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Dienstleister in der juristischen Grauzone

Dem Ghostwriter über die Schulter geschaut

Von Torsten Thierbach

Nicht jeder Student verfasst seine Abschlussarbeit selbst.
Nicht jeder Student verfasst seine Abschlussarbeit selbst. (AP)

"Wissenschaftliche Orientierungstexte" nennt er das, was er für seine studentische Klientel produziert. Er gehört zu einer Zunft, deren Dienste an den Unis immer öfter gefragt sind: Ghostwriter. Vier Abschlussarbeiten hat er bereits verfasst. Über das Honorar, das in Teilzahlungen nach Übergabe der fertigen Kapitel gezahlt wird, schweigt er lieber.

Benjamin Saalfeld, Ghostwriter: "Ich nehme mir da ein bekanntes Magazin aus dem jeweiligen Fachbereich des potenziellen Kunden, sag ich mal. So als Erkennungszeichen -unauffällig aber eindeutig."

Benjamin Saalfeld sitzt hinter einer Zeitschrift für Psychologie in einem belebten Cafe in der Münchner Innenstadt. Er gehört zu jener Zunft, deren Dienste an den Unis immer öfter gefragt sind: Ghostwriter.

Der 34-Jährige rührt gelassen seinen Latte Macchiato, beobachtet die hereinströmenden Studenten. Der bärtige Turnschuhträger fällt kaum auf. Vor drei Jahren noch war er selbst einer von ihnen, allerdings mit seinem richtigen Namen an der LMU eingeschrieben:

"Ich habe 2009 meinen Abschluss in Kommunikationswissenschaften gemacht. Die Masterarbeit ist mir recht leicht gefallen. Und es hat mir damals schon Spaß gemacht, mir eine Aufgabenstellung zu geben und sie von vorn bis hinten wissenschaftlich zu bearbeiten: die Recherche, in Büchern und Aufsätzen nachzulesen, Zitate zusammen zutragen. Und dafür gab's dann am Ende auch ne eins vorm Komma. Da hatte sich auch die Mühe richtig gelohnt."

Nach dem Uni-Abschluss wechselte Benjamin Saalfeld in die Werbebranche, schreibt seitdem Texte für Anzeigekunden, war schon an der Entwicklung von gut dotierten Werbekampagnen beteiligt.

Beim Treffen mit ehemaligen Kommilitonen vor drei Jahren, fiel der Begriff "Ghostwriter" zum ersten Mal:

"Ja, ich erinnerte ich mich, wie wir an der Uni hin und wieder Gruppenarbeiten abliefern mussten. Übers Semester hinweg klinkten sich dann aber immer mehr und mehr Leute aus und ich gehörte zu den letzten, die sich um das Projekt gekümmert haben und auch dann die Belegarbeit geschrieben haben. Das Phänomen ist ja nicht neu. Naja, die Note aber bekamen auch die anderen, die gar nichts gemacht hatten. Der Gipfel war: einer von denen hat die Hausarbeit später an eine Internetseite verkauft, wo man sich so Arbeiten zu verschiedensten Themen runterladen kann. Der bekam also Geld für eine Arbeit die zum Großteil von mir stammte. Da war ich also schon unfreiwillig – ja -Ghostwriter."

Die Liebe zu einer Kommunikationswissenschafts-Studentin ließ Benjamin Saalfeld schließlich auch vorsätzlich zum Ghostwriter werden:

"Ich hatte anfangs nur einige Textpassagen ihrer Abschlussarbeit verfasst, ihre Teile überarbeitet und beide stilistisch auf eine Linie gebracht. Ich hatte Literatur besorgt und in meinen eigenen Aufzeichnungen geblättert. Am Ende waren aber nur das Deckblatt und die Einleitung von ihr, der Rest stammte von mir."

Welche Gegenleistung Benjamin für seine wissenschaftliche Dienste bekommen hat, will er nicht verraten. Einen Nachfolgeauftrag im Wert von 3500 Euro kam schon kurz darauf, auf Empfehlung. Der neue Mandant plagte sich im artverwandten Fach Medienwirtschaft:

"Der war schon im Familienunternehmen eingebunden und hatte die Abschlussarbeit immer wieder vor sich hergeschoben. Das Thema stand ganz grob fest. Damit hatte ich mich auch schon mal in meinem Studium am Rande beschäftigt. Wir haben es dann in dieser Richtung weiterentwickelt. Naja, dann hab ich Literatur besorgt, alles was ich an Unterlagen kriegen konnte, was er an Aufzeichnungen hatte. Und dann hab ich mich hingesetzt, zwei Monate fast jeden Tag geschrieben. Am Ende hab ich's auf eine CD gebrannt und sozusagen ausgeliefert. Bewertet wurde sie glaub ich mit 2,3, jedenfalls war's besser als 3."

Inzwischen hat er schon vier wissenschaftliche Abschlussarbeiten verfasst.

Gewissenskonflikte habe er dabei nie gehabt, behauptet Benjamin Saalfeld. In der juristischen Grauzone zu arbeiten, ist aber nicht ohne Risiko: deshalb gibt's jede Woche einen fertigen Teil der Arbeit für eine vereinbarte Summe. Aber einige Voraussetzungen müssen stimmen, damit sich der Ghostwriter überhaupt ans Werk macht:

"Derjenige muss schon einen gewissen wissenschaftlichen Ausdruckstil beherrschen, das Thema muss er natürlich schon ein wenig kennen. Ich brauch ja auch inhaltliche Anhaltspunkte, wo es in etwa hingehen soll. Aber im Grunde ist es kaum möglich herauszufinden, von wem die Arbeit letztendlich wirklich stammt. Wichtig ist, dass der Ausdrucksstil eine glaubhafte, einheitliche Linie hat."

Und weil er sich der Beihilfe zum Betrug schuldig machen würde, nennt Benjamin Saalfeld seine Arbeiten vorsichtshalber "wissenschaftliche Orientierungstexte", natürlich ohne jede Garantie für Qualität, Vollständigkeit und korrekte Zitierweise.

In diesem Moment tritt eine – vielleicht Ende-20-Jährige an den Tisch von Benjamin Saalfeld. Eine Psychologie-Studentin im 12. Fachsemester, wie sich herausstellt. Die junge Frau, die ihre eigene Stimme keineswegs im Radio hören will, streicht sich etwas verlegen das Haar aus dem Gesicht:

Sabine L., Klientin: "Ich bin jetzt immerhin schon im zwölften Semester, ja im Zwölften. Und ich hab einfach gar keine Zeit das Ding fertig zu machen, weil ich schon länger jetzt im Medienbereich arbeite, hab da lange Tage. Und man kommt da auch einfach aus dem wissenschaftlichen Arbeiten raus. Ich mach jetzt was ganz anderes und so hat sich das ergeben."

Hat sie denn gar keine Skrupel, sich mit der Arbeit eines Ghostwriters, den Abschluss zu erkaufen? Doch das überhört die zierliche Frau mit der markanten dunklen Brille:

Sabine L., Klientin: "Meine Eltern haben mir das komplette Studium finanziert. Und jetzt ist es natürlich ein bisschen blöd diesen Abschluss nicht zu machen. Also da fühl ich mich jetzt schon verpflichtet. Und ich betrüg ja nicht im eigentlichen Sinne, ich hab das Fach ja studiert, ich kenn mich ja eigentlich aus. Ich sehe das mehr als Unterstützung, um da noch fertig zu werden mit diesem Studium eben. Und ja, jetzt bin ich eben hier, um zu sehen, ob man da irgendwie ins Geschäft kommt."



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