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Die unschuldigen Opfer der Präzisionswaffen

Der Drohnen-Krieg in Pakistan

Von Kai Küstner

Eine Drohne der US-Luftwaffe vom Typ MQ-9 "Reaper" landet auf einer Basis im Irak.
Eine Drohne der US-Luftwaffe vom Typ MQ-9 "Reaper" landet auf einer Basis im Irak. (US DoD)

Unter der Amtszeit von Barack Obama wurde der Einsatz von Drohnen verfünffacht, um mutmaßliche Terroristen zu bekämpfen. Doch in den letzten Jahren sollen auch Hunderte von Zivilisten im Grenzgebiet Pakistan zu Afghanistan von Drohnen getötet worden sein. Nun hat ein Anwalt in Pakistan den US-Geheimdienst CIA verklagt.

Wie lebenswert ist eigentlich ein Leben in ständiger Angst? Ein Leben, in dem man im Grunde minütlich mit dem plötzlichen Tod rechnet. Ein Leben wie das von Nyamuddin, erst 24 Jahre alt:

"Diese Drohnen-Attacken sollen endlich aufhören, sehen Sie sich an, wie viele unschuldige Kinder dabei getötet werden",

klagt Niyamuddin, der den Preis dafür bezahlt, im berüchtigten Nord-Waziristan aufgewachsen zu sein. Da, wo sich Al-Kaida-Terroristen und Taliban-Kämpfer verstecken. Sein Bruder sei gerade auf der Straße unterwegs gewesen, als die von einer Drohne abgefeuerte Rakete neben ihm einschlug. Er habe dabei ein Bein verloren, zwei kleine Kinder ihr Leben.

Es sind Menschen wie Nyamuddin, denen der in Islambad ansässige Rechtsanwalt Shahzad Akbar eine Stimme zu verleihen sucht. Denn die Opfer von Drohnen-Attacken, sagt er, würden sonst kaum je Gehör finden. Für den US-Geheimdienst CIA ist es das beste denkbare Szenario: Die Opfer seien als Ziele perfekt, weil sie sich ja nirgendwo beschweren könnten, so Anwalt Akbar.

Kaum einmal kommt ein Bewohner der berüchtigten pakistanischen Stammesgebiete in eine der größeren Städte. Kaum einmal wagt sich umgekehrt ein Journalist oder anderer Stimmenverstärker in dieses gesetzlose Territorium. Wenn ich den US-Geheimdienst verklage, sorgt das wenigstens für ein bisschen Aufmerksamkeit, hat sich der Anwalt und Menschenrechtler gedacht - und genau das getan:

"Nehmen wir an, Sie sind aktiver Kämpfer für Al Kaida. Die haben Familien in Waziristan, also gehen sie dahin, um sich auszuruhen. Nach internationalem Recht ist es nicht möglich, diese Person zu töten. Sie können ihn möglicherweise als Kriminellen festnehmen. Deshalb denke ich auch, dass es nach dem 11. September aus US-Sicht das Beste gewesen wäre, gegen Al Kaida als kriminelle Organisation vorzugehen. Eine internationale Polizeieinheit zu formen oder über die Vereinten Nationen zu gehen. Dann wären alle erdenklichen Aktionen – vielleicht sogar die Drohnen – legal gewesen. "

So aber, erklärt Akbar, erfüllten die Drohnen-Angriffe den Tatbestand der außergerichtlichen Tötung. Selbst wenn sie Terroristen treffen. Und das ist ein weiteres Problem: die vielen unschuldigen Opfer. Niemand weiß, wie viele es genau sind. Weltweit – auch in Deutschland - preisen Militärs die Drohnen als Präzisionswaffen. Die Zentimeter-genau treffen und unliebsame Personen ausschalten könnten. Stimmt, sagt der Anwalt, aber die Maschine sei nicht das Problem, sondern die Informationen, mit denen man sie füttere:

"Man versucht uns da etwas vorzumachen: Präzision nützt nur, wenn man das richtige Ziel trifft. Die Informationen über die Ziele werden von Informanten vor Ort gekauft. Und die bekommen nur weiter Geld, wenn sie auch weiter Ziele liefern. Und schlechte Ziele gibt es ja nicht, weil das niemals irgendwelche Konsequenzen hat. Also kann der Informant immer sagen: oh, die Zielperson war gerade noch da, aber sie hat das Gebäude zwei Minuten vor dem Angriff verlassen."

Nun war aber selbst ein Drohnen-Gegner wie Akbar mal ein Befürworter, was beweist: wie so vieles auf der Welt ist auch die Sache mit den Drohnen komplizierter als man zunächst denken könnte. Unbestritten ist, dass die lautlosen Tötungsmaschinen hochrangige Top-Terroristen ausgeschaltet und Al Kaida im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet empfindlich geschwächt haben:

"Vom Sicherheitsaspekt her können Sie sagen: Die Drohnen-Angriffe sind sehr effektiv verglichen mit anderen Militär-Aktionen. In den vergangenen zwei Jahren verzeichnen wir einen 25-Prozentigen Rückgang von Anschlägen in Pakistan. Ein Hauptgrund sind die Drohnen-Angriffe."

So der Chef des Pakistanischen Instituts für Friedensstudien. Und das dürfte auch der Grund sein, warum sich unter dem Friedensnobelpreisträger Barack Obama die Zahl der Angriffe drastisch erhöht hat. Und was wäre denn, fragen Befürworter der chirurgischen Waffe, wenn die pakistanische Armee in Nord-Waziristan einmarschierte? Würde die Zahl der zivilen Opfer sich nicht automatisch vervielfachen?

"Mein Argument ist: Diese Gebiete befinden sich nicht unter der Kontrolle der pakistanischen Regierung. Wenn das so wäre, wäre ich gegen die Drohnen. So aber sagen die Taliban: Schützt uns vor den Drohnen-Angriffen. Aber mischt Euch in diesem Gebiet nicht ein. Das gehört uns. Warum, frage ich, sollte Pakistan die Taliban schützen, die den Staat nicht anerkennen?"

So argumentiert der pakistanische Sicherheitsexperte Hasan Askari Rizvi. Aber, das weiß er selber, mit dieser Meinung ist er eindeutig in der Minderheit in Pakistan.

"Diese Drohnen-Angriffe sind illegal. Sie verstoßen gegen die Menschenrechte."

So der vom ehemaligen Cricket-Weltstar nun zum Politiker mutierte Imran Khan. Der neulich einen Protestzug gegen die Drohnen in Pakistan anführte. Imran Khan, sicher kein religiöser Hardliner, macht dennoch mit seiner Anti-US-Propaganda schon etwas länger Politik in Pakistan. Das Problem: Die Türen, die er nie wirklich einrennen musste, öffnen sich dort in letzter Zeit immer weiter.

"Je mehr ihr mit den Drohnen tötet, umso mehr werden Euch die Menschen hassen", ruft Khan den USA zu. Und selbst Befürworter Rizvi meint: Die Ablehnung liege in Pakistan bei über 90 Prozent. Damit werde die Sache kontra-produktiv. Und Anwalt Akbar findet:

"Wenn eine Person wie ich – mit komplett westlich geprägter Erziehung und Ausbildung – so kritisch gegenüber der US-Politik eingestellt ist, dann ist das alarmierend. Wenn sie gut ausgebildete, liberal eingestellte Menschen haben, die Amerika nicht mögen, dann sollte man sich Sorgen machen. Dann verprellen sie ihre besten Alliierten in diesem Land."

Die Drohnen, vermuten andere, seien eine Ausgeburt der amerikanischen Verzweiflung: Weil die pakistanische Armee nicht genug gegen Terroristen und Taliban unternehme, täten die USA das eben selber. Aber mit Folgen. Mit zivilen Opfern und ungeplanter Hilfe für die Taliban-Propaganda:

"Jede Drohne treibt den Taliban mehr Menschen in die Arme. Verleiht dem, was sie verbreiten, mehr Wahrhaftigkeit. Wenn die Menschen eine Drohnen-Attacke in ihrem eigenen Dorf sehen, wenn die Helfer die Trümmer beiseite räumen, um Menschen zu retten - und dann gibt es noch einen Angriff. Dann denken sie: Oh ja, es ist nicht nur so, dass der Taliban-Mullah sagt, Amerika ist böse – Amerika ist wirklich böse. Guckt Euch an, was die in unserem Dorf getan haben."

Die Amerikaner – so der allgemeine Eindruck - haben den Kampf um die Herzen der Menschen in Pakistan längst aufgegeben, nun versuchen sie wenigstens, den Kampf auf dem Schlachtfeld zu gewinnen.

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