeptische Generation" eingeordnet? Warum tauchen nur die Schriften Albert Camus auf, wo der Mensch leer und verzweifelt erscheint, während wir, laut "Mythos des Sisyphos", uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen müssen? Und was unterscheidet Gumbrechts Zeitverständnis von Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte?

Das alles allerdings wird nur die bewegen, die sich auf Gumbrechts Form einlassen. Alle anderen wenden sich mit Grausen ab. Beide werden daher, jeweils aus ihrer speziellen Sichtweise, das Urteil teilen: Das ist ein starkes Stück!

Buchinfos:
Hans Ulrich Gumbrecht: Nach 1945: Latenz als Ursprung der Gegenwart, Suhrkamp Verlag, 355 Seiten, 24,95 Euro, ISBN: 978-3-518-42304-2

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