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Diffamierung von Minderheiten in der Türkei

Das Projekt Nefretsöylemi.org engagiert sich gegen Diskriminierung in türkischen Medien

Von Luise Sammann

Kreuz über dem Eingang einer Kirche in Kappadokien, Türkei
Kreuz über dem Eingang einer Kirche in Kappadokien, Türkei (Deutschlandradio - Janine Wergin)

Mal mehr, mal weniger direkt werden all jene, die nicht der sunnitisch-türkischen Mehrheit angehören, in oft kleinen Nebensätzen, Bildunterschriften oder Fernsehkommentaren abgelehnt. Die Initiatoren von Nefretsöylemi.org machen auf diesen Missstand aufmerksam.

"Sie verstecken Bomben in Spielzeugen und werfen sie in den Grenzfluss zu Aserbaidschan. So töten sie dort die Kinder, die denken, sie hätten ein Spielzeug gefunden. Dutzende Scharfschützen erschießen außerdem Kinder und Frauen. (…) So sind sie, die Armenier und auch die Griechen, liebe Leser. Ohne Gehirn, ohne Moral, ohne Herz…"

Der Journalist der türkischen Tageszeitung "Günes" betreibt nicht unbedingt das, was man ausgewogenen Journalismus nennt. Nein, wenn es um religiöse Minderheiten geht, dann nehmen er und viele seiner Kollegen kein Blatt vor den Mund.

"Solche Worte sind hier immer noch salonfähig", seufzt Nuran Gelisli während sie durch eine ganze Sammlung von Artikeln blättert.

"Hier: 'Die Türkei wird christlich!' Dieser Titel steht über einem Artikel zur Wiedereröffnung der Kirche von Akhdamar vor zwei Jahren. Die Christen in der Türkei werden da als Bedrohung dargestellt. Wir sammeln viele, viele solcher Beispiele auf unserer Seite und in unseren Berichten."

Nuran Gelisli blättert weiter und weiter. Hunderte, nein tausende Artikel dieser Art hat sie in den letzten Jahren ausgewertet. Gemeinsam mit ihren Kollegen analysiert sie Woche für Woche knapp 20 lokale und nationale türkische Zeitungen, sucht nach rassistischen, diskriminierenden, Minderheiten verachtenden Ausdrücken. Mal geht es um Schwule, mal um Behinderte, mal um Kurden – meist aber um Christen oder Juden. Ihre Ergebnisse veröffentlichen sie im Internet unter nefretsöylemi.org – was soviel heißt wie Hassworte.org – und in einem vierteljährlichen Bericht. Dessen neuestes Exemplar hält Nurans junge Kollegin Melisa beinahe in die Luft.

"Dieser Bericht enthält die Monate Januar bis April diesen Jahres. In diesen vier Monaten werden die Armenier in der Türkei besonders stark angegriffen, weil in dieser Zeit die Erinnerung an den Mord an Hrant Dink stattfindet."

Es gibt nicht wenige in der Türkei, die glauben, dass es die hasserfüllten Medienberichte gegen Hrant Dink waren, die 2007 schließlich dazu führten, dass der armenische Journalist in Istanbul auf offener Straße erschossen wurde. Sein Tod gab zugleich den Startschuss für das Projekt Nefretsöylemi. "Wir wollten aufrütteln", erklärt Nuran Gelisli. Nicht nur die aktiven Nationalisten, sondern auch die vielen Millionen Leser, die die mal mehr, mal weniger diskriminierenden Artikel jeden Tag wie selbstverständlich lesen.

"Das Hauptargument der Nationalisten ist: Wir haben keine Verbündeten außer uns selbst. Und ihr erstes Ziel sind immer die Minderheiten, die Nicht-Muslime. Sie gelten als ungläubig, ruchlos, verräterisch, als das Messer in unserem Rücken, als die, die uns unser Land wegnehmen wollen."

Nurans christlich-armenische Kollegin Melisa nickt zustimmend. Immer wieder hat sie dieses Misstrauen als einzige Christin in ihrer Schulklasse erfahren. Zuletzt während der Diskussion um die illegalen Armenier, die oft als Bauarbeiter oder billige Putzfrauen in die florierende Türkei kommen.

"Da habe ich gespürt, wie sehr auch wir türkischen Armenier als Gefahr gelten. In den Medien stand, was die Politiker über die illegalen Armenier sagten, nach dem Motto: Wir können die alle rausschmeißen. Danach fragten meine Mitschüler: Reden die da über dich? Und nachdem wir eine Weile diskutiert hatten, meinte einer nur: Wenn du so unglücklich bist, dann geh doch nach Armenien!"

Melissa ist in der Türkei geboren, genau wie schon ihre Eltern und Großeltern. Sie ist Türkin – für die Nationalisten im Land aber dennoch eine Fremde. Kein Zufall also, dass es vor allem nationalistische, konservative Zeitungen mit ihren Artikeln in die vierteljährlichen Berichte von Nefretsöylemi schaffen. Immer wieder sind es sogar die gleichen Kolumnisten. Keiner stoppt sie – die Gesetze zum Minderheitenschutz dienen in der Türkei oft eher dazu, die Mehrheit zu schützen. Doch bei Stichwort Gesetz winkt Nuran Gelisli ohnehin ab.

"Dieses Problem lässt sich sowieso nicht mit Gesetzen lösen. Hier geht es um die Herzen! Man muss sie entblößen: Du hast an dieser Stelle diesen und jenen Hass verbreitet – und diese Person ist deswegen gestorben. Du hast dies und das geschrieben – und deswegen musste eine ganze Nachbarschaft emigrieren. Wie wirst du mit dieser Last leben?"

Es geht darum, aufzurütteln, Nuran greift ein Exemplar des letzten Berichts von einem Stapel. Die Ergebnisse ihrer Analysen vervielfältigen sie und ihre Kollegen, senden sie an die Chefredakteure der ausgewerteten Zeitungen, an Nichtregierungsorganisationen und Journalistenverbände. Was sonst in der Fülle der Zeitungsseiten oder als kleine Bildunterschrift untergeht, sollen so möglichst viele sehen. Und tatsächlich, die Strategie scheint aufzugehen.

"Ja, wir sehen ganz klare Veränderungen. Die oft sehr grobe Ausdrucksweise ist feiner geworden. Die Anschuldigungen klingen jetzt eher zwischen den Zeilen mit. Und auch wenn sie weiter gehen: Die Leser reagieren jetzt. Sie sagen: Das verletzt mich oder das beleidigt mich."

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