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StartseiteComputer und KommunikationDigitales Logbuch: Nachbars Leibgerücht21.04.2012

Digitales Logbuch: Nachbars Leibgerücht

Wie die neugierige Frau Gaffke von gegenüber wirklich hieß, weiß ich nicht. Wir tauften sie Gaffke, weil sie ständig aus dem Fenster gaffte. Sie schob sogar noch nachts um drei ihre Gardine zur Seite, um aufzuschreiben, wer wann mit wem aus welchem Auto stieg.

Von Wolfgang Noelke

"Stundenlang lauerte Frau Gaffke im dunklen Zimmer darauf, dass jemand von Gegenüber vergaß, die Gardinen zu schließen." (Stock.XCHNG / Nicole McDaniel)
"Stundenlang lauerte Frau Gaffke im dunklen Zimmer darauf, dass jemand von Gegenüber vergaß, die Gardinen zu schließen." (Stock.XCHNG / Nicole McDaniel)

Jeder Tatort-Kommissar hätte seine Freude gehabt, an Frau Gaffkes minutiös detaillierten Aufzeichnungen. Doch niemals geschah etwas, was einen Tatort- Kommissar hätte interessieren können. Frau Gaffke war der festen Meinung, dass nur ihre unstillbare Neugier Diebe und Mörder fernhielt.

Der einzige Täter, der durch Frau Gaffkes eng beschriebene Tagebücher überführt werden konnte, war der unglückliche Schütze eines, in ein Kellerfenster verirrten Fußballs. Stundenlang lauerte Frau Gaffke im dunklen Zimmer darauf, dass jemand von Gegenüber vergaß, die Gardinen zu schließen. Als Konsequenz erfuhr, - wer wollte - am nächsten Morgen im Bäckerladen – selbstverständlich unter größter Vertraulichkeit - was in jenem beleuchteten Zimmer geschah. Vom Bäcker wanderte die Nachricht über den Gemüseladen bis zur Postfiliale, angereichert mit diversen Zusatzinformationen. Zum Beispiel, dass "das Fräulein" aus dem Haus Nummer 8 schon zwei Wochen lang einen Freund hätte. Die Dusche liefe immer so ungewöhnlich lange. Statt zwei Brötchen würde sie jetzt vier kaufen – "Mohnbrötchen! Macht sie sonst nie!".

Die allgegenwärtige, allwissende und in der Nachbarschaft stets gefürchtete Frau Gaffke ist schon lange tot. Ihre wohl 100 Bände umfassende handgeschriebene Vorratsdatensammlung lag mehrere Wochen auf der Straße. Auch Bäcker, Gemüseladen und Postfiliale sind inzwischen dicht und als Klatschbörse überflüssig.

Frau Gaffkes einstige Opfer füttern die Gerüchteküche jetzt freiwillig per foursquare, Payback- und Online- Fahrkarten. Bald petzen auch Smartmeter, wie lange Licht brennt und geduscht wird. Fehlt nur noch die Taschenkontrolle beim Schutzmann an der Ecke, um aus Online-, Telefon-, SWIFT-, und Fluggastdaten viele schöne neue Gerüchte zu basteln. Und wie damals Frau Gaffke, glauben auch Frau Gaffkes Erben heute schon, dass nur teuer bezahlte, unstillbare Neugier Diebe und Mörder fernhält.

Vielleicht verirrt sich ja wenigstens mal wieder ein Fußball...

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