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StartseitePISAplusEin Akt zivilen Ungehorsams20.09.2008

Ein Akt zivilen Ungehorsams

Warum dürfen behinderte und nichtbehinderte Schüler nicht gemeinsam lernen?

Seit September 1995 werden in der integrativen Waldorfschule Emmendingen geistig behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet. Jetzt will das baden-württembergische Kultusministerium jedoch diesen integrativen Schulversuch auslaufen lassen und hat die neue erste Klasse nicht mehr genehmigt. Die Schule hat Klage gegen das Kultusministerium erhoben. In einem Akt von zivilem Ungehorsam wurden am Mittwoch letzter Woche vier geistig behinderte Kinder in Emmendingen eingeschult.

Von Sebastian Bargon

Rollstuhl (Stock.XCHNG - Elizabeth Flores)
Rollstuhl (Stock.XCHNG - Elizabeth Flores)

Nachdem die Schulgemeinschaft sich dazu entschlossen hatte, die vier betroffenen 7- jährigen Kinder aufzunehmen, wurden sie letzte Woche gegen den Willen des Kultusministeriums und gegen einen entsprechenden Beschluss des Verwaltungsgerichts eingeschult. Diana Schikofer - sie ist Mutter eines geistig behinderten Sohnes - fühlt sich dennoch im Recht.

"Wir hatten einen Schulantrag, der genehmigt war. Wir haben uns komplett auf diese Schule eingestellt, auch mit Fahrdienst und allem drum und dran und haben dann zwei Tage vor dem Urlaub, also in den Sommerferien, eine Ablehnung bekommen vom Schulamt."

In der Waldorfschule Emmendingen hat jede Klasse vier Schüler mit und 24 Schüler ohne Behinderung. Sie werden von einem Lehrer und einem Heilpädagogen unterrichtet, dazu kommt ein Integrationshelfer. Schulgeschäftsführer Michael Löser betont, dass im Vorfeld viele Gespräche mit dem Regierungspräsidium und dem Kultusministerium geführt wurden...


"Es ist dem Kultusministerium und dem Regierungspräsidium schon lange bekannt, dass die Form der Sonderschule eine Form ist, die eigentlich auf lange Sicht das Aus für das integrative Konzept bedeuten würde. Die Schule hat deshalb den Antrag auf Anerkennung als integrative Waldorfschule gestellt. Dieser Antrag ist mündlich am 31.7 abgelehnt worden, schriftlich ein paar Tage später."

Bernd Haselmann, Regierungsschuldirektor beim Regierungspräsidium Freiburg erwidert, dass die Emmendinger Schule den Eltern gegenüber unrealistische Hoffnungen geweckt habe, denn es sei lange bekannt gewesen, dass die Sondergenehmigung für den Schulversuch Ende Juli auslaufen würde...

"Daher ist es etwas unfair der Verwaltung den schwarzen Peter zuzuschieben. Der Zeitdruck, der jetzt entstand, ist nicht der Schulverwaltung anzulasten. Ich hoffe jedoch, dass wir doch noch zu konstruktiven Lösungen kommen."

Das baden- württembergische Kultusministerium sieht bislang keinen Nachweis dafür, dass das Emmendinger Integrations- Projekt dem vom Land favorisierten Sonderschulsystem überlegen sei. Kultusminister Helmut Rau glaubt, dass flexible Kooperationsklassen für geistig behinderte Kinder besser geeignet sind als das starre Zuweisungsmodell in Emmendingen. Da das Schulgesetz eine integrative Waldorfschule nicht vorsieht, will das Kultusministerium nur zwei Schulen unter einem Dach zulassen ? eine freie Waldorfschule und eine private Sonderschule. Georgia Albrecht und Diana Schikofer glauben jedoch, dass ihre Kinder nur in einer integrativen Schule das nötige Rüstzeug fürs Leben bekommen.

"Wir dachten, es gibt die freie Schulwahl in Deutschland und denken auch :
Ein Kind mit erhöhtem Förderbedarf ? da muss auch ich entscheiden dürfen auf welche Schule es geht."

"Es gibt einfach spezielle Therapieangebote und die Förderung hier in der integrativen Waldorfschule in Emmendingen ist optimal für ihn. Das haben die Ärzte, die Therapeuten und auch die Pädagogen wie die Grundschule festgestellt. Und es kann eigentlich nicht sein, dass man aufgrund von politischen Entscheidungen das Wohl des Kindes hinten anstellt. Das darf nicht passieren in einem Land wie Deutschland!"

Das Ende des integrativen Schulentwicklungsprojekts hätte für die Emmendinger Schule gravierende Konsequenzen, da drei von vier Landratsämtern den Nachteilsausgleich und die Eingliederungshilfen nicht mehr bezahlen würden. 200.000 - 300.000 Euro würden der Schule fehlen, schätzt Schulgeschäftsführer Michael Löser. Deshalb hat die Schule Klage gegen den Ablehnungsbescheid eingereicht.

"Wir bleiben also fest dabei, dass wir als integrative Waldorfschule anerkannt werden möchten."

Unterstützung bekommt die Schule von den Grünen und der SPD. Beide
Landtagsfraktionen haben beantragt, dass das integrative Schulentwicklungsprojekt ISEP zumindest für die Klasse 1 verlängert wird, bis eine endgültige Entscheidung vorliegt, wie es mit der integrativen Schulform in Baden Württemberg weitergeht, so die Emmendinger SPD- Landtags-Abgeordnete Marianne Wonnay.

"Für mich wäre es absolut nicht hinnehmbar, wenn ein Modell, das wirklich jetzt über fast ein Jahrzehnt ? und die Schule besteht ja schon länger in dieser Form ? und es war immer hochakzeptiert, hochgelobt - wenn man da jetzt auf kaltem Weg versucht diesen besonderen integrativen Weg zu beenden. Das ist nicht hinnehmbar!"

Bern Haselmann:

"Es ist keiner gegen die Integrationsform. Die Schüler, die dort unterrichtet werden, werden gut unterrichtet. Die Frage, ob diese Form flächendeckend übertragen werden kann auf das Schulsystem - und das ist die Aufgabe eines Schulversuchs - , die ist eine andere Seite der Medaille. Wir möchten eigentlich eher kooperative Formen bevorzugen. Und meine Hoffnung ist, dass das Angebot von Herrn Kultusminister Rau, dass wir diese Schule als kooperative Verbundschule führen, die innerhalb ihres Gebäudes unterm gleichen Dach alle Möglichkeiten hat gemeinsame Beschulung zu ermöglichen. Dass wir diese Schule so genehmigen können, dann können wir verlässliche Finanz - Zusagen machen und die Schule kann auf einem sehr soliden Rahmen arbeiten, ohne dass sie den Anspruch auf gemeinsame Beschulung aufgibt. Der bleibt weiterhin erhalten. Was aber auch erhalten bleibt, ist die Möglichkeit für behinderte Kinder, für die fünf Stunden Integration eine Belastung darstellen, Rückzugsräume anzubieten. Und dafür spricht eben die Qualität der kooperativen Modelle, von denen wir in Baden-Württemberg 230 haben, die hohe Akzeptanz haben und die sich eigentlich sehr bewährt haben."

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