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Die Väter der deutschen Einheit

Gerhard A. Ritter: "Hans-Dietrich Genscher, das Auswärtige Amt und die deutsche Vereinigung", Beck Verlag

Von Peter Carstens

Helmut Kohl war der "Kanzler der Einheit". So sieht er sich selbst, so sehen ihn viele. Wie stark auch andere Politiker, allen voran der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher, zum Erfolg des Einigungsprozesses beigetragen haben, beschreibt der Historiker Gerhard A. Ritter.

Angestoßen von der friedlichen Revolution in der DDR überwanden die Deutschen 1989/90 innerhalb weniger Monate die vierzig Jahre der Teilung. Deutschland löste sich aus alliierter Vormundschaft. Bedenken der Nachbarn wurden zerstreut, die Sowjetunion zum Partner. Schließlich vermochte es die damalige Bundesregierung, das vereinte Deutschland unter das sichere Dach von NATO und Europäischer Union zu führen. Fast überlebensgroß erscheinen Helmut Kohls Verdienste auf diesem Weg. Er selbst hat nichts unterlassen, sie zu überhöhen. Bereits 1998 ließ Kohl Hunderte Aktenseiten aus dem Kanzleramt publizieren, Erinnerungen seiner Mitarbeiter und Kohls eigene Memoiren prägen die historische Überlieferung. Die Leistungen seiner Kabinettskollegen seien dabei unterbelichtet worden. Das findet der Berliner Historiker Gerhard A. Ritter, der sich monatelang durch die Aktenbestände des Auswärtigen Amtes gearbeitet hat. Ritter sagt über Helmut Kohl:

"Er ist schon der wichtigste Akteur, aber keineswegs der einzige. Wie ich in dem Buch versuche darzustellen, ist für die Sozialpolitik Blüm entscheidend gewesen, ist für den Einigungsvertrag, das Zusammenführen der beiden deutschen Staaten Schäuble entscheidend gewesen, für die Finanzpolitik ganz stark Waigel, und eben für die Außenpolitik hat neben Kohl und durchaus auch auf gleicher Ebene der Außenminister Hans-Dietrich-Genscher eine ganz entscheidende Rolle gespielt."

Das zu belegen und damit eine Korrektur des gängigen Geschichtsbildes zu bewirken, hat der dreiundachtzig Jahre alte Historiker sich vorgenommen. Zu Anfang seiner Darstellung skizziert er die weltpolitische Kulisse, vor der sich die späteren Ereignisse zutrugen. Dabei lenkt er den Blick auf die Sowjetunion unter Gorbatschow. In Moskau, das war klar, lag der Schlüssel zur Einheit. Und ausgerechnet dort hatte Helmut Kohl Mitte der 80er-Jahre eine Art Hausverbot. Sein Verhältnis zu Michail Gorbatschow war schlecht. Wegen der NATO-Nachrüstung und ganz besonders, weil der deutsche Bundeskanzler die Perestroika-Offensive Gorbatschows mit der Propaganda eines Joseph Goebbels verglichen hatte. Genscher sei es gelungen, meint Ritter, ab Sommer 1986 in Gesprächen mit Gorbatschow und Außenminister Schewardnadse die Verhärtungen allmählich aufzuweichen. Er schuf so die Vertrauensgrundlagen für die späteren Verhandlungen. Auch im Prozess der Vereinigung kam es auf diese Vermittlerrolle Genschers entscheidend an. Etwa als Kohl, überraschend und ohne Genschers Wissen, im Dezember 1989 einen Zehn-Punkte-Katalog vorstellte, der als sein persönlicher Fahrplan zur Einheit gelesen werden konnte. Kohl legte vor, aber auf Genscher kam es an. Denn, so sagt der Berliner Historiker Ritter:

"Erstens hat er Dinge ausgebügelt, in denen Kohl auf Widerstände stieß. Die berühmten zehn Punkte haben ja zunächst große Irritationen in Frankreich, in England, in der Sowjetunion ausgelöst, und Genscher ist es gelungen, diese Irritationen zurückzuführen und den Gesprächsfaden aufrechtzuerhalten. Zweitens hat er Ideen entwickelt, wie die Dinge gelöst werden können. Und drittens hat er es verstanden, sowohl zu Gorbatschow schon in der frühen Zeit, als Kohl dort auf ganz starkes Misstrauen stieß, unter anderem wegen seinem Vergleich von Gorbatschow mit Goebbels. Da also sozusagen den Gesprächsfaden mit Gorbatschow, mit der Sowjetunion aufrechtzuerhalten und dann ein ganz enges Vertrauensverhältnis zu Schewardnadse zu schaffen, das der deutschen Politik sehr zugutegekommen ist."

Sehr zugutekam der Deutschlandpolitik auch, schreibt Ritter in seiner kurzen und prägnanten Studie, dass die Bundesregierung mit dem Auswärtigen Amt über eine hochprofessionelle Diplomatie verfügte. Die Richtungen der Verhandlungen wurden von der Politik gewiesen. Doch die Rolle, die dabei das Auswärtige Amt und seine Mitarbeiter spielten, sei größer, als das bisher oft dargestellt werde:

"Das begründe ich damit, dass doch ganz, ganz viel auf der technischen Ebene gelaufen ist. Also die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen, die ja die entscheidenden Voraussetzungen für die internationale Absicherung der Einheit waren, sind ganz wesentlich vom Auswärtigen Amt und dort vom Leiter der politischen Abteilung, Dieter Kastrup, gestaltet worden."

Ritter zeichnet diese prägende Rolle des Auswärtigen Amtes anhand von Akten nach, die im vorletzten Jahr freigegeben worden sind. Das geschah, wie schon bei den Akten des Kanzleramtes, weit vor Ablauf der gesetzlichen Freigabefristen. Das Amt wollte, so glaubt Ritter, durchaus aktiv an der Korrektur eines einseitig auf Kohl gerichteten Geschichtsbildes mitwirken.

"Ja, das kann man durchaus vermuten. Ebenso gerieten sie unter Zugzwang durch die sehr gute, sehr kompetente, professionelle Veröffentlichung der englischen Akten zur deutschen Einheit, die natürlich einen ganz eindeutigen, politischen Hintergrund hatte. Also man wollte das negative Bild der englischen Haltung zur deutschen Einheit, das Mrs. Thatcher als Premierminister vermittelt hat, die ja keinen Hehl aus ihrer Ablehnung machte, auch öffentlich nicht, korrigieren durch Hinweise auf die sehr viel moderatere Haltung des Außenministers und des führenden Beamten des Foreign Office und auch der Botschafter. Und das hat andere in Zugzwang gebracht."

Gerhard A. Ritter beschreibt den Verlauf der komplizierten Verhandlungen und ihrer für Deutschland überraschend erfolgreichen Abschlüsse in vier Kapiteln entlang der Chronologie der Ereignisse. Seine Sprache ist dabei nüchtern-sachlich, stets an dem orientiert, was die Akten berichten. Auf anekdotische Elemente verzichtet er dabei weitgehend. Er findet die Ereignisse selbst so spannend, dass schmückendes Beiwerk aus der Memoirenliteratur und Erinnerungsinterviews eher der Verklärung als der Tatsachensortierung dienen würden. Sein Buch bietet auf diese Weise einen knappen, bestens informierten und urteilssicheren Überblick über die stürmischen Ereignisse von 1989 und 1990. Die Geschichte der deutschen Einheit muss nach der Lektüre nicht umgeschrieben werden. Aber Ritter fügt dem gängigen Bild einige beachtenswerte Nuancen hinzu.

Gerhard A. Ritter: "Hans-Dietrich Genscher, das Auswärtige Amt und die deutsche Vereinigung"
Beck Verlag, 263 Seiten, 26,95 Euro
ISBN: 978-3-406-64495-5



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