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StartseiteCampus & KarriereDokumente des Schreckens04.12.2006

Dokumente des Schreckens

Freie Universität ermöglicht Zugriff auf Zeitzeugen-Aussagen zum Holocaust

Als erste Hochschule außerhalb der USA ermöglicht die Freie Universität Berlin den direkten Zugang zu dem Archiv der Shoah Foundation, das als größtes historisches Videoarchiv weltweit gilt. Es umfasst etwa 52.000 Interviews, in denen Überlebende des Holocaust über die Zeit des Nationalsozialismus erzählen.

Von Christoph Richter

Das Konzentrationslager Auschwitz. (AP Archiv)
Das Konzentrationslager Auschwitz. (AP Archiv)

Fragt uns und hört uns zu, wir sind die letzten, die Euch erzählen können, was damals in Deutschland zwischen 1933 und 1945 passiert ist, so ungefähr könnte man das Projekt des Videoarchivs Shoa Foundation umschreiben. Auch Jochanan, der mit vollem Namen hier nicht genannt werden will, erzählt von dieser Zeit.

"Bin der letzte Überlebende der Familie. Wir haben 27 Opfer zu beklagen, davon 14 in Auschwitz und 8 in Teresienstadt. Und nur meine Eltern und ich haben überlebt. Und wenn niemand mehr lebt, ist das eine besondere Verantwortung für mich, die Erinnerung wach zu halten, und das mache ich ganz bewusst für die Spielberg-, die Shoah Foundation."

Das weltgrößte Zeitzeugenarchiv. Es umfasst etwa 52.000 Interviews, in denen Überlebende des Holocaust in zirka zweieinhalbstündigen Interviews über die damalige Zeit erzählen. Insgesamt gibt es Filmmaterial von 120.000 Stunden. Das bedeutet: Würde man sich alle Videos anschauen, bräuchte man sieben Jahre. Tag und Nacht. Bisher hatte man nur an der University of South California Zugang zu diesem Archiv, seit heute auch an der Freien Universität in Berlin, und damit nicht nur erstmalig in Deutschland, sondern auch in Europa.

Politologin Verena Nägel, eine 33-jährige Doktorandin der FU, ist eine der Ersten die mit dem Archiv arbeitet, und ist berührt vom Umfang und der Qualität des verfilmten Materials:

"Ich finde die sind sehr bewegend. Es ist zum Teil sehr unterschiedlich, wie Menschen unterschiedlich sind, da erzählen sie unterschiedlich. Ich habe hier zwei Tage lang gesessen, weil ich gedacht habe, ich muss aufhören, weil ich in so einem Großraumbüro gesessen habe und die ganze Zeit geheult habe."

Die Geschichte des Archivs beginnt bereits vor 13 Jahren. Damals dreht der amerikanische Regisseur Steven Spielberg den Film "Schindlers Liste". Der Film bewegt die Menschen auf der ganzen Welt, bekommt einen Oscar, und Spielberg, der selbst jüdische Wurzeln hat, gründet die Shoah Visual History Foundation, eine Stiftung deren Ziel es ist, die Schilderungen von Überlebenden zu filmen, um die persönlichen Erinnerungen und individuellen Lebenswege für nachfolgende Generationen zu erhalten und zu überbringen.

"Es traf mich wie aus heiterem Himmel. Man müsste eine Stiftung gründen, die Gelder sammelt, um überall in der Welt Videointerviews durchführen zu könne, um so den Holocaust zu dokumentieren, bevor es zu spät ist, bevor die überlebenden Zeitzeugen nicht mehr unter uns sind","

erzählt Steven Spielberg.

Nach der kompletten Digitalisierung und Verschlagwortung des 120.000 Stunden langen Videomaterials wurde Spielbergs Organisation Teil der University of South California.

Das Videoarchiv funktioniert wie eine Bibliothek: 3000 Filme liegen im Regal, das heißt ,sie sind auf einem Server in Berlin abgespeichert, und kann der Interessierte sich sofort anschauen, ohne dass die Filme lange auf den Rechner geladen werden müssen - alles in bester Qualität, ohne Ruckeln und Flimmern. Die Freihandbibliothek gewissermaßen.

Sucht man allerdings einen Film, der nicht in Berlin zu finden ist, muss man ihn im Archiv bestellen. Das befindet sich im 15.000 Kilometer entfernten Los Angeles, in der University of South California, dem Hauptsitz des Archivs. Doch innerhalb von 48 Stunden wird der Film nach Berlin geschickt und kann dann gesichtet werden, versprechen die Organisatoren.

Allerdings, und das ist ein kleiner Wermutstropfen, dürfen sich nur diejenigen die Filme des Videoarchivs der Shoah Foundation ansehen, die die entsprechenden Zugriffsrechte in das FU-Netz haben. Im Klartext: Man muss dort studieren oder arbeiten. Alle anderen müssen sich erst registrieren lassen und anschließend nach Berlin fahren. Denn nur vor Ort darf man sich die Zeitzeugeninterviews anschauen.

Das wird einerseits mit dem Copyright des Archivs erklärt und andererseits damit, dass die Zeitzeugen nur der Shoah Foundation ihr Einverständnis zur Veröffentlichung ihrer Erlebnisse und Erfahrungen gegeben haben. Dazu FU-Präsident Dieter Lenzen:

""Also zu nächst mal ist es so, dass die Interviews geschützt werden müssen vor Missbrauch, vor Rechtsradikalen und anderen Organisationen. Deswegen muss es einen Zugang über uns geben, dass wir prüfen können, ob hier ein wissenschaftliches oder pädagogisches oder sozialpolitisches Interesse im Hintergrund liegt. Im Einzelfall wird das sicher positiv beschieden. Denn das Interesse ist ja nicht,, das Archiv geheim zu halten, sondern im Gegenteil zur Aufarbeitung des Holocaust verfügbar zu halten."

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