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StartseiteComputer und KommunikationDigitales Logbuch: Lichtenfels20.07.2013

Digitales Logbuch: Lichtenfels

Heute waren wir mit den Kindern in Lichtenfels. Der Flug dahin war günstiger als nach Degerloch und sogar als nach Neuruppin. Das sind die drei historischen Zentren für digitale Kommunikation in Deutschland.

Von Maximilian Schönherr

"Schaut, Kinder, so sieht das aus, wenn jemand surft." (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
"Schaut, Kinder, so sieht das aus, wenn jemand surft." (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

Auf dem kurzen Flug bot sich unter uns das übliche wunderbare Bild: wandernde und radfahrende Ströme von Menschen. Ganz Deutschland ist unterwegs, es nimmt immer noch zu. Und, liebe Kinder, ihr lernt das bald auch in der Schule: Wisst ihr eigentlich, wie das kommt, dass alle wandern und von einem Ort zum anderen ziehen?

Natürlich wussten es die Kinder nicht, denn sie wandern ja selbst, seit sie denken können. Sie kennen es nicht anders. Als wir vom Flugfeld im Gewerbegebiet die verlassene Kronacher Straße entlanggingen, fragten die Kinder:

"Wo sind die Menschen?"

Da zum Beispiel, im Meranier-Gymnasium, guckt mal in die Fenster rein, da sitzen Menschen drin und lernen "Informatik". Früher, liebe Kinder, gab es auch bei uns zu Hause Schulen, wo man in Häuser wie dieses hineinging.

"Wie langweilig", sagten die Kinder, die es natürlich gewohnt waren, unterwegs unterrichtet zu werden, zwischen Aachen und Krefeld, oder auch mal zwischen Tübingen und Füssen.

"Wo sind die anderen Menschen von Sonnenfels?", fragten die Kinder.

"Lichtenfels" heißt dieses Museum der digitalen Vergangenheit. Die Menschen sitzen in ihren Wohnungen und werden bitterböse, wenn wir klingeln und sie stören. Sie surfen im Internet oder spielen online, chatten, schreiben E-Mails.

"Wozu das denn?", fragten die Kinder.

Eine lange Geschichte, die ich ihnen im Café am Marktplatz erklärte, wo groß darüber stand "WLAN kostenlos": Es gab einmal eine Zeit, Kinder, da surften alle, jeder für sich, im Internet herum, und die Geheimdienste griffen alles bequem ab. Bis ein Minister aus der Gegend hier im Bundestag meinte, wer das Überwachen seiner Kommunikation schlimm findet und seine Privatsphäre schützen will, soll sich gefälligst selbst drum kümmern.

Deswegen fingen die Menschen an, ihre E-Mails auszudrucken und sich selber auf den Weg zum Empfänger zu machen.

"Zu Fuß?", fragten die Kinder.

Anfangs mit dem Auto, Kinder. Natürlich gab’s dann nur noch Staus, weil zum Beispiel auch die Internethändler, die es damals noch gab, ihre Bücher persönlich zu den Kunden fuhren. Seit die Autos abgeschafft sind, wandert Deutschland.

So blickten wir in die vergangenen Zeiten und schlürften den Kakao, den wir uns aus dem Automaten in dem Café selber holen mussten, weil die Inhaberin hinter der Theke in sich versunken – schaut, Kinder, so sieht das aus, wenn jemand surft – im Internet surfte.

"Cool", sagten die Kinder. "Und wurde der Minister hingerichtet?"

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